Mehr psychische Probleme schon bei jungen Menschen

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Der neue Barmer-Report zeigt, wie akut die Lage bereits vor Corona war. Onlineangebote der Krankenkassen sollen helfen.

Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen in psychotherapeutischer Behandlung mehr als verdoppelt. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Damit benötigten 2019 bundesweit rund 823.000 Kinder und Jugendliche psychotherapeutische Hilfe.

Bei Barmer-Versicherten bis 24Jahre stiegen die Zahlen für Akutbehandlung sowie Ersttherapie 2020 um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Coronapandemie samt strikter Kontaktbeschränkungen dürfte dabei die Situation noch verschärfen, erklärt Vorstandsvorsitzender Christoph Straub. Wie sich der Lockdown auf die Psyche ausgewirkt hat, kann anhand der Abrechnungsdaten erst in ein paar Monaten beurteilt werden.

Doch es gibt deutliche regionale Unterschiede. Am größten war dem Report zufolge 2019 der Bedarf in Berlin. 5,19 Prozent aller Kinder und Jugendlichen nahmen dort psychotherapeutische Leistungen in Anspruch, gefolgt von Nordrhein-Westfalen und Hessen. Den geringsten Anteil verzeichnete Mecklenburg-Vorpommern mit 3,33 Prozent aller jungen Menschen. Sachsen liegt mit rund vier Prozent psychotherapeutisch behandelter Kinder und Jugendlicher im Mittelfeld. Von 2009 zu 2019 ist das eine Steigerung um 143 Prozent.

Hauptursache für die in Zeiten vor Corona benötigten Behandlungen waren Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, sagt Professor Joachim Szecsenyi, Autor des Arztreports. "Dazu gehören etwa Trauererlebnisse oder Mobbing. An zweiter Steller der Therapiegründe stehen die Depressionen und emotionale Störungen."

Viele junge Menschen leiden über Jahre an psychischen Störungen. Dies belegt eine Langzeitbetrachtung von Kindern und Jugendlichen, die 2014 erstmals eine Psychotherapie erhalten haben. So wurde bei mehr als jedem dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start der Psychotherapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert. Nur bei knapp 41 Prozent beschränkten sich die Psychotherapiesitzungen auf maximal ein Jahr. Mehr als ein Drittel erhielt auch zwei Jahre nach Start der Behandlung noch Psychotherapien. Die Gefahr der Chronifizierung sei groß. So seien zum Beispiel bei 62 Prozent der Betroffenen auch noch fünf Jahre nach Start der Therapie psychische Störungen diagnostiziert worden.

In Pandemiezeiten sind Kinder und Jugendliche stark psychisch belastet. "Corona hinterlässt aber besonders bei den jungen Menschen Spuren, die ohnehin schon psychisch angeschlagen sind. Hier ist eine schnelle und unkomplizierte Hilfe wichtig", so Straub. Die Krankenkasse biete dies etwa über ihr Kinder- und Jugendprogramm, bei dem derzeit fast 580.000 Kinder eingeschrieben seien. Das Programm beinhalte mehrere Extra-Vorsorgeuntersuchungen, die weit über den Leistungen der Regelversorgung lägen. Zudem unterstütze die Barmer das Onlineangebot krisenchat.de für junge Menschen bis 25 Jahre. Bei psychischen Problemen, etwa durch Cybermobbing, könnten sie sich unkompliziert und anonym an geschulte Psychologen wenden.

Auch andere Kassen haben Online-Hilfsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Problemen. So will die DAK Gesundheit mit dem Programm www.dak.de/smart4me Kinder ab zwölf Jahren unterstützen, ihre seelische Stärke zu trainieren und Stress abzubauen. Die Techniker Krankenkasse bietet unter www.tk.depressionscoach.de eine Onlinetherapie bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Das Programm Valecura der IKK classic enthält eine psychologische Einschätzung der individuellen Situation, ein digitales Behandlungsangebot und begleitende psychologische Gespräche. Krankenkassenunabhängig helfen die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, www.deutsche-depressionshilfe.de, und das Info-Telefon Depression: 0800/3344533.

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.