Ich wünsche mir Ruhe

Hochsensible leiden in unserer lauten, ego-zentrierten Welt - Eine Betroffene sagt, welche Auswege es gibt

Wissenschaftler schätzen, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind. Ihre Wahrnehmungsfähigkeit ist überdurchschnittlich differenziert. Ihr Gehirn kann mit der dadurch entstehenden Reizüberflutung aber kaum umgehen. Eindrücke gelangen ungefiltert durch ihre "dünne Haut". Die Dünnhäutigkeit befähigt Hochsensible zu differenzierter Wahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Intuition, Reflexionsfähigkeit, Feinfühligkeit und Kreativität. Mancher Hochsensible kommt aber kaum dazu, diese Stärken zu nutzen, weil er permanent zu tun hat, sich vor Reizen zu schützen und sich an die normalsensible Mehrheit anzupassen. Für Hochsensible kann das hohen Leidensdruck bedeuten. Aber es geht auch anders: Die Lausitzerin Yvonne Zschornack-Lubner weiß seit 2008, dass sie hochsensibel ist. Sie leitete die Hochsensiblen-Treffen in Dresden. Kristin Vardi traf sie in einem ruhigen Café in der Nähe der Kontaktstelle für Hochsensible KISS in Dresden.

Der Begriff Hochsensibel (HS) wurde 1996 von der US-amerikanischen Psychologin Dr. Elaine N. Aron geprägt. Ist Hochsensibilität nun eine feste wissenschaftliche Größe oder ein loses Label für alle Zaghaften?

HS ist keine Diagnose, aber oftmals eine Prädisposition für die Entstehung vieler anderer Leiden, solange man nicht weiß, dass man hochsensibel ist. Seitdem Elaine Aron die erste wissenschaftliche Arbeit zum Thema veröffentlichte, erfreut sich das Thema wachsenden Interesses. Es gibt in Deutschland auch eine Fachklinik.

In Deutschland spricht man von "Betroffenen". In welchen Gegenden der Welt wird HS als Gabe gewertet?

Das sind generell die Gegenden, wo die Leisen mehr wertgeschätzt werden, als jene, die immer laut vorneweg poltern - beispielsweise Japan oder Kanada. Wobei "Betroffener" ja nicht mehr sagt als "es betrifft mich", was im Grunde ohne Wertung ist.

Wie kann man sich das Leben eines Hochsensiblen in einer lauten, polternden Welt vorstellen?

Man muss unterscheiden zwischen dem Hochsensiblen, der gut mit sich umgeht und dem, der das noch nicht kann. Für Ersteren ist es sehr gut möglich, sich das Leben so zu gestalten, dass es sich gut anfühlt. Für die anderen ist es oft schwer. Wer gelernt hat, sich selbst an der breiten Masse zu orientieren, neigt zu Selbstüberforderung schlichtweg dadurch, dass dieses laute, hektische, betriebsame Leben für ihn nicht "artgerecht" ist. Aber der kreative Hochsensible ist in der Lage, sich seine Nische zu suchen.

Welche Folgen hat das "nicht artgerechte" Leben mit unentdeckter HS?

Das ist sehr individuell. Manche kompensieren die Überforderung eine zeitlang mit Alkohol, andere unterdrücken ihre angeborenen Bedürfnisse und finden sich in Depressionen oder anderen psychischen Diagnosen wieder. Generell gibt es bei Hochsensiblen oft psychische Probleme, die am Ende aber nur das Ergebnis aus der Sensibilität und dem falschen Umgang mit sich selbst sind. Das nenne ich dann deutlicherweise "nicht artgerecht". Man versucht, so zu sein wie alle anderen - und das schadet dem Hochsensiblen einfach. Von Therapie braucht man aber nicht zu reden. HS ist ja keine Krankheit. Es geht darum, den Hochsensiblen zu sensibilisieren für seine Sensibilität, auch wenn das seltsam klingt, das hilft.

Sie selbst haben frustrierende Erfahrungen mit Ihrer HS gemacht.

Hochsensibel heißt für mich bei Sinneseindrücken und Gefühlen: von allem mehr. Aber mir ist das manchmal zu viel. Das hat nichts mit Spaß zu tun. Aber ich erlebe, dass ich mit meinen Bedürfnissen nicht ernst genommen werde. Als Hochsensibler hört man oft, man solle sich ein dickeres Fell zulegen oder sich nicht so anstellen.

Erkennen sich Hochsensible untereinander?

Sie erkennen: Der ist wie ich, gehen aber nicht auf ihn zu. Zweifel hemmen oft die Bewegung. Das ist der Grundsatz: Ich gehe kein Risiko ein, das ich nicht abschätzen kann. Ich könnte ausgelacht werden, ausgegrenzt werden aus der Gruppe. Das hieße, ich hätte keine Rückendeckung mehr.

