Neue Wärmetherapie gegen Krebs

Wenn Strahlen- und Chemotherapie nicht reichen, wird in Chemnitz nun erstmals in Sachsen mit Wärme behandelt. Eine Idee, die auf Manfred von Ardenne zurückgeht.

Hartmut Höher aus Chemnitz kämpft seit drei Jahren gegen seinen Darmkrebs. Mehrere Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen hat er hinter sich - leider ohne Erfolg. Die Metastasen sind hartnäckig. "Ich hatte keine Hoffnung mehr", sagt der 66-Jährige. "Doch dann änderte sich plötzlich alles."

Das Klinikum Chemnitz ist das erste Krebszentrum in Sachsen, das über ein Gerät zur sogenannten Tiefenhyperthermie verfügt. Damit wird das Krebsgewebe auf bis zu 43 Grad Celsius erwärmt, was es empfindlicher für Chemotherapie und Bestrahlung macht. Die Wärme werde dabei per Mikrowelle zugeführt. "Fast so, wie wir das von zu Hause kennen", sagt Dr. Gunter Klautke, Chefarzt der Radio-Onkologie am Klinikum Chemnitz. Durch diese Vorbehandlung reiche eine geringere Strahlendosis, die dann auch weniger Nebenwirkungen hat. "Das ist besonders für Patienten wie Herrn Höher eine Option, der schon mehrere Bestrahlungen und Chemotherapien hinter sich hat."

Die Idee, dass Wärme sinnvoll in der Onkologie eingesetzt werden kann, gehe auf Professor Manfred von Ardenne zurück. Der Physiker entwickelte die Ganzkörperhyperthermie. Sie gehört zu seiner Mehrschritttherapie gegen Krebs. Ardenne nahm damals an, dass die Überwärmung die Krebszellen so unter Stress setzt, dass sie absterben. Doch heute weiß die Wissenschaft, dass die alleinige Hyperthermie Krebszellen nicht abtötet, nur schwächt. Strahlen- oder Chemotherapie müssen folgen. "In vielen Fällen kann der Tumor damit bereits erfolgreich behandelt oder soweit verkleinert werden, dass er operiert werden kann", sagt Dr. Klautke.

Wichtig sei es jedoch, dass die Wärme am Tumor ankommt. Das wird mit Temperatursonden, die zum Beispiel in den Darm eingebracht werden, überwacht. "Diese Möglichkeiten hatte Manfred von Ardenne noch nicht. Die Infrarotlampen und Wärmebetten, die heute Heilpraktiker häufig anwenden, schaffen das nicht. Da kommt man nicht über 39 Grad, wie Untersuchungen bestätigt haben."

Deshalb hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen die Kostenübernahme für die Hyperthermie gegen Krebs als alleinige Behandlungsmaßnahme abgelehnt. In Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie jedoch sieht der Ausschuss die Wirksamkeit für einige Tumorarten gegeben. Das ist Voraussetzung dafür, dass das Verfahren künftig Kassenleistung werden kann.

"Nachgewiesen wurde der Nutzen der Hyperthermie insbesondere für Tumore, die aus Knochen oder Muskelstrukturen hervorgehen - sogenannte Weichteilsarkome, Tumore am Gebärmutterhals oder an der Brustwand", so der Chefarzt. Eine Studie aus den Niederlanden hat zwei Patientengruppen mit Gebärmutterhalskrebs verglichen. Die eine bekam Strahlentherapie, die andere zusätzlich Hyperthermie. "Der Überlebensvorteil der Hyperthermiegruppe lag bei 20 bis 30 Prozent, selbst noch zwölf Jahre nach der Behandlung. Nun hoffen wir, dass das die Kassen überzeugt und die Kosten übernommen werden", sagt Klautke. Etwa 3000 Euro koste eine Behandlung, denn die Therapie sei sehr zeit- und materialintensiv.

Laut Deutschem Krebsforschungszentrum in Heidelberg ist die Überwärmung jedoch noch kein Standardverfahren in der Krebstherapie. Zu viele Fragen seien offen, heißt es. Die Behandlung sollte deshalb möglichst in klinischen Studien oder zumindest unter streng kontrollierten wissenschaftlichen Bedingungen erfolgen, so das Forschungszentrum. Gut belegt sei die Kombination von Überwärmung und Chemotherapie, die auch bei Hartmut Höher angewendet wird.

Der 66-Jährige war einer der ersten, die das Gerät nutzten. "Als ehemaliger Techniker hat mich das natürlich sehr interessiert. Und Ardenne ist mir auch ein Begriff", sagt der Krebspatient. Er habe die Ärzte so viel gefragt, dass er das Gerät fast schon selbst bedienen könne, so Höher. Während der Behandlung liegt der Patient in einer flexiblen Schale, der Wärme-Applikator wird direkt auf die Stelle mit dem Tumor gelegt. Ein Medizin-Physiker, der bei jeder Behandlung dabei ist, errechnet den Bereich der höchsten Erwärmung und positioniert das Gerät entsprechend. Das ist sehr aufwendig. Ein wassergefüllter Ring koppelt die Mikrowelle an. Er kühlt die Haut und das Gewebe, das nicht überwärmt werden muss. "Ich habe mich wie in der Hängematte gefühlt, das warme Kissen auf dem Bauch war angenehm", sagt Höher. Das empfindet nicht jeder so. Manche können Wärme schlecht vertragen oder fühlen sich eingeengt, so der Chefarzt.

Die neue Hyperthermie ist aber nicht für jeden geeignet. Klautke: "Der Patient darf kein Metall, zum Beispiel ein künstliches Gelenk oder einen Herzschrittmacher, im Körper haben. Metall erwärmt sich zu stark, was zu Verbrennungen und einem Funktionsverlust des Herzschrittmachers führen könnte."

Etwa zweieinhalb Stunden dauert die Behandlung. Zusätzlich zur Überwärmung bekommt der Patient eine Chemotherapie und eine Infusion zum Flüssigkeitsersatz. Blutdruck, Herzfunktion und Sauerstoffsättigung werden parallel kontrolliert. Innerhalb von 30 Minuten nach der Hyperthermie wird noch bestrahlt.

Um die Behandlungszeit zu überbrücken, können sich die Patienten Filme oder Musik mitbringen. "Ich habe mir einen Actionfilm und ein russisches Märchen angeschaut. Die Zeit war schnell um", sagt Patient Hartmut Höher.

Sechs bis zehn Behandlungen sind nötig. Mindestens zwei Tage sollten immer dazwischen liegen. Der Grund: "Durch die Hitze bilden sich sogenannte Schockproteine, die an der DNA haften. Sie bilden sich in der Behandlungspause zurück, sodass die nächste Anwendung wieder optimal wirken kann", sagt Gunter Klautke. In sechs Wochen erfolgt die erste Kontrolluntersuchung bei Hartmut Höher. "Dann sehen wir, ob wir Erfolg hatten. Mit einer nuklearmedizinischen Untersuchungsmethode, der PET-Computertomografie, sehen wir, ob im Tumor noch Stoffwechsel stattfindet oder ob er abgestorben ist."

Der Patient selbst hat ein gutes Gefühl. "Ich spüre, dass mein Tumor bald besiegt ist", sagt er. Es gehe ihm gut und er habe richtig Auftrieb bekommen. Wenn die Behandlungsserie abgeschlossen ist, möchte er an die Brandenburger Seen reisen. Seine Frau sei schon vorausgefahren. "Wir sind sonst den ganzen Sommer dort, haben da schon viele Jahre ein Grundstück gepachtet. Ich kann es kaum erwarten", sagt er.

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