Viele Schüler plagen Kopfschmerzen

Stress befördert bei Lena Migräne. Kein Einzelfall. Sachsens einzige Kinderkopfschmerzambulanz versucht zu helfen.

Lena war in der fünften Klasse, als sie ihren ersten Migräneanfall bekam. "Das war in der Schule. Ich konnte auf einmal nichts mehr sehen, musste mich übergeben und hatte extreme Kopfschmerzen", sagt sie. Ihre Eltern dachten zunächst, es handele sich um einen Magen-Darm-Infekt. "Aber die Schmerzen kamen wieder. Zugespitzt hat sich das alles in der 7. Klasse", erinnert sich Mutter Anne Kettmann.

Seither hat Lena die Schmerzattacken etwa einmal pro Monat. Sie ist dann licht- und geräuschempfindlich, von Gerüchen wird ihr schlecht - und an Essen ist nicht zu denken. Vier Stunden dauert so ein Anfall, manchmal zieht er sich bis zum nächsten Tag. Lena besucht das Sportgymnasium in Dresden und trainiert Volleyball. Hat sie viel Stress, kann sie mit einem Schmerzanfall schon fast rechnen. "Ich habe regelrecht Panik davor", sagt sie. "Da hilft nichts. Sie kommt vor Schmerz noch nicht einmal in den Schlaf. Der Körper macht dicht", sagt die Mutter.

Sie hat sich an das Schmerzzentrum der Uniklinik Dresden gewendet. Dort leitet Dr. Gudrun Goßrau Sachsens bislang einzige Kopfschmerzambulanz. "Lena ist bei Weitem kein Einzelfall", sagt sie. Aber Kopfschmerzen würden nicht als echte Krankheit wahrgenommen, obwohl sie bereits bei Minderjährigen ein Gesundheitsproblem sind. Sie können Lebensqualität und Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigen und sind die dritthäufigste Ursache für Fehltage in der Schule. "Oft führt das in einen Teufelskreis, denn Fehltage können zu Leistungsabfall, Schulversagen und Schulangst führen. Viele betroffene Kinder isolieren sich sozial und die Gefahr einer Depression erhöht sich", sagt die Neurologin.

Um herauszufinden, wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich betroffen sind, hatten die Ärztin und ihr Team 2700 junge Dresdner befragt - Grundschüler, Oberschüler, Gymnasiasten. Nur 32 Prozent hatten nie Kopfschmerzen. Die überwiegende Mehrheit aber litt wenigstens einmal, oft zweimal oder häufiger im Monat darunter, manche an bis zu 15 Tagen. Bei den Oberschülern lag der Anteil sogar bei fast 80 Prozent. Einen Arzt suchten allerdings nur wenige auf. Die Mehrheit versuchte stattdessen selbst, die Beschwerden mit Kopfschmerzmitteln in den Griff zu bekommen. "Eine irrige Annahme", sagt Prof. Reinhard Berner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Dresden. Er warnt sogar davor, unbedacht Schmerzmittel einzunehmen. Denn bei häufiger Einnahme könnten sie ihrerseits Kopfschmerzen verursachen oder verstärken. Habe ein Kind häufiger Kopfschmerzen, müsse es einem Arzt vorgestellt werden. Eltern sollten die Schmerzen spätestens dann ernst nehmen, wenn sie den Alltagsablauf beeinträchtigen, das Kind nicht mehr in die Schule oder zum Sportverein gehen kann, so Goßrau.

Wie in Lenas Fall ist bei 90 Prozent der Betroffenen der Kopfschmerz selbst die Ursache der Beschwerden. Mediziner sprechen dann von primären Kopfschmerzen, zu denen neben der Migräne auch Spannungskopfschmerzen zählen. Nur zehn Prozent treten sekundär als Begleiterscheinung einer Erkrankung oder Verletzung wie Erkältung, Grippe oder Schädel-Hirn-Trauma auf. Spannungskopfschmerzen werden von psychischen Belastungen wie Leistungsdruck in der Schule, Mobbing oder der Trennung der Eltern ausgelöst. Sie können auch physische Ursachen wie Schlafmangel, einseitige Bewegungsabläufe oder Bewegungsmangel haben. Am häufigsten sind aber Stress und Überanstrengung die Auslöser.

Der Begriff Spannungsschmerz umschreibt dabei nicht nur die geistige Anspannung, sondern auch die körperliche im Schulter- und Nackenbereich, die auf den Kopf ausstrahlt. "Das Seelische greift eng ins Körperliche über. Und diese Schnittstelle ist beim Kopfschmerz sehr eng", erklärt Goßrau.

