Wie Chemnitzer an einer Kraftsportrevolution mitwirkten

Im Kraftdreikampf gilt eine neue Bewertungsformel. An deren Erarbeitung waren maßgeblich hiesige Forscher beteiligt.

Anders als bei Sportarten mit Ball beziehen Individualsportarten körperliche Voraussetzungen in die Leistungsbewertung mit ein. Bei der Schwerathletik gibt es für einige Disziplinen Gewichtsklassen, innerhalb derer die Medaillen vergeben werden. Betreibt man diese Sportarten im Team, hat sich etabliert, in Bewertungstabellen die bewältigte Last in Beziehung zum Körpergewicht des Athleten zu setzen, um Teams vergleichen zu können.

Zu Jahresbeginn hat die International Powerlifting Federation (IPF), der Weltverband der Kraftdreikämpfer, mitgeteilt, dass ab sofort eine neue Bewertungsformel gilt, die die bewältigten Lasten in den Teildisziplinen Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben zum Körpergewicht des Athleten ins Verhältnis setzt und damit eine Maßzahl für den Vergleich über alle Gewichtsklassen ermöglicht. Über Jahrzehnte hatte das Wettkampfgericht stets Tabellenwerke gewälzt, die an Logarithmentafeln erinnerten, um für jede Last und jedes Körpergewicht bis auf 50 Gramm genau einen Multiplikator zu ermitteln. Nun genügt eine Formel, die man in einem Computerprogramm hinterlegt.

Es handelt sich um eine kleine Revolution in der Schwerathletik - und es steckt eine gehörige Portion Chemnitz dahinter. Zum einen Eva Speth, 15-fache Weltmeisterin und Chemnitzer Sportlerin des Jahres 1996, die im Exekutivkomitee der IPF mitwirkt, und zum anderen Sportwissenschaftler der TU Chemnitz. Speth leitete innerhalb der IPF eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Ablösung der alten Bewertungsmethode befasste. "Nach über 25 Jahren war der Wechsel nötig, da sich der Kraftdreikampf weiterentwickelt hatte", erklärt IPF-Präsident Gaston Parage. Wegen gestiegener Teilnehmerzahlen und Leistungsentwicklungen habe es keine faire Bewertungsgrundlage mehr gegeben. Aus aller Welt gingen Vorschläge zur Neugestaltung des Systems ein. Speth führte Sport und Wissenschaft zusammen, indem sie sich an den Lehrstuhl für Forschungsmethoden und Analyseverfahren in der Biomechanik der TU Chemnitz wandte: "Eine solche Verknüpfung von Sportwissenschaften und statistischen Methodenkompetenz war weltweit rar gesät", sagt sie.

Lehrstuhlinhaber Professor Christian Maiwald und TU-Absolvent Dr. Tobias Mayer von der Werdauer Firma TecStat Analytics entwickelten zunächst eine Methode, anhand derer man die unterschiedlichen Vorschläge miteinander vergleichen konnte. Alle Vorschläge wurden dann anhand einer Datenbank mit über 30.000 Leistungsdaten von Kraftdreikämpfern bei internationalen Meisterschaften der letzten Jahre getestet. "Es war interessant, wie völlig verschiedene analytische Ansätze zu recht ähnlichen Ergebnissen führen", sagt Mayer. Die Wissenschaftler gaben am Ende eine fachliche Bewertung ab, überließen die Entscheidung aber der IPF. Die Nase vorn hatte schließlich ein Ansatz aus Nordamerika.

Bei der Athletenschaft kommt die Neuerung je nach Körpergewicht unterschiedlich an. "Die mittleren Gewichtsklassen, in denen erfahrungsgemäß die höchste Leistungsdichte herrscht, werden nach der neuen Formel weniger benachteiligt", findet Kraftdreikämpferin Nicole Fydrich, Vize-Europameisterin 2010 vom BSC Rapid Chemnitz. Jedoch sei die Vergleichbarkeit zwischen Männern und Frauen noch ausbaufähig. Aus dem Lager des Superschwergewichts sind hingegen Beschwerden zu hören, dass die publikumswirksamen höchsten Lasten nicht mehr so leicht den Gesamtsieg eines Turniers erbringen würden.

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