Diakonie droht Ex-Mitarbeiterinnen

Nach Bekanntwerden des Suizides einer Pflegerin im Hospiz Falkenstein reagiert die ehemalige Arbeitgeberin mit Klageandrohungen. Das ist heikel, sagt ein Jurist.

Falkenstein.

Der Hospizstreit geht in die nächste Runde: Wegen falscher Tatsachenbehauptung, übler Nachrede und Verleumdung sollen Janine Böttcher und Bärbel Ehrhardt Unterlassungserklärungen unterschreiben. Die entsprechende anwaltliche Abmahnung erreichte die Ex-Hospiz-Mitarbeiterinnen Ende März beziehungsweise im Fall Ehrhardt am Dienstag. Auftraggeber: die Diakonie Auerbach, deren Ex-Arbeitgeberin. Der "Freien Presse" liegen die Anwaltsschreiben vor.

Böttcher und Ehrhardt hatten zuvor öffentlich schwere Vorwürfe gegen ihre frühere Arbeitgeberin wegen des Suizids einer Hospizpflegerin erhoben. Die Kollegin hatte sich am 4. Mai 2018 das Leben genommen - unter anderem weil sie gemobbt worden sei und die Diakonieführung das nicht unterbunden habe, so Böttcher und Ehrhardt.

Sascha Aurich

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Hintergrund des Konfliktes waren Differenzen im Team um die Frage, wie Hospizarbeit auszusehen hat. In einem Abschiedsbrief an den damals kommissarischen Leiter des Sterbehauses prangerte die Verstorbene eine systematische Vernachlässigung der Patienten im Hospiz an und beklagte sich über den Streit darüber innerhalb des Teams. "Für mich war das Hospiz, dort arbeiten zu dürfen, ein Lebenstraum und er wurde mir von der Diakonie kaputt gemacht. Das hat mir das Herz gebrochen", schrieb sie.

In einem zweiten Abschiedsbrief an ihre Kollegin Janine Böttcher verfügte sie, dass der Brief an den kommissarischen Leiter auch an die Presse weitergegeben werden soll. Böttcher kam der Bitte Anfang 2019 nach, weshalb die Vorkommnisse schließlich öffentlich wurden. Die Diakonie-Vorstände Sven Delitsch und Alexander Flachsbart räumten daraufhin Schwierigkeiten ein, betonten gegenüber der "Freien Presse" aber: Der Hospizbetrieb laufe seit acht Monaten in geordneten Bahnen, das Team habe sich gefunden.

Für Janine Böttcher aus Theuma und Bärbel Ehrhardt aus Plauen sind die Geschehnisse nicht abgehakt. Das betrifft auch den Fakt, dass sie und drei weitere damalige Hospizmitarbeiterinnen Anfang Juni 2018 von der Diakonie intern in andere Einrichtungen versetzt wurden.

Für Böttcher und Ehrhardt war das das Aus bei der Diakonie, inzwischen arbeiten sie für andere Arbeitgeber. Der Diakonie warfen sie nachträglich öffentlich vor, die "Strafversetzung" sei aufgrund ihrer Forderung nach Aufarbeitung der Umstände des Suizids passiert.

Das sei falsch und juristisch als üble Nachrede und Verleumdung zu werten, entgegnet die Diakonie und macht diese Aussage zum Gegenstand der Unterlassungsforderungen gegen Böttcher und Ehrhardt. Damit sollen die Frauen offensichtlich zum Schweigen gebracht werden. Denn sollten sie die Unterlassungserklärungen nicht unterschreiben oder in Zukunft genannte Äußerung wiederholen, droht die Diakonie mit einem Gerichtsverfahren "etwa durch den Erlass einer einstweiligen Verfügung". Dabei spielt die ehemalige Arbeitgeberin auch auf die Kosten an, die den Ex-Mitarbeiterinnen so entstünden. Für die Abmahnung allein fordert sie jeweils rund 600 Euro von den Frauen.

Letzteres ist juristisch heikel, wie Ralph Schmidkonz, Rechtsanwalt der Kanzlei Gruendelpartner in Leipzig sagt. "Wenn man unterstellt, dass die Anwältin das Recht kennt, ist das schon versuchter Betrug", erklärt er und begründet, dass es sich hier um eine arbeitsrechtliche Angelegenheit handle, bei der es keine Anwaltskostenerstattung gebe.

Ungeachtet dessen argumentiert die Diakonie gegenüber den Ex-Mitarbeiterinnen, dass Beschwerden von anderen Mitarbeitern dazu geführt haben, beide vom Hospiz in eine andere Einrichtung zu versetzen.

Janine Böttcher und Bärbel Ehrhardt wussten davon, konnten sich nach eigenen Aussagen zu den Beschwerden aber weder äußern, noch haben sie Konkretes dazu erfahren. Und auch die Mitarbeitervertretung habe sie darüber nicht in Kenntnis gesetzt.

Recherchen ergaben, dass die Versetzung unmittelbar auf das Auffinden der Abschiedsbriefe folgte. Weil sich Böttcher und Ehrhardt genauso wie ihre später ebenfalls versetzten drei weiteren Kolleginnen nach dem tragischen Vorfall krank gemeldet hatten, tauchten die Abschiedsbriefe erst am 29. Mai 2018 auf. Die Verstorbene hatte sie vor ihrem Suizid am 4. Mai im Spind von Janine Böttcher hinterlegt.

Böttcher informierte ihren obersten Vorgesetzten, Diakonie-Vorstand Sven Delitsch, am 30. Mai über die Existenz der Briefe. Aus dem folgenden E-Mailverkehr mit ihm, den Böttcher dokumentiert hat, geht hervor, dass Delitsch alles daran setzte, die von der toten Mitarbeiterin gewollte Freigabe an die Presse zu verhindern. Dies zog sich bis zum 2. Juni hin, am 4. Juni wurden Böttcher, Ehrhardt und die drei weiteren Kolleginnen über ihre Versetzung informiert.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 10 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    1
    info2
    12.04.2019

    Im Kern geht es doch immer noch um die Frage, was man unter Hospiz eigentlich versteht. Schon das ist für Außenstehende schwer zu begreifen, zumal das Thema Tod und Sterben oft noch tabuisiert wird.
    Mein Eindruck: Für die Verantwortlichen der Diakonie Auerbach ist ein Hospiz nur ein Haus wo totkranke Menschen sterben. Ein „Sterbehaus“ eben, nicht mehr und nicht weniger. Für Andere ist ein Hospiz ein Haus zum Leben, für Menschen die hier ihre letzten Tage verbringen genauso wie für Angehörige die mit dem Tod weiterleben müssen.

    Über die Konflikte und Ereignisse, die sich durch diese Differenzen in und um das Hospiz Vogtland entwickelt haben, müsste man eigentlich ein Buch schreiben um es Außenstehenden verständlich zu machen.

    Am Ende ist es doch wieder das bekannte Spiel: Wenn jemand Probleme und Missstände anspricht, dann wird schon fast reflexartig derjenige angegriffen der es ausgesprochen hat. Der Verursacher wird noch geschützt indem man die Probleme ignoriert oder klein redet. Hat man eimal damit angefangen, dann kommt man natürlich schwer wieder aus der Nummer heraus, vor allem, wenn man sich hauptsächlich um sein eigenes Ego sorgt. Das hat die katholische Kirche jahrzehntelang durchgehalten, Volkswagen noch ein paar Jahre... aber irgendwann ist es ihnen doch auf die Füße gefallen!

    Ich bin gespannt, ob sich die Verantwortlichen wie z.B. Aufsichtsrat Pfarrer Kaufmann nun doch einmal um das eigentliche Thema kümmern oder ob sie sich weiterhin darüber wundern, warum es Staub aufwirbelt, wenn jemand auf den Teppich tritt, unter den man den ganzen Dreck gekehrt hatte.



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