Ein Chemnitzer Keeper und sein großer Traum

Sebastian Themel gehört seit 2016 der Nationalmannschaft der Blindenfußballer an. Um seine Position als Nummer eins zu behaupten, muss er ungewöhnliche Wege gehen.

Chemnitz.

Länderspiele, Kreisliga, Bundesliga - die Skala seiner Aufgaben könnte unterschiedlicher nicht sein. Sebastian Themel ist Fußballtorhüter und auf allen drei Ebenen ein gefragter Akteur. Im Blindenfußball, bei dem nur der Keeper sehen darf, hütet er das Tor der Nationalmannschaft und beim Chemnitzer BC (CBC) sowie bei den Männern des Kreisligisten VTB. Am kommenden Wochenende bestreitet er zudem in Stolberg (Rheinland) den Bundesligaauftakt (Blinde) im Trikot von Marburg Diese "Gastrolle" hat er deshalb übernommen, da sein Heimatverein CBC in dieser Saison wegen des personellen Neuaufbaus auf sein Startrecht in der höchsten deutschen Klasse verzichtet.

"Ich muss als Nationalspieler auf alle Fälle Bundesliga spielen, mich ja immer wieder anbieten", begründet Sebastian Themel. Er braucht diese Praxis verständlicherweise, auch das regelmäßige Training mit den Assen. Denn die Marburger Akteure treffen sich über den Ligabetrieb hinaus zu regelmäßigen Übungswochenenden. "Und die Mannschaft freut sich, dass sie ihr Torhüterproblem gelöst hat", ergänzt der 34-Jährige, für den es keinerlei Anpassungsprobleme gibt. Denn einige Gefährten kennt er aus der Auswahl, deren Coach Peter Gößmann gleichzeitig als Bundestrainer fungiert. Nach der EM 2017 in Berlin, die aus deutscher Sicht auf Platz sechs endete und bei der intern viel Unzufriedenheit herrschte, bewarb er sich für diese ausgeschriebene Stelle. Dass ihm das Amt übertragen wurde, entsprach dem Wunsch der Spieler.

"Mit ihm läuft jetzt alles viel professioneller ab. Vorher gab es beispielsweise nie Videoanalysen. Während eines Lehrganges in Marokko waren wir uns dann schnell einig, dass ich sein Bundesligateam verstärke", berichtet Sebastian Themel. Seit 2016 gehört er nicht nur zum Nationalmannschaftskader, er hat sich zur Nummer eins zwischen den Pfosten entwickelt. Erst kürzlich erhielt er wieder äußerst positive Kritiken, als in Testpartien gegen den aktuellen Europameister Russland zwei Remis (0:0; 1:1) gelangen. Er selbst spürt den Rückhalt des Betreuerteams, muss sich in den Lehrgängen gegen die jüngere Konkurrenz aber diesen Status stets aufs Neue hart erarbeiten.

Im Alltag nutzt der Mitarbeiter eines Lieferservices (Sushi-Taxi) in seiner Freizeit viele Stunden, um Kondition und Kraft zu tanken. Wenn es sich mit seinem Schichtdienst vereinbaren lässt, absolviert er auch das Training beim CBC mit. Denn diese speziellen Übungen besitzen für ihn enorme Bedeutung. "Es ist für mich stets ein schmaler Grat. Denn ich muss einerseits mit Zurufen die eigene Abwehr dirigieren, andererseits mich auf meine eigenen Aktionen einstellen. Der genaue und oft schnelle Wechsel ist sehr schwierig, erfordert permanente Konzentration", erklärt Sebastian Themel, der bisher 34 Länderspiele auf dem Konto hat. Manch anderer Keeper aus weitaus höherklassigen Ligen scheiterte an dieser Vielfalt.

Indes fand der Sachse außergewöhnlich schnell einen Draht zum neuen Metier. Der Trainer der Chemnitzer, Michael Falb, mit dem er seit der Jugend befreundet ist, hatte ihn dazu animiert, es einmal zu versuchen. Im Frühjahr 2015 gab er bei einem internationalen Turnier sein Debüt. Bereits in der folgenden Bundesligasaison sorgte er für Furore, als er maßgeblichen Anteil am ersten Vizemeistertitel des CFC hatte. Sebastian Themel kassierte in der gesamten Serie nur ein Gegentor. Das blieb natürlich den Auswahlverantwortlichen nicht verborgen. Im April 2016 erlebte der Torhüter des VTB, der auf Kreisebene um Punkte kämpft, seine Auswahlpremiere.

Gegenwärtig bereitet sich die Nationalmannschaft auf die EM, die Mitte September in Rom stattfindet, vor. "Wenn wir dort das Finale schaffen, könnten wir uns für die Paralympics 2020 qualifizieren. Da würde sich natürlich ein großer Traum erfüllen, es wäre das absolute Highlight für mich", meint Sebastian Themel mit Blick auf seine zweite internationale Meisterschaft.

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