Wenn Bayern gegen Bayern spielt

E-Sports, also Computer-Spiel-Wettbewerbe, erfreuen sich großer Beliebtheit, wie ein Turnier in Chemnitz zeigt. Für die Teilnehmer lohnt sich das zunehmend auch finanziell.

Justin Frank und Giuliano Glienke sind frustriert. "Das geht doch nicht. Jeder Schuss ein Tor", sagt Glienke. Gerade hat Luka Modric für Real Madrid getroffen, ihr eigenes Team, der FC Barcelona, liegt nach 40 Spielminuten mit 0:4 zurück. Am Ende steht ein 0:9 auf der Anzeigetafel, Frank und Glienke scheiden aus und verabschieden sich aus der Community-for-you-Arena.

Auf der VIP-Ebene des CFC-Stadions haben sich am Samstagmittag 183 junge Männer und eine Frau eingefunden, um zu ermitteln, wer das Fußball-Computerspiel Fifa 2017 am besten beherrscht. In Teams zu je zwei Personen treten sie gegeneinander an. 50 Euro Startgebühr lassen sich das die Teams kosten. Der Sieger streicht 600 Euro Preisgeld ein, der Zweitplatzierte 300 Euro, der Dritte 100 Euro. Gespielt wird auf den neuesten Playstation-Konsolen vor 32 Fernsehern. Eine Partie dauert zwölf Minuten.

Organisiert haben das Turnier die Bayreuther Jungs. Der Verein hat vor fünf Jahren eine Internet-Liga für Anhänger des PC- und Konsolenspiels Fifa ins Leben gerufen. Im vergangenen Herbst starteten die Oberfranken eine Turnier-Serie. Seit Oktober und noch bis Juli werden 18 Fußball-Vereine in Deutschland und der Schweiz angefahren, darunter der FC Luzern, Dynamo Dresden und der FSV Mainz. Die Turniere werden immer in den Stadien der Profi-Mannschaften ausgetragen, demnächst sind sie in der Münchner Allianz-Arena zu Gast. Mitunter nehmen 500 Personen teil.

Hilpert und seine Helfer müssen sich in die Stadien einmieten. "Die Vereine sind nicht immer begeistert", sagt er. Der Organisator vermutet, dass die Clubs die E-Sport-Anhänger als Konkurrenz im Werben um Nachwuchs verstehen. "Sie haben Angst, die Jugend zu verlieren." Das könne er sogar ein Stück weit verstehen. "Acht Stunden am Tag Fifa - wenn ich einen Sohn hätte, fände ich das auch nicht gut", sagt Hilpert. Man müsse einen Kompromiss finden, zum Beispiel die Computer-Zeit des Kindes begrenzen.

Beim Chemnitzer Cup ist Christoph Strietzel gemeinsam mit seinem Partner Lukas Sturz nach dem 9:0-Kantersieg gegen Glienke und Frank ins Viertelfinale eingezogen. Strietzel ist unter den 184 Teilnehmern eine Ausnahme: Der Schüler aus Berlin ist seit einem Jahr als professioneller Spieler unterwegs. Er trainiert täglich zwei Stunden, nimmt regelmäßig an Turnieren teil und hat deswegen seine Fußball-Aktivitäten auf dem realen Rasen eingestellt. Aktuell gehört er zur Top-6 in Deutschland. Dreistellige Beträge räumt er nach eigenen Angaben monatlich bei Wettbewerben ab. "Ein gutes Taschengeld", nennt das der 16-Jährige. Nach seinem Abitur wolle er vom Computerspielen leben. Das könnten aktuell vier deutsche Fifa-Spieler. Strietzel hofft, einem Verein beitreten zu können. Tatsächlich haben die Fußball-Bundesligisten Schalke 04 und VfL Wolfsburg je eine E-Sports-Mannschaft gegründet. Die treten nicht nur bei Fifa-, sondern auch bei Fantasy-Spiel-Wettbewerben an - und werben schon mal Spieler von Konkurrenten ab. Für geübte Spieler ist E-Sport ein lohnendes Geschäft. Ein Gewinn der virtuellen Bundesliga bringt 15.000 Euro ein, bei der Weltmeisterschaft sind es 160.000 Euro. Im Vergleich zu Wettbewerben in anderen Spielen ist das aber ein Klacks: Der Gewinner der WM im Fantasy-Spiel League of Legends kassierte zwei Millionen US-Dollar.

In der Community-for-you-Arena läuft indes das Finale. Der VIP-Bereich hat sich geleert: Wer ausscheidet, geht nach Hause. Auch Christoph Strietzel hat es im Viertelfinale erwischt. Das Team, das ihn und seinen Partner bezwungen hat, steht nun im Endspiel. FC Bayern gegen FC Bayern lautet das. Weil die Spieler ihre Teams selbst wählen, laufen eigentlich immer Real Madrid, der FC Barcelona oder der FCB auf. Vor zehn Zuschauern vor Ort und einigen mehr im Internet - die Partie wird live übertragen - schießt Thomas Müller das entscheidende 1:0-Siegtor für den FCB vonDave Eckhold und Felix Weinhold. Abpfiff, Shakehands, keine Siegerehrung. Die drei Erstplatzierten holen sich ihre Siegprämien ab und verschwinden. Für Eckhold und Weinhold war es der erste Turniersieg. Auf den Wettbewerb haben sich die beiden Pirnaer vorbereitet. "Aber wir sind keine Nerds, spielen nur, weil es uns Spaß macht", sagt Eckhold und ergänzt: "Bei schönem Wetter kicken wir lieber draußen auf dem Rasen."


E-Sports: Ist das Sport?

E-Sports ist der sportliche Wettkampf zwischen Menschen mit Hilfe von Computerspielen. Ob es sich aber tatsächlich um richtigen Sport handelt, ist umstritten. Der Deutsche Olympische Sportbund verneint das, weil E-Sports die "eigene, sportart-bestimmende motorische Aktivität" fehle. Warum, fragen E-Sport-Vertreter, werde dann beispielsweise Schach als Sport anerkannt? Und Wissenschaftler verweisen auf die körperliche Anspannung und nervliche Belastung der Computer-Spieler, die sporttypisch sei. Einige Staaten, darunter Schweden und Finnland, haben E-Sports als Sport anerkannt. (lumm)

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