Kanadier zurück in seiner Geburtsstadt

Als fünfjähriger Steppke ging Tony Heim mit seinen Eltern in den Westen - 63 Jahre später besucht er erstmals wieder das Vogtland. Und verblüfft seinen Cousin, der bis heute in Auerbach lebt.

Auerbach.

Es sind nur wenige Dinge, an die sich Tony Heim (68) aus einen ersten Lebensjahren in Auerbach erinnern kann. Zum Beispiel an den Altmarkt-Brunnen, an dem er oft spielte. An die Kaninchen im Hinterhof des Altmarkt-Hauses, in dem seine Familie damals wohnte: "Die Rabbits habe ich gefüttert", sagt der Kanadier lächelnd. Und an die langen Schlangen, in denen er mit seinen Geschwistern stand, um Lebensmittel zu bekommen. 1956, als er gerade fünf war, flüchtete seine Familie aus dem Vogtland in den Westen und kam ein Jahr später in Kanada an. 63 Jahre später ist Tony Heim erstmals zurückgekehrt in seine Geburtsstadt Auerbach, Ehefrau Diane (58) hat er mitgebracht. "Wir sind jetzt Rentner, haben Zeit und Geld für solche Reisen", begründet der Kanadier in erstaunlich gutem Deutsch.

Damit hat er auch seinen Cousin Franz Mergl (76) überrascht, der bis heute in Auerbach geblieben ist und für das Ehepaar ein Besichtigungsprogramm organisiert hat - mit Touren zur Pöhl, an die Göltzschtalbrücke, an die Klingenthaler Schanze und ins Elbsandsteingebirge. "Er spricht fast perfekt, muss nur manchmal ein Wort suchen", staunt Mergl. Dabei hat sein Cousin in der neuen Heimat nur mit seinen Eltern Deutsch gesprochen - doch die sind schon lange verstorben. In der kanadischen Familie Heim waren eine Zeit lang drei Sprachen im Schwang, schildert Tony Heim schmunzelnd: "Wenn die Eltern über etwas sprachen, was wir Kinder nicht hören sollten, unterhielten sie sich Ungarisch. Wenn wir Kinder nicht wollten, dass sie was mitbekamen, sprachen wir Englisch. Miteinander sprachen wir Deutsch." Die Heims waren ursprünglich ebenso wie die Mergls Ungarndeutsche, 1948 wurden sie vom heimatlichen Hof mit seinen Weinbergen vertrieben. Tonys Tanten wanderten schon eher nach Kanada aus, schrieben dann ins Vogtland, wie gut es ihnen gehe.


Heims Vater arbeitete damals bei der Wismut. Die Mutter habe Angst gehabt, dass er irgendwann nicht mehr heimkommt aus dem Schacht, und sie mit sieben Kindern allein dasteht, weiß Franz Mergl zu berichten. Dies habe den letzten Ausschlag für die Flucht über Westberlin gegeben. "Ich weiß noch, dass wir niemandem sagen durften, dass wir weggehen", sagt Tony Heim. "Und wir nahmen nichts mit, damit niemand Verdacht schöpfte." Für ihn war das damals alles ein großes Abenteuer: "Selbst im Lager bei Heilbronn fand ich es gut, es gab viel zu Essen und zu Trinken."

Die Familie lebte in Toronto, wo Tony Heim auch studierte und später in einer Metallurgie-Firma arbeitete. Nachdem er einmal im Bundesstaat British Columbia an der Pazifikküste war, wollte er nicht mehr weg und wohnt dort bis heute mit seiner Frau in einer Kleinstadt.

In dem Haus, in dem die Familie Heim bis 1956 lebte, befindet sich heute das griechische Restaurant "Sirtaki". Auerbach sei "sehr nett" und "sauber", findet der Kanadier. Am meisten beeindrucken ihn die alten Gebäude: "Bei uns ist kein Haus älter als 50 Jahre." Ungewöhnlich ