Welcher Blutdruck ist noch normal?

Die USA wollen die Grenzwerte senken - Was für Deutschland die bessere Alternative ist, erklärt ein Professor der Uniklinik Dresden

Mehr als 25 Millionen Deutsche haben hohen Blutdruck. Ihre Zahl könnte auf 40 Millionen steigen, wenn Deutschland die neuen USA-Grenzwerte übernimmt. Dort gilt bereits ein Wert von 130/80 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) als Hochdruck, in Deutschland 140/90. Noch in diesem Jahr soll darüber entschieden werden. Stephanie Wesely sprach darüber mit Professor Christian Hugo, Leiter des Bereichs Nephrologie an der Uniklinik Dresden.

Freie Presse: Herr Professor, warum haben die USA die Grenzwerte für Bluthochdruck abgesenkt? Werden etwa zu wenig Medikamente verkauft?

Professor Christian Hugo: Bestimmt nicht. Fakt ist aber, dass der bisherige Grenzwert von 140 für den systolischen Blutdruck, also den oberen Wert, für manche Patienten bereits zu hoch ist. Ein niedrigerer Wert schützt Gehirn, Nieren, Blutgefäße und Herz besser - besonders, wenn weitere Risikofaktoren wie zu hohe Blutfette, Diabetes, Nierenerkrankungen und Übergewicht hinzukommen. Dennoch müssen wir die Werte nicht komplett und rigoros für alle übernehmen.

Warum nicht?

Grundlage für die neuen Werte war die amerikanische Sprint-Studie aus dem Jahr 2015. Der dafür ausgewählte Personenkreis und auch die Messmethode sind für uns nicht verallgemeinerbar. So wurden Patienten ausgewählt, die im Schnitt 68 Jahre alt waren, eine manifestierte Herz-Kreislauf- oder eine chronische Nierenerkrankung hatten, aber keinen Schlaganfall oder Diabetes haben durften. Das ist beileibe kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung. Die Blutdruckmessung erfolgte nicht unter Aufsicht in der Arztpraxis, wie das in Deutschland für Studien üblich ist, sondern unbeobachtet. Das kann schon einen Unterschied ausmachen. Untersuchungen der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie zufolge liegen Messungen durch medizinisches Personal zum Teil um 10 bis 15 Millimeter Quecksilbersäule (mm/Hg) höher.

Also rechnen wir die einfach zum neuen USA-Wert von unter 130/80 dazu und haben den deutschen Wert?

Ganz so einfach geht das nicht. Es hängt eben von der benutzten Blutdruckmessmethode und den Patienten mit oder ohne Begleiterkrankungen und Risikofaktoren ab. Grundsätzlich will die neue US-Richtlinie vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit für Patienten mit leicht erhöhten Blutdruckwerten erreichen, was ja richtig ist. Aber andererseits wissen wir auch, dass Blutdruckwerte unter 120/80 mmHg vermehrt zu Schwindel beim Aufstehen oder schlechterer Nierenfunktion führen können. Da wird dann der Zielkorridor der Blutdruckbehandlung recht klein.

Wie erfolgreich ist man in der Bluthochdruckbehandlung?

Den Wert von 140/90 unterschreitet höchstens die Hälfte der Patienten, die mit Blutdruckmedikamenten behandelt werden. Das zeichnet ein düsteres Bild.

Die Medikamente sind aber gut, sagt die Stiftung Warentest.

Sie sind gut wirksam, das stimmt. Aber sie müssen eben auch genommen werden. Gerade weil Bluthochdruck nicht schmerzhaft ist, fällt das schwer. Auch meinen manche, wenn die Werte mit Medikamenten im Normalbereich liegen, können sie diese absetzen. Doch das geht nicht. Bluthochdruck ist eine fortschreitende Erkrankung. Die Gefäße verkalken mit zunehmendem Alter immer mehr. Das schadet insbesondere den Nieren, was wiederum die Blutdruckerhöhung verstärkt. Man kann es drehen wie man will: Einmal Medikamente, immer Medikamente. Es sei denn, man kann frühzeitig seinen Lebensstil umstellen.

Wann kann eine Lebensstiländerung ausreichen?