Ihre Umfrage zeigt, dass die Schmerzanfälligkeit mit Beginn der Pubertät massiv zunimmt. "Ganz häufig ist das lifestylebedingt", sagt die Neurologin. Viele Schüler würden sich nicht genug bewegen und zu viel Zeit an Smartphone, Tablet oder Fernseher verbringen. Das seien ähnlich große Risikofaktoren wie seelischer Kummer oder der Schulstress.

Das lässt sich ändern - aber nur, wenn die Patienten mitmachen. Und das geht nicht, ohne sich lieb gewonnene Gewohnheiten abzutrainieren. Um ihnen dabei zu helfen, haben die Fachärzte der Kopfschmerzambulanz das Dresdner Kinder-Kopfschmerzprogramm (Drekip) entwickelt. Es wird angewendet, wenn körperliche Ursachen der Schmerzen ausgeschlossen worden sind. Die Therapie deckt verschiedene Alltagsbereiche ab. Deshalb arbeiten nicht nur Ärzte mit den Patienten, sondern auch Ergo-, Psycho-, Physio- und Kunsttherapeuten. In acht Gruppensitzungen, die jeweils 90 Minuten dauern, lernen sie etwa, was Psycho-Stress ist, was ihn auslöst und was man gegen ihn tun kann. Ihnen wird vermittelt, wie sie sich entspannen und vom Schmerz ablenken können. Dafür gehen die Therapeuten mit ihnen sogar Klettern. "Unsere Patienten sind sehr stark auf ihren Kopfschmerz fokussiert. Bei vielen ist er das alles bestimmende Thema. Dort setzen wir an", erklärt Diplomkunsttherapeutin Uta Zimmer. Manchmal sei sportliche Anstrengung dafür gut, manchmal Entspannung oder Kreativität. Beim Zeichnen können viele ihre Anspannung loslassen. "Wir geben den Patienten die Theorie und zeigen praktisch, was sie gegen die Schmerzen machen können. Aber machen müssen sie es am Ende allein", so Goßrau. Das funktioniert. Seit der Eröffnung vor rund vier Jahren haben die Ärzte dort über 1000 Kinder und Jugendliche betreut. Über 70 Prozent von ihnen konnten sie nachhaltig helfen.

Lena gehört dazu. Sie profitiert vor allem von den Entspannungsübungen. Auch die Gruppengespräche waren für sie wichtig. Bei Uta Zimmer hat sie einen Baum auf zartrosa Untergrund gemalt. "Das hat mich innerlich beruhigt und einfach Spaß gemacht." Ihre Migräneanfälle sind deutlich seltener geworden, aber los hat sie sie nicht.

Spürt sie eine Attacke auf sich zukommen, wendet sie jetzt die Migräne-Tipps der Kopfschmerzambulanz an, zum Beispiel das "Dicke-Haut-Training". Dafür massiert sie ihre Schläfen und spannt den ganzen Körper fest an, hält die Luft an und versucht, alles zu vergessen. "Das schaltet die Migräne ab", sagt sie. "Mir ist durch die Therapie klar geworden, dass der Sport nicht alles in meinem Leben ist und ich auch noch andere Dinge haben kann". Sie setzt sich selbst nicht mehr so unter Druck, trainiert nicht mehr jeden Tag, sondern nur noch ein bis zweimal pro Woche. Nun hat sie Zeit für Freunde, Familie, Hobbys. "Das tut mir gut", sagt sie.

Zur Kopfschmerzsprechstunde: www.freiepresse.de/kinderkopfschmerz


Das können Sie bei akuten Schmerzen selber tun 

Das Kind klagt über dumpfe, ziehende Schmerzen: Geben Sie ihm ausreichend zu trinken und gehen Sie mit ihm an die frische Luft. Bewegung fördert die Durchblutung und hilft, dass sich das Kind vom Schmerz ablenkt.

Bei diesen Spannungskopfschmerzen helfen Euminz-Produkte wie Stifte oder Öle, die man auf Schläfen oder Stirn aufträgt. Sie enthalten Pfefferminzöl, das schmerzlindernd und entspannend wirkt.

Das Kind hat pochende, pulsierende Schmerzen: Ihm kann übel sein, es kann sich sogar erbrechen. Der Schmerz kann halbseitig auftreten. Dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Migräne.

Bei Migräne hilft Ruhe. Lassen Sie Ihr Kind in einem abgedunkelten, leisen Raum schlafen, kühlen Sie seine Stirn. Migräne kommt wieder. Das Kind sollte einem Arzt vorgestellt werden. Quelle: rnw

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