Man muss also eine große Anpassungsleistung vollbringen, damit man als Hochsensibler nicht allein ist?

Man muss nicht. Aber viele wählen den Weg des geringeren Widerstands und passen sich an. Und dann merken sie, dass der Weg für sie nicht gangbar ist, dass sie scheinbar in dieser (Berufs-)Welt keinen Platz finden. Manche Hochsensible werden EU-Rentner oder Sozialhilfeempfänger, weil sie die Anpassung nicht hinbekommen. Da geht es um die konkrete Arbeitssituation (zum Beispiel zu viele Geräusche, Hektik) und auch um Werte wie Ich-Bezogenheit oder Manipulation. Oder man hat sich einen Sonderstatus erarbeitet, beispielsweise als Berater. Wenn die Leute erkennen, dass man Details wahrnimmt, die anderen entgehen und daraus hilfreiche Schlüsse ziehen kann, kann das Ansehen und Rückendeckung bringen.

Was bedeutet HS in der Paarbeziehung?

Ich persönlich wusste ja lange nicht, dass ich hochsensibel bin. Ich habe immer gedacht, so wie ich es wahrnehme, ist es falsch. Damit bin ich immer schneller dabei gewesen, den Fehler bei mir zu suchen. Aber man profitiert natürlich auch voneinander. Für mich ist es beispielsweise ein Riesenakt, einen Flug zu buchen. Ich denke: "Oh Gott, hoffentlich geht das gut!" Bei solchen Themen kann man sich sehr gut mit einem nicht-hochsensiblen Partner ergänzen, der einfach bucht. Grundsätzlich kommt es immer auf die persönliche Entwicklung beider Partner an.

Sie sind Mutter von Zwillingen. Was ist da für Sie ein Nogo - aber doch Alltag?

Einfach Geräusche, die kann man nicht abstellen. Oder: Alle wollen mit mir kuscheln. Die physischen Reize werden mir neben all den anderen Anforderungen manchmal zu viel. Auch chronischer Schlafmangel geht für mich eigentlich überhaupt nicht. Also bin ich fast permanent in der Überreizung.

Was ist der Ausweg für Sie?

Bewegung hilft mir, Natur, spazieren gehen, Ruhe, mir Zeit für mich nehmen. Als Hochsensible brauche ich "die Freiheit, meine Freizeit frei gestalten zu können" wie Elaine Aron schrieb. Ich habe beispielsweise mittwochs immer frei. Mein Mann sagt zwar, dann könntest du ja mal dies und das machen. Aber ich sag: Nein.

Wie merken Sie, wenn Sie trotzdem mal an Ihre Grenzen gestoßen sind?

Ich bin dann nicht mehr sozial verträglich. Ich werde unfair, gereizt. Meine Stimme geht hoch und gibt gequetschte Töne. Es zeigen sich Angstsymptome, ich werde unsicher und unentspannt. Aber die Überreizung vergeht wieder. Und damit die Symptome. Wer aber als Hochsensibler chronisch den falschen Lebensstil pflegt, hat dauerhaft Angstsymptome, oder Magenprobleme oder Depressionen oder ist chronisch verspannt oder sonst irgendetwas.

Sinnsuche, Ideale, Moral, geistige Tiefe, Stille - es scheint, HS ist nicht gerade zeitgemäß. Wie können Sie dennoch in einer lauten, hektischen, oberflächlichen, ego-zentrierten Welt ankommen?

Das Weltbild ist im Begriff, sich zu ändern. Immer mehr Menschen merken, dass Lebensqualität kostbarer ist als Geld und setzen Konsequenzen auch in die Tat um. Und wenn ich mich nicht permanent in Situationen bringe, die mich überfordern, kann ich meine HS auch als Gabe erleben. Es geht letztlich darum, auf sich selbst zu achten, um Körperwahrnehmung.

 

Buchtipps:  "Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen", Dr. Elaine N. Aron; "Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen", Georg Parlow; "Wenn die Haut zu dünn ist: Hochsensibilität - vom Manko zum Plus", Rolf Sellin; "Hochsensible Männer: Mit Feingefühl zur eigenen Stärke", Tom Falkenstein.


Die Trainerin 

Yvonne Zschornack-Lubner aus Oßling in der Oberlausitz leitet die Hochsensiblen-Treffen in Dresden und bietet Coachings an. Die 39-Jährige ist Mutter von Zwillingen und zählt sich selbst zu den Betroffenen. Sie hat Geografie studiert und war danach zunächst im Umweltschutz sowie in der Regionalentwicklung in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Außerdem hat sie sich in der Hospizbegleitung engagiert.

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