Sind die Blutdruckwerte nur leicht erhöht, also maximal bei 159/99, und liegen keine Organschäden vor, versucht der Arzt zuerst, den Patienten ohne Medikamente zu behandeln. Hat das nach ein paar Wochen keinen Erfolg, wird zunächst ein Wirkstoff gegeben. Im Schnitt bekommen die meisten zwei Medikamente. Bei Werten über 160/100 wird eine Lebensstiländerung allein aber nicht reichen.

Was sollte der Patient ändern?

Er sollte sich täglich 20 bis 30 Minuten sportlich bewegen - mit gleichmäßiger Herzbelastung wie beim Walken, Schwimmen oder Radfahren. Er sollte sich fett- und fleischarm ernähren. Wenn dadurch das Körpergewicht sinkt, wird oft auch der Blutdruck entlastet. Er sollte nicht rauchen und nur mäßig Alkohol konsumieren. 10 bis 15 mm/Hg kann das alles schon bringen.

Aber viele Hochdruckkranke sind sportlich und schlank.

Das ist richtig. Ein Großteil unserer Patienten hat eine genetische Veranlagung für Bluthochdruck - Mutter und Vater waren ebenfalls hochdruckkrank. Ihnen bleibt dann nur die medikamentöse Behandlung. Von einer gesunden Lebensweise sind sie aber trotzdem nicht befreit.

Wenn der Bluthochdruck aber in den Genen liegt, kommt der Körper damit dann nicht auch besser zurecht? Muss man ihn wirklich senken?

Ja, ein hoher Blutdruck ist immer ein Gesundheitsrisiko. Von dem früher oft propagierten Bedarfshochdruck bei Veranlagten ist die Wissenschaft längst weggekommen.

Und wie ist das mit dem Salz?

Da wir Deutschen allein schon durch unser dunkles und würziges Brot mehr Salz verzehren, als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird, kann uns etwas weniger nicht schaden. Aber Sie haben recht, ganz ohne Salz geht es auch nicht. Kompletter Salzverzicht erhöht sogar die Sterblichkeit, wie eine große Studie vermuten lässt. Die Wahrheit liegt also wie so oft in der Mitte, bei einem normalen Maß.

Aber welche Rolle spielt die Psyche? Manche stresst die Blutdruckmessung.

Das ist wahr. Viele Patienten sind aufgeregt, wenn das Gerät nachpumpt. Dann sind sie schon in Sorge, ob die Werte wieder zu hoch sein könnten. Stress und Stressempfänglichkeit können wichtige Treiber für den Blutdruck sein. Zudem bedingen sich psychische Erkrankungen und Bluthochdruck gegenseitig. Jeder Mensch, aber besonders Bluthochdruckkranke, sollten versuchen, eine gute Balance zwischen Anspannung und Entspannung hinzubekommen. Entspannend wirken Sport, Meditation, Yoga oder autogenes Training.

Viele erreichen trotz mehrerer Medikamente keinen normalen Blutdruck. Hilft ihnen eine OP an der Niere?

Sie meinen bestimmt die renale Denervation. Hierbei werden Nervenenden in der Gefäßwand der Nierenarterien verödet. Das soll den Blutdruck senken. Doch die Erwartungen haben sich in einer Studie vor etwa drei Jahren leider nicht erfüllt. Diese Behandlung wird seither kaum noch durchgeführt. Neu ist eine Art Schrittmacher - der Baroreflex-Stimulator -, der in einer minimal-invasiven OP an der Halsschlagader platziert wird. Über kleine Strompulse werden die Herzfrequenz gesenkt, die Gefäße weit gestellt und somit der Blutdruck gesenkt. Doch solche Eingriffe stehen immer an letzter Stelle.

Medikamente werden also nie ersetzbar?

Nie würde ich nie sagen. Aber für die nächsten Jahre gilt: einmal Medikamente, immer Medikamente.


Rat am Telefon 

 

Am Mittwoch, dem 22. August, beantworten von 14 bis 18 Uhr folgende Experten Ihre Fragen zum Bluthochdruck:

Telefon 0351 48642805: Professor Christian Hugo, Leiter des Bereichs Nephrologie, Uniklinik Dresden;

Telefon 0351 48642806: Dr. Simon Parmentier, Facharzt für Innere Medizin, Uniklinik Dresden;

Telefon 0351 48642807: Andreas Fischer, Stationsapotheker, Uniklinik Dresden.

 

Fragen per E-Mail können bis 22. August, 13 Uhr gesendet werden an:

telefonforum@redaktion-nutzwerk.de

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