Der Mann für alle Fälle beim Club

Er war fast fünf Jahrzehnte für den FCK/CFC auf Achse - als Spieler, Manager und Geschäftsführer: Peter Müller, der am Montag seinen 70. Geburtstag feierte. Während seiner sportlichen Laufbahn erlebte er innerhalb kurzer Zeit ein Wechselbad der Gefühle.

Die Spieler des FC Karl-Marx-Stadt hatten einen Lauf. In der Saison 1966/67 geschah etwas, was man nicht genau erklären kann. "Wir gehörten keinesfalls zu den Favoriten, waren eher im Mittelfeld angesiedelt", sagt Peter Müller. Als Abwehrspieler habe er damals alle 26 Partien bestritten. Die ersten 16 davon blieb der FCK ungeschlagen. In der Stadt machte sich Euphorie breit. "Wir spielten zunächst an der Gellertstraße. Im November 1966 gegen Vorwärts Berlin kamen 28.000 Zuschauer", erinnert sich Müller, der am Montag seinen 70. Geburtstag feierte.

Die Mannschaft musste danach ins größere Thälmannstadion, heute Sportforum, umziehen. Als es im Frühjahr 1967 zum vorentscheidenden Spiel gegen Lok Leipzig kam, wollten 45.000 Anhänger dabei sein. Der FCK ließ nicht nach und wurde überraschend DDR-Meister - auch für Müller in seinem erst zweiten Männerjahr ein Riesenerfolg. "Wir waren eine verschworene Einheit und alle sehr ehrgeizig", berichtet der gebürtige Vogtländer. Zwischen zwei Trainingseinheiten hätten die meisten Spieler noch Fußball-Tennis gespielt. "Dabei ging es um kleine Geldbeträge", so Müller. Vater des Meisterschaftsgewinns sei Trainer Horst Scherbaum gewesen. "Er hat damals einige neue Dinge eingeführt. So haben wir vor jedem Heimspiel in Pleißa im Gästehaus des DTSB übernachtet", erzählt Müller. Auch zu Auswärtsbegegnungen sei die Mannschaft einen Tag früher angereist.

Der Titelgewinn war nach einem 1:0-Sieg bei Hansa Rostock am 7. Mai 1967 perfekt. Als die Spieler am nächsten Morgen mit dem Zug im Hauptbahnhof einfuhren, wurden sie von Tausenden Fans begrüßt und auf Schultern ins gegenüberliegende Carola-Hotel getragen. "Dort haben wir gefrühstückt, bevor wir trotz der gewonnenen Meisterschaft zum Training ins Thälmannstadion mussten", sagt Müller.

1963 war er von Wismut Auerbach zum SC Karl-Marx-Stadt und in die Kinder- und Jugendsportschule gekommen. "Dort waren damals gerade Fußball-Klassen gegründet worden", erklärt der Pensionär. Er fiel durch starke Leistungen auf und sollte 26 Nachwuchs- bzw. Junioren-Länderspiele für die DDR bestreiten. Höhepunkt: Der Gewinn des Uefa-Juniorenturniers 1965 in Westdeutschland, gleichzusetzen mit einer Europameisterschaft. Zu den Gegnern gehörten damals auch die Holländer mit dem späteren Weltstar Johan Cruyff.

Das Hochgefühl nach dem Meisterschaftsgewinn 1967 hielt in Karl-Marx-Stadt nicht lange an. War das anschließende Ausscheiden in der ersten Runde des Europapokals der Landesmeister gegen das damalige Spitzenteam des RSC Anderlecht noch Fußball-Normalität, mutierte der FCK keine drei Jahre später zum Schatten seiner selbst. "Genauso überraschend, wie wir den Titel geholt haben, sind wir 1970 aus der Oberliga abgestiegen. Wir dachten wohl, dass nach der Meisterschaft alles von allein geht", sagt Müller. In jenem Jahr sollte er zur Armee und zum FC Vorwärts Frankfurt/O. wechseln - für den heimatverbundenen Sachsen eine Horrorvorstellung. Auch wenn es seltsam klingt: Müllers Glück war, dass er sich schwer verletzte: "Ich zog mir einen Kreuzbandriss zu. Daraufhin bin ich ausgemustert worden und musste nicht nach Frankfurt."

Er spielte bis 1980 für den FCK, dann war mit 34 Jahren Schluss. Bis zur Wendezeit bekleidete der Diplom-Sportlehrer die Funktion des hauptamtlichen Mannschaftsleiters beim Club, bevor er zum Manager avancierte. "Der damalige Präsident Karlheinz Friedrich hat mich dazu gemacht", berichtet der 70-Jährige. Friedrich wollte die Himmelblauen in Liga eins führen. "Er war sehr umtriebig, hat viele Strippen gezogen. Friedrich passte sehr gut in die Nachwendezeit", sagt Müller. Doch dann der Schock: Am frühen Morgen des 27. September 1990 wurde Peter Müller von der Ehefrau Friedrichs angerufen. Ihrem Mann gehe es nicht gut. "Ich bin sofort hingefahren. Der gerufene Notarzt konnte ihm aber nicht mehr helfen", berichtet der Ex-Manager.

Der CFC war plötzlich führungslos. Ratlosigkeit machte die Runde. "Ich habe dann Werner Thomßen, der Rentner war, als Präsident vorgeschlagen", erzählt Müller. Als früherer Chef des Textima-Kombinates sei Thomßen ein erfahrener und angesehener Geschäftsmann gewesen. Außerdem war er bereits 1967 beim Meisterschaftsgewinn Vorsitzender des Clubs und habe auch menschlich überzeugt. Thomßen wurde kurz darauf zum Vereins-Chef gewählt. Und auch wenn der CFC die Qualifikation zur 1. Bundesliga verpasste: Das Team etablierte sich in Liga zwei, der Verein kam in ruhigeres Fahrwasser.

Stets mit dabei war Peter Müller, der 1993 Geschäftsführer wurde. "Bis zur Rente hatte ich diese Rolle inne. Insgesamt war ich 48 Jahre im Verein", sagt Müller. Bitterster Moment in der Nachwendezeit sei für ihn der Abstieg aus der Zweiten Liga 1996 gewesen. "Wir mussten danach Mitarbeiter der Geschäftsstelle und Trainer im Nachwuchsbereich entlassen", erklärt er und spricht von einer anstrengenden Zeit. Das bekam auch die Familie zu spüren. Er sei seiner Frau Angelika sowie den Töchtern Katharina und Tina dankbar. "Sie haben mir den Rücken freigehalten", betont Müller.

Vom Fußball und seinem CFC kann er auch als Ruheständler nicht loslassen. "Ich bin noch viel vor Ort, schaue beim Training zu und besuche die Heimspiele", sagt der 70-Jährige. Seiner Meinung nach muss der Verein die Zweite Liga erreichen, "und zwar so schnell wie möglich". Müller: "Das ist wirtschaftlich notwendig. Die Kosten der Stadion- betreibung sind enorm. Allein das Fernsehgeld in Liga zwei wäre etwa zehnmal so hoch wie zurzeit."

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