Das erste Rennen: Sturz und Ehrenrunde

"Freie Presse"-Redakteur Thomas Reibetanz will 2020 beim Mountainbikerennen starten. Der Weg dahin wird dokumentiert. Teil 4: Erzgebirgs-Bike-Marathon.

Auf Expertentipps hört man. Oder auch nicht. Als ich vor drei Wochen bei der Leistungsdiagnostik in der TU Chemnitz auf dem Ergometer saß, war Steffen Öhmichen mit meinen Werten halbwegs zufrieden. "Du solltest so weitermachen wie in den vergangenen Wochen", sagte der TU-Wissenschaftler. "Mehrmals pro Woche deine 50 Kilometer fahren, das Tempo nicht zu sehr erhöhen, langsam die Distanzen steigern", empfahl er.

Es dauerte genau vier Tage, bis ich diese Tipps mal eben komplett ignoriert habe. Denn einer der Mannschaftskollegen, mit denen ich im kommenden Jahr in einem Viererteam beim Heavy 24 antreten will, hatte da eine Idee. "Eigentlich müsstest du als Vorbereitung mal den Erzgebirgs-Bike-Marathon in Seiffen mitfahren", sagte er. Ob er das als Scherz gemeint hat, haben wir nie ausgewertet. Fakt ist aber: Ich habe es ernst genommen. Und nachdem ich monatelang kaum Sport getrieben und erst Mitte Juni wieder mit dem Radfahren begonnen habe (und das zunächst mit einem E-Bike), bin ich am Sonntag das erste Mountainbikerennen meines Lebens gefahren.

Und nicht irgendeines. Der Erzgebirgs-Bike-Marathon (EBM) ist der älteste Mountainbike-Marathon Deutschlands und zählt zu den härtesten nördlich der Alpen. Seit 2009 ist er Teil der größten europäischen Mountainbike-Marathon-Rennserie Marathon Man Europe (MME). In diesem Jahr waren über 1500 Sportlerinnen und Sportler aus allen Ecken der Republik und auch aus dem Ausland am Start, 488 Männer davon gingen ins "Rennen der Bauern". So heißt die kürzeste Distanz über 40 Kilometer. Ich war mittendrin und habe in den fast zweieinhalb Stunden im Sattel mal so richtig Lehrgeld zahlen dürfen. Genau das war aber auch Sinn der Sache, denn bevor ich nächstes Jahr von Null auf Hundert beim Heavy 24 mitfahren will, muss ich auch mal richtige Rennatmosphäre geschnuppert haben.

Getestet hatte ich die Strecke bei Seiffen schon ein paar Tage vor dem Rennen. Und mir ist dort bewusst geworden, dass ich in den kommenden Monaten noch viel zu tun habe. Die knackigen Anstiege schmerzen noch zu sehr in den Beinen, für die steilen Abfahrten muss fahrtechnisch noch viel geübt werden. Und dennoch: Die Lust auf das Rennen ist mir nicht vergangen.

Alle Distanzen, also auch die über die 70 und die 100 Kilometer, starteten mit einer Einführungsrunde durch Seiffen, bevor es ins Gelände ging. Schon auf dieser Runde hatte ich das Gefühl: Mensch, die Beine sind gut. Das Problem dabei: Ohne jegliche Rennerfahrung kann genau diese Euphorie zum Killer werden. Denn geht man das Rennen zu schnell an, könnten am Ende die entscheidenden Körner fehlen. Und so redete ich mir bei jedem Überholvorgang aufs Neue selbst ins Gewissen: "Fahr dein Tempo! Übertreib es nicht!"

Daran hielt ich mich, auch im Gelände gingen Anstiege und Abfahrten erstaunlich gut. Bis zur Hälfte des Rennens zumindest. Dort kam nämlich ein Trail, der es in sich hatte. Ein schmaler Weg mit viel Wurzelwerk führte den Berg steil hinab. Schon oben wurde vor der gefährlichen Abfahrt gewarnt, es gab auch die Möglichkeit, auf einem Weg gleich daneben das Rad zu schieben. Aber nicht mit mir - dachte ich. Und dann wurde mir übel. Es war dermaßen steil, dass ich als ungeübter Fahrer ziemlich ungelenk nach unten holperte, beobachtet von etlichen jubelnden Zuschauern. Und wenn die alle schon mal an die Strecke gekommen sind, sollen sie auch etwas geboten bekommen - dachte ich mir und stieg kurz vor dem Ende des Trails spektakulär über den Lenker ab. Ich hatte die letzte kleine Kurve nicht bekommen und landete nach einem gepflegten Salto auf dem Rücken. Zum Glück auf dem weichen Waldboden. Merke: Selbstüberschätzung kommt vor dem Fall.

Den Vogel habe ich aber nicht mit dem Sturz abgeschossen. Sondern kurz vor dem Ziel. Am Ende des garstigen Anstieges nach Seiffen hoch, auch "Alp de Wettin" genannt, gibt es ein Tor über der Strecke, auf dem die Fahrer von einem Sprecher begrüßt werden. Hätte ich vorher mal auf den Streckenplan geschaut, ich hätte gewusst, dass hier noch nicht das Ziel ist. So aber bin ich nach dem Abstieg ausgetrudelt und habe nach meiner Familie Ausschau gehalten. Nachdem etliche Fahrer mit grünen Startnummern - das waren die, die mit mir die 40-Kilometer-Runde fuhren - an mir vorbei gesaust waren, kamen mir Zweifel. Ich fuhr kurz zurück und ein Streckenposten sagte, dass ich noch ein paar Meter zu fahren habe. Nach meiner saudummen Ehrenrunde kam ich nach 2:21,06 Stunden als 231. von 488 gestarteten Männern ins Ziel - und ohne das viele Lehrgeld, das ich unterwegs gezahlt habe.

Alle Texte der Serie "In einem Jahr zum Heavy 24" gibt es im Internet: www.freiepresse.de/heavy24


24 Stunden im Sattel

Das Heavy 24 ist ein jährlich stattfindendes Geländerennen für Mountainbikefahrer rund um den Stausee Oberrabenstein. Ziel für jeden Einzelstarter oder jedes Team (Zweier, Vierer oder Achter) ist es, innerhalb von 24 Stunden so viele knapp 10 Kilometer lange Runden wie möglich zu fahren. Ende Juni dieses Jahres fand das Rennen zum 13. Mal statt. Der Sieger im Einzelwettbewerb schaffte dabei 54, das beste Zweierteam 62, das beste Viererteam 66 und das beste Achterteam 70 Runden. (tre)

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