Der Niedergang einer Traditionssportart

Die Frauen-Mannschaft des Chemnitzer Polizeisportvereins als bisheriges Volleyball-Aushängeschild der Stadt hat sich aufgelöst. Damit ist eine jahrzehntelange Ära zu Ende gegangen - mit noch nicht absehbaren Folgen.

Es geschah im Jahr 2008, als die Sporthalle an der Forststraße zum Tollhaus wurde. Die Volleyballerinnen des Chemnitzer Polizeisport- vereins (CPSV) feierten mit ihren Fans den Aufstieg in die 1. Bundes- liga. Damit krönte der Verein seine lange und erfolgreiche Arbeit, bei der das Augenmerk vor allem auf der Nachwuchsarbeit lag.

Zehn Jahre später gibt es nichts mehr zu feiern. Statt Euphorie nur noch Tristesse: Das Frauen-Team des CPSV als bisheriges Volleyball- Aushängeschild der Stadt existiert nicht mehr. Nach dem organisatorisch und personell bedingten, freiwilligen Rückzug aus Liga drei, wo die Chemnitzerinnen in den vergangenen beiden Jahren gespielt hatten, muss man nun sogar auf einen Start in der Regionalliga verzichten. "Wir haben nicht genügend Spielerinnen zusammenbekommen", berichtet Frieder Heinig. Er war Leiter der erst vor kurzem gegründeten Sektion Damen-Volleyball des CPSV sowie Trainer der ersten Mannschaft. Das für Liga vier beantragte Spielrecht wird auf Fortschritt Lichtenstein übertragen.

Die Nachricht vom Niedergang der Sportart macht auch Mirko Pansa zu schaffen. Er war von 1999 bis 2009 Cheftrainer der Chemnitzer Volleyballerinnen und führte die Mannschaft in die 1. Bundesliga. "Ich bin schockiert. Das will mir nicht in den Kopf", sagt Pansa, der inzwischen am Schul- und Leistungssportzentrum Berlin als Lehrer und Trainer arbeitet. Dass es nicht gelingt, in der Region Chemnitz ein Team für die Regionalliga zusammenzustellen, sei nicht zu begründen. "Damit wird eine lange Tradition einfach weggewischt", fügt der 44-Jährige hinzu.

Dies sei schlecht für den Nachwuchs, der keine Vorbilder mehr im eigenen Verein hat. "Mir fehlt der Glaube, dass es zu einem Neuaufbau kommt. Offensichtlich ist es gar nicht gewollt, den Volleyball-Standort am Leben zu halten. Damit verprellt man die letzten Mitstreiter, die sich für diese Sportart noch engagieren", sagt der Wahl-Berliner. Er hat aus der Ferne mitbekommen, dass es viele Querelen beim CPSV gegeben hat. "Man konnte sich nicht zusammenraufen und persönliche Befindlichkeiten im Interesse des Sports hintenan stellen", so Pansa.

Die Fassung langsam wiedergefunden hat Gerda Lermer. Nach der Wende war sie knapp 20 Jahre lang Nachwuchstrainerin beim CPSV, formte zahlreiche Mädchen zu Klassespielerinnen - allen voran die 250-fache Nationalspielerin Corina Ssuschke-Voigt, die 2016 zum Chemnitzer Verein zurückgekehrt war. "Ich habe geahnt, dass es so schlimm kommen würde. Das war ein schleichender Prozess", sagt Gerda Lermer. Es sei beschämend, dass die Chemnitzer Volleyball-Tradition so den Bach hinuntergeht. Man habe nicht langfristig gedacht. Es seien zu viele personelle Wechsel bei Trainern und Funktionären vollzogen worden. "Auch die Jugendarbeit ist abgeflacht. Zum Schluss gab es nur noch einige wenige Mitstreiter", so die 77-Jährige. Im Moment sehe sie niemanden, der sich um einen Neuaufbau kümmert.

CPSV-Präsident Volker Lange spricht ebenfalls von einem schleichenden Prozess, der von der Vereinsführung erkannt worden sei. Doch Hinweise an die Sektion seien ignoriert beziehungsweise abgelehnt worden. Lange spricht zudem von Selbstdarstellern und von Größenwahnsinn, der sich breit- gemacht habe und nach hinten losging. Namen wolle er öffentlich jedoch nicht nennen. Der Vereinsführung sei von den Volleyball-Verantwortlichen gesagt worden: Wir schaffen das! "Doch sie haben es nicht hinbekommen. Mit dem Rückzug des Frauenteams fehlt dem CPSV jetzt ein Aushängeschild", stellt der Präsident fest.

Die Volleyball-Abteilung besteht somit nur noch aus einem Bezirksklasse-Team sowie aus dem Senioren- und Juniorenbereich. Lange will sich damit nicht abfinden. "Mein Ziel ist es, dass die Konzentration in der Sektion auf dem Nachwuchs liegt und daraus nach und nach wieder eine Damenmannschaft aufgebaut wird, die den Verein erfolgreich repräsentiert", sagt der CPSV-Chef.

Besonders hart ist die Situation für einige Spielerinnen. "Es tut schon weh, nach zwölf Jahren beim CPSV weggehen zu müssen", sagt Außenangreiferin Anna-Maria Nitsche. Die Kapitänin der Rückrunde 2017/18 findet, dass Chemnitz angesichts einer für die Sportart einzig- artigen Resonanz von mehreren hundert Zuschauern höherklassigen Volleyballsport verdient hätte. Schon die Aussage im März, dass nur noch Regionalliga gespielt werden soll, sei ein Schock für die Spielerinnen gewesen, erklärt Nitsche. Doch dann kam es noch schlimmer. So bleiben für die 20-Jährige erst einmal nur Erinnerungen an die Glanzlichter ihrer CPSV-Zeit: die Teil- nahme an deutschen Jugendmeisterschaften der U 14 im Jahr 2011, das Schnuppern von Zweitligaluft in der Saison 2014/15 und die Drittliga-Meisterschaft 2016/17.

Dass Anna-Maria Nitsche in der kommenden Saison für Lichtenstein in der Regionalliga antreten wird und nicht anderen Angeboten den Vorzug gab, habe mit ihrer Verbundenheit zur Region zu tun. "Ich kann es fahrtechnisch mit meiner Ausbildung in Chemnitz vereinbaren und sehe vom Lichtensteiner Umfeld her das Potenzial, dass ein Aufstieg in die Dritte Liga innerhalb von ein bis zwei Jahren möglich ist", betont die angehende Erzieherin. Und sie verspricht: "Wann immer es in Chemnitz wieder möglich sein wird, höherklassig zu spielen: Ich bin dabei!" (mit tbk)


Kommentar: Der blanke Wahnsinn

Die Geschehnisse in der Volleyball-Abteilung des Polizeisportvereins sind der blanke Wahnsinn. Alle Details werden wohl nie ans Licht kommen. Offensichtlich war in letzter Zeit aber all das an der Tagesordnung, was den Sport kaputtmacht: persönliche Differenzen, zu viel Eitelkeit, fehlende Fachkompetenz und dazu noch eine Damenmannschaft, in der Harmonie zum Fremdwort geworden ist. Diese Mixtur war mehr als genug, um das Aushängeschild des städtischen Volleyballs zu zertrümmern. Bis der Scherbenhaufen beseitigt ist, wird es lange dauern. Besonders bitter: Kleine Orte wie Zschopau und Lichtenstein schaffen es, höherklassige Teams auf die Beine zu stellen. In der Großstadt Chemnitz soll dies nicht mehr möglich sein - ein Armutszeugnis, das seinesgleichen sucht.

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