Quälen mit einer Weltmeisterin

"Freie Presse"-Redakteur Thomas Reibetanz will 2020 beim Mountainbikerennen starten. Der Weg dahin wird dokumentiert. Teil 9: Wie trainieren Turner?

Noch sieben Monate. Ende Juni 2020 wird es ernst, dann steigt am Stausee Oberrabenstein das "Heavy 24". Seit knapp fünf Monaten bereite ich mich auf die Teilnahme an diesem 24-Stunden-Mountainbike-Rennen vor. In erster Linie, indem ich im Fahrradsattel Kilometer geschrubbt habe. Aber jetzt ist es kalt. Und manchmal nass. Man nenne mich gern ein Weichei, aber das ist kein Fahrradwetter mehr. Das Training jedoch muss weitergehen, also wird die Rüttelplatte in einem Chemnitzer Sportstudio immer mehr zu meiner besten Freundin. Die Trainingseffekte sind nach wie vor erstaunlich - ebenso der Muskelkater nach einer 20-Minuten-Einheit.

Nur Rütteln ist aber langweilig. Also müssen andere Trainingsmöglichkeiten her. In einer Sportstadt wie Chemnitz gibt es da einige Möglichkeiten - und so manchen berühmten Sportler. Also war die Idee, erfolgreiche Athleten dieser Stadt mal um eine gemeinsame Einheit zu bitten. Getreu dem Motto "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt" habe ich zum Auftakt gleich mal bei einer Weltmeisterin angefragt. Pauline Schäfer gehört spätestens seit dem Gewinn des WM-Titels am Schwebebalken vor zwei Jahren zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Turnsports. Die 22-Jährige schaffte mit der Goldmedaille in Montreal eine kleine Sensation, wurde danach durch etliche TV-Sendungen gereicht und bei der Wahl zu Deutschlands Sportlerin des Jahres 2017 Zweitplatzierte.

Mittlerweile ist es sportlich etwas ruhiger um die gebürtige Saarbrückerin geworden, dafür gab es aus dem Umfeld einige Neuigkeiten. Denn Schäfer trennte sich von ihrer langjährigen Trainerin Gabriele Frehse und wechselte den Verein. Kunstturnverein Chemnitz statt TuS Chemnitz-Altendorf. Als wir uns vor dem Trainingsstart begrüßen, sagt sie dazu nur: "Der Spaß an meinem Sport ist wieder da." Mehr muss dazu heute auch nicht gesagt werden. Es soll ja Schweiß fließen.

Mit Pauline trainieren auch ihre Schwester Helene sowie einige männliche Nachwuchsturner in der kleinen Gruppe, die sich an diesem Vormittag in der Ballspielhalle des Sportforums versammelt. Die Kunstturnhalle wird derzeit saniert, also haben die Turner hier ein Übergangsdomizil gefunden. Trainer ist der ehemalige deutsche Spitzenturner Kay-Uwe Temme, der sich in erster Linie um die Nachwuchsathleten kümmert, aber auch Pauline Schäfer betreut. Ein Kraftkreis wird aufgebaut. "Erst einmal Erwärmung", heißt es und alle drehen ein paar Runden - mit Zwischensprüngen, bei denen das Bein derart gerade nach vorn gestreckt wird, dass mir schon jetzt klar ist: Das hier wird eine harte Nummer.

Dann geht es zum Kraftkreis. "Heute ist Athletiktraining", sagt Pauline Schäfer. "Ich trainiere jeden Tag zweimal. Vormittags zweieinhalb Stunden, nachmittags drei. Bevor es an die Geräte geht, wird an jedem Tag ein anderer Schwerpunkt gesetzt. Heute ist es Athletik." Doch erst einmal wird sich gedehnt. Was die junge Frau, nach der sogar ein Seitwärtssalto mit halber Drehung benannt ist, dort auf dem Boden macht, habe ich so auch noch nicht gesehen. Der ganze Körper scheint ein einziger Muskel zu sein, der in jede Himmelsrichtung verbogen werden kann. Nachmachen scheitert hier schon im Ansatz.

Im Kraftkreis selbst wird in hoher Taktung trainiert. Das bedeutet: Jede Übung wird zehn Sekunden lang in schnellstem Tempo durchgeführt, danach ist kurz Pause und Stationswechsel, dann wieder zehn Sekunden Vollgas. Wir werden in Gummiseile gespannt, um auf der Stelle zu rennen. Wir springen Seil oder auf einer enorm tiefen Matte auf und ab oder auf einem Bein auf einem viel zu langen Trampolin. Wir machen Klappmesser und trommeln in Bauchlage mit den Waden gegen einen Gymnastikball, den der Trainer auf unserem Rücken festhält und dabei "Schneller!" ruft. Dass dabei selbst Pauline Schäfer, diese durchtrainierte Athletin, ins Schwitzen gerät, macht mir Hoffnung. Dass sie aber immer noch für ein wunderschönes Titelfoto eines Hochglanzmagazins taugen würde, ist frustrierend. Denn ich sehe schon nach den ersten Übungen aus wie ein Wrack. "Fürs Radfahren sind diese Übungen doch gut", sagt die Weltmeisterin und grinst. Immerhin habe es ihr auch Spaß gemacht, sagt sie noch, bevor sie sich dem speziellen Gerätetraining widmet. Nette Geste.

Generell bleibt hängen: Einige Übungen werde ich mal wieder versuchen. Gerade das einbeinige Springen mit Hebelbewegung war mir neu und ging richtig in die Muskeln. Ansonsten bleibt größter Respekt für das Pensum, welches Pauline Schäfer täglich abspult. Und dafür, dass sie sich Zeit für mich genommen hat - es war hochinteressant. Wird es übrigens bestimmt auch, wenn ich demnächst bei den nächsten bekannten Chemnitzern mittrainieren darf. Ohne zu viel zu verraten: Die jungen Herren werfen nicht nur auf Körbe, sondern quälen sich auch im Kraftraum.

Alle Texte der Serie "In einem Jahr zum "Heavy 24" gibt es im Internet: www.freiepresse.de/heavy24


24 Stunden im Sattel rund um den Stausee Oberrabenstein

Das Heavy 24 ist ein jährlich stattfindendes Geländerennen für Mountainbikefahrer rund um den Stausee Oberrabenstein. Ziel für jeden Einzelstarter oder jedes Team ist es, innerhalb von 24 Stunden so viele knapp 10 Kilometer lange Runden wie möglich zu fahren. "Freie Presse"-Redakteur Thomas Reibetanz will in einem Viererteam antreten. Ende Juni dieses Jahres fand das Mountainbikerennen zum 13. Mal statt. Der Sieger im Einzelwettbewerb schaffte dabei 54, das beste Zweierteam 62, das beste Viererteam 66 Runden.

2020 findet das Heavy 24 vom 26. bis 28. Juni statt. Am 6. Oktober dieses Jahres gab es dabei bereits das "Rennen vor dem Rennen", denn die Anmeldungen konnten online vorgenommen werden. In allen Kategorien waren die 290 Startplätze binnen weniger Minuten vergeben - die 70 Plätze bei den Einzelstartern waren dabei in Rekordzeit von 2:37 Minuten voll. Bei den Mannschaften gibt es neben den bewährten Zweier-, Vierer- und Achterteams im nächsten Jahr erstmals auch Sechserteams. (tre)

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