"EU-Recht steht über dem sächsischen Waldgesetz"

Artenschutzprogramm für Birkhuhn auf der Zielgeraden - Ornithologe Thoß reagiert auf Kritik der Waldschützer

Nach zähem und jahrelangem Ringen zwischen der Initiative Birkhuhnschutz und dem sächsischem Umweltministerium soll das Papier in den nächsten Tagen in Kraft treten. Zuvor hatte der Landesverband der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald vor den Folgen für den Wald gewarnt. Das entbehre jeglicher Grundlage, erwidert Michael Thoß (70). Susanne Kiwitter hat mit dem Auerbacher Ornithologen gesprochen.

Freie Presse: Herr Thoß, laut Auskunft des Umweltministeriums in Dresden wird das mit der Initiative Birkhuhnschutz vereinbarte Artenschutzprogramm diese, spätestens nächste Woche in Kraft treten. Die Umsetzung erfolgt schrittweise. Ist das Birkhuhn jetzt gerettet?


Michael Thoß: Nachdem 2018 in den vier Vogelschutzgebieten der Kammregion vom Erzgebirge bis ins Vogtland gerade noch 30 Tiere gezählt wurden, sind die Bestände dieses Jahr nochmals leicht zurückgegangen. Außer im Gebiet Westerzgebirge, dort ist es bei den vier Hähnen und ebenso vielen Hennen geblieben.

Der Sachsenforst soll künftig 730 Hektar für den unmittelbaren Schutz als Kernflächen freihalten und weitere 1000 Hektar als angrenzende Flächen birkhuhnfreundlich gestalten. Die sächsische Schutzgemeinschaft Deutscher Wald befürchtet deshalb einen dauerhaften Waldflächenverlust. Was entgegnen Sie?

Dauerhafter Waldverlust wegen Birkhuhnschutz? Das entbehrt jeglicher Grundlage. Im Schutzprogramm ist festgehalten, dass die Flächen Wald bleiben. Es ist aber ein anderer Wald, ein birkhuhngerechter.

Was bedeutet das?

Das Birkhuhn braucht einen lichten, störungsarmen Ebereschenvorwald mit Birke, Salweide, Ohrweide und anderen Gehölzen. Dazu gruppenweise Nadelholz-Jungbestände aus Fichte und Bergkiefer plus beerenstrauchreicher Bodenvegetation.

Aus forstwirtschaftlicher Sicht lässt sich damit kein Geld verdienen ...

Als vom Aussterben bedrohte Art genießt das Birkhuhn allerhöchste Schutzwürdigkeit. Das Land Sachsen ist deshalb EU-gesetzlich dazu verpflichtet, seine Birkhuhnpopulationen zu erhalten. Es gilt das sogenannte Verschlechterungsverbot. Da sind wir schon lange drüber hinaus.

Sie und Ihre Mitstreiter von der Initiative haben lange mit dem Ministerium um Ihre Forderungen gerungen. Und damit gegen den Einfluss der Sachsenforstbehörde gekämpft. Deren Chef Utz Hempfling betont, dass es auch ein Sächsisches Waldgesetz gebe und dass dieses gleichrangig zum EU-Recht zu betrachten sei.

Das stimmt nicht. EU-Recht steht über dem sächsischen Waldgesetz als ein Landesgesetz. Das gilt auch für den Sachsenforst.

Die Gesetzgebung ist das eine, ein breites Verständnis für den Birkhuhnschutz das andere. Im Moment wird darüber diskutiert, ob der Wald, so wie wir ihn kennen, überhaupt eine Zukunft hat. Stichpunkt Klimawandel mit Wassermangel und Käferbefall als Folgen für diesen Lebensraum. Macht das Ihren unermüdlichen Einsatz für das Birkhuhn noch schwerer?

Die Kammlagen sind von diesem Problem nicht betroffen. Außerdem ist die Fichte nicht grundsätzlich ein Problem. Es geht beim Birkhuhnschutz auch um begleitende Maßnahmen, beispielsweise, in dem Besucherströme gelenkt werden.

Die Waldschützer werfen Ihnen als Vogelschützer zudem vor, den Birkhuhnschutz isoliert zu betrachten. Damit verweisen sie auf die weitaus größere Population auf der tschechischen Seite des Erzgebirgskammes.

Was die Zusammenarbeit mit Tschechien als Ziel betrifft, sind wir einer Meinung. Doch das liegt auf den Tischen der jeweiligen Umweltministerien. In Tschechien gibt es ein Revitalisierungsprogramm für das Erzgebirge, das den Birkhuhnschutz beinhaltet. Auch gibt es Kontakte auf Behördenseite. Doch ein gemeinsames Birkhuhnschutzprogramm ist momentan nicht greifbar. Und wir können nicht einfach sagen, weil die Nachbarn noch viele Birkhühner haben, brauchen wir nichts zu machen. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald ist auch ein Naturschutzverband. Deshalb sollte man die Problematik dort etwas komplexer betrachten, nicht nur auf den Wald bezogen. suki

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