Ein Weltreisender als Fanbeauftragter

Ralf Bernsdorf hat bei Drittliga-Aufsteiger Chemnitzer FC angeheuert. Beruflich ist der gebürtige Niedersachse viel herumgekommen, war in 23 Ländern tätig. In Nigeria geriet er einmal in Lebensgefahr.

Irgendwann musste er hier landen. Nicht nur, dass sein Nachname identisch mit einem großen Chemnitzer Stadtteil ist. Geboren wurde er 1967 - in jenem Jahr, in dem der FC Karl-Marx-Stadt DDR-Meister wurde. Ralf Bernsdorf heißt der neue Fanbeauftragte des Chemnitzer FC. Der 52-Jährige, der aus dem niedersächsischen Seesen im Harz stammt, hat beim Drittliga-Rückkehrer eine Vollzeitstelle angetreten und ist bei der Anfang Januar gegründeten CFC Fußball GmbH angestellt.

Sein Lieblingsclub seit Kindertagen sei immer Eintracht Braunschweig gewesen, berichtet Bernsdorf. "Als Zehnjähriger bin ich das erste Mal ins Stadion gegangen. Damals hat Paul Breitner in Braunschweig gespielt", erinnert sich Bernsdorf. Jetzt ist er beim CFC angestellt, der kommende Saison in Liga drei gegen die Eintracht antreten wird. "Ich bin zwar heute noch Braunschweig-Fan, aber in diesen beiden Spielen werde ich den Chemnitzern die Daumen drücken. Mein Herz schlägt jetzt himmelblau", betont Bernsdorf. Bereits seit November 2016 wohnt er in Chemnitz - der Liebe wegen. "Meine Frau stammt aus Niederwiesa. Kennengelernt haben wir uns in Nigeria", erzählt der Wahlsachse.

Bevor er nach Chemnitz kam, war er beruflich viel in der Welt unterwegs. Die meiste Zeit bildete Bernsdorf Mitarbeiter für einen Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern aus und leitete Schulungen. "Ich war in insgesamt 23 Ländern, hauptsächlich in Asien, tätig", berichtet er. Die Station mit den nachhaltigsten Eindrücken war jedoch Afrika. Von 2012 bis 2016 arbeitete der Niedersachse für ein deutsches Bau- und Dienstleistungsunternehmen in Nigeria. Eine Zeit, die Stoff für ein Buch liefern würde.

Zumindest auf ein Kapitel hätte Bernsdorf gern verzichtet. Der Zwischenfall im Südwesten von Nigeria ereignete sich Ende Oktober 2014 und war in den deutschen Medien ein großes Thema. "Mitarbeiter unserer Firma waren damals in drei Geländewagen zu Baustellen unterwegs, als plötzlich mehrere, mit Kalaschnikows bewaffnete Männer aus dem Gebüsch stürmten. In dem Moment hatte ich zum ersten Mal im Leben Angst", sagt Bernsdorf. Einer seiner Kollegen sei bei dem Überfall erschossen worden. "Ein weiterer wurde entführt und kam nach einer Woche wieder frei. Noch heute leidet er unter Schlaf- störungen und Albträumen, wie er mir bei einem Treff erzählte", so Bernsdorf. Er selbst hatte Glück: "Ich konnte gerade noch abhauen."

Nach all den Jahren in aller Herren Länder will er nun in Chemnitz sesshaft werden. Da sein Herz für den Fußball schlägt, zog es ihn bald zum höchstklassigen Club. "Im November 2016 habe ich zum ersten Mal ein CFC-Spiel besucht - und mir zwei Tage später schon eine Dauerkarte gekauft", erinnert sich Bernsdorf. Als einer, der auf Menschen zugeht und gern kommuniziert, sei er schnell mit Fans in Kontakt gekommen. Erst recht, als er auch zu Auswärtsspielen mitfuhr. "Vor allem in Gesprächen mit jungen Anhängern kam meine soziale Ader durch. Meine Oma sagte früher immer: Der Ralf hat ein Herz aus Gold", bemerkt Bernsdorf.

So habe er Jugendliche angesprochen, die mit sich und der Welt offensichtlich unzufrieden sind, und ihnen angeboten, über ihr Problem zu reden. Bernsdorf nennt ein Beispiel: Ein junger Mann sitzt auf dem Zaun vor dem Fanblock und gibt wenig Druckreifes von sich. "Zu dem sage ich dann: Komm runter, das ist doch unbequem da oben. Wir setzen uns erst mal und quatschen. Soll ich uns noch zwei Bier holen?", beschreibt der 52-Jährige eine Situation. Mit dieser Art und Weise ernte er - trotz anfänglicher Skepsis - überwiegend positive Reaktionen.

Von seiner Frau sei er vor wenigen Wochen auf die Ausschreibung des CFC für die Fanbeauftragten-Stelle hingewiesen worden. Sie habe ihn ermuntert, sich zu bewerben. Und das tat Bernsdorf, der in Chemnitz bisher an einer Berufsschule tätig war, nach kurzem Zögern auch. Mit Erfolg. "Er bringt die vom DFB geforderten sozialpädagogischen Fähigkeiten mit. Außerdem hat uns seine offene Art überzeugt. Er findet schnell den Draht zu anderen Leuten", erklärt CFC-Pressesprecher Steffen Wunderlich. Und auch die kräftige Statur von Ralf Bernsdorf habe eine Rolle gespielt. "Ihn schiebt keiner so leicht aus dem Fanblock", bemerkt Wunderlich mit einem Schmunzeln.

Der neue Fanbeauftragte ist sich im Klaren darüber, in welch schwierigen Zeiten er diese Funktion übernimmt. Die Anhängerschaft des CFC ist gespalten. Befürworter und Gegner von Insolvenzverwalter Klaus Siemon stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. "Dieses Thema ist der Schwerpunkt für mich", betont Bernsdorf. Zur Entspannung der Lage hat er ein einfaches Rezept parat: Gespräche, Gespräche - und nochmals Gespräche. "Ich werde möglichst viele Fanclubs besuchen. Mit einigen Zweiflern bezüglich der GmbH und des Insolvenzverwalters habe ich schon gesprochen", erklärt Bernsdorf. Er könne jetzt auch mit dem sportlichen Erfolg und der Lizenz- erteilung für die Dritte Liga argumentieren. "Ohne die Arbeit von Klaus Siemon und Sportdirektor Thomas Sobotzik wäre das nicht möglich gewesen", meint der CFC-Fanbeauftragte.

Deutlich schwieriger gestalte sich der Umgang mit rechtsradikalen Personen in der Fanszene. "Das wird eine Mammutaufgabe", sagt Bernsdorf. Aber er scheue sich nicht, auch auf diese Gruppe sogenannter Anhänger zuzugehen, "deren harter Kern aus 50, 60 Mann besteht", schätzt der Fanbeauftragte, während Vereinssprecher Wunderlich feststellt: "Einen Neonazi wird man nicht umstimmen können. Wichtiger ist deshalb, die Seite zu stärken, die für einen weltoffenen Club eintritt." Konkrete Maßnahmen seien in Vorbereitung.


Kommentar: Die richtige Ansprache

Man durfte gespannt sein, wen der CFC als Fan- beauftragten präsentiert. Der Job ist in Anbetracht der zerstrittenen und leicht reizbaren Anhängerschaft der Himmelblauen ähnlich schwierig wie die Organisation einer Holzfäller-Weltmeisterschaft in der Sahara. Wenn der erste Eindruck nicht völlig täuscht, wurde mit Ralf Bernsdorf der richtige Mann für diese Funktion der Marke "undankbar" gefunden. Er hat keine Berührungsängste, wählt offensichtlich die richtige Ansprache. Fußballer würden sagen: Er geht auch dahin, wo es wehtut. Zudem spricht seine spannende Vergangenheit für den 52-Jährigen. Wer in Nigeria einen Überfall schwer bewaffneter Rebellen erlebt hat, dem müssen die Probleme im Umfeld des Chemnitzer Clubs vergleichsweise harmlos vorkommen. Eines hat Bernsdorf hier im Übrigen schnell gelernt: Auch die Farbe der Kleidung muss stimmen. Als er nach der Ankunft in Chemnitz 2016 seinen ersten Auftritt in einer Kneipe mit CFC-Fans hatte, trug Bernsdorf ein lila Hemd. Das wird ihm sicher nicht noch mal passieren.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...