Nur wenige Behandlungsfehler sind wirklich welche

In Sachsen hat sich der Verdacht im vergangenen Jahr in 46 von 331 gemeldeten Fällen bestätigt. Ganz vorn: die Chirurgie.

Die meisten Unfälle passieren gewöhnlich im Haushalt. Günter Lange stürzte dabei so unglücklich, dass er sich das Handgelenk brach. Im Krankenhaus wurde die Fraktur genagelt - allerdings ohne Erfolg. Herr Lange musste noch einmal operiert werden und mehrere Tage in einer Klinik verbringen. Nachträglich stellte sich heraus, dass bei der ersten OP ein zu kurzer Nagel verwendet worden war.

Der Fall ist belegt, nur der Name des Patienten wurde geändert. Das Beispiel ist eines von vielen, bei denen die AOK Plus Hinweisen zu möglichen Behandlungsfehlern nachgeht - in der Regel mit Unterstützung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Im Jahr 2017 hatte der MDK deutschlandweit Fehler und Schäden in mehr als 3300 Fällen nachgewiesen.

Wenn Patienten einen Behandlungsfehler vermuten, haben sie verschiedene Möglichkeiten. Sie können sich an ihre Krankenkasse wenden, aber auch an die Gutachterstellen der Ärztevertretungen, an Patientenverbände, Verbraucherzentralen oder direkt an einen Rechtsanwalt. Der Weg über die Sächsische Landesärztekammer (SLÄK) habe mehrere Vorteile, argumentiert deren Sprecher Knut Köhler. Der wichtigste: "Wenn sich bei der Prüfung der Verdacht bestätigt, dann wird das Gutachten in aller Regel von den Gerichten als Beweismittel akzeptiert." Die Gutachterstelle kann nur tätig werden, wenn sowohl Arzt, Patient und Haftpflichtversicherer damit einverstanden sind.

Betrachtet man vermutete und bestätigte Behandlungsfehler, dann sind die Erfolgschancen für Patienten eher klein. Wie die SLÄK am Dienstag mitteilte, sind bei ihr vergangenes Jahr insgesamt 331 Behandlungsfehler gemeldet worden. Davon waren 197 Fälle so plausibel begründet, dass die Gutachterstelle der Sache nachging. Am Ende erwiesen sich aber nur 46 Anträge als begründet. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor hatte die Gutachterstelle 45 Behandlungsfehler bestätigt. Die Zahlen der Anträge (356) und der Begutachtungen (234) lagen 2017 deutlich höher. "Hinter jedem Fehler steht ein Schicksal", sagte Kammerpräsident Erik Bodendieck. Angesichts von rund 32 Millionen ambulanten und stationären Behandlungsfällen und der hohen Arbeitsbelastung spreche die geringe Fehlerzahl jedoch für die verantwortungsvolle Tätigkeit der Ärzte, Schwestern und Pflegekräfte.

In welchen Bereichen tatsächlich die meisten Fehler gemacht werden, gehe aus dem Bericht nicht hervor, sagte Sprecher Köhler auf Anfrage. Einen Hinweis könnte zumindest die Statistik zu den angefertigten Stellungnahmen liefern. Demnach entfielen fast zwei Drittel der Begutachtungen auf Krankenhäuser. In 44 Fällen waren ambulante Praxen, in 19 Fällen Klinikambulanzen und in neun Fällen Medizinische Versorgungszentren betroffen.

Aufschlussreich ist der Blick auf die betroffenen Fachrichtungen. Hier steht, wie schon in den vergangenen Jahren, vor allem die Chirurgie im Visier. Mit 80 Anträgen geht der Großteil der vermuteten Fehler auf ihr Konto. Mit großem Abstand folgen die Innere Medizin (28), die Orthopädie (21), die Gynäkologie und Geburtshilfe (11), die Neurochirurgie (10) und die Allgemeinmedizin (9) sowie weitere Fachgebiete.

Ein Behandlungsfehler liegt im Allgemeinen vor, wenn eine medizinische Behandlung nicht nach den zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden, allgemein anerkannten fachlichen Standards erfolgt - vorausgesetzt, es wurde nicht etwas anderes vereinbart.

Sächsische Gutachterstelle für Arzhaftungsfragen: 01099 Dresden, Schützenhöhe 16 www.freiepresse.de/gutachterstelle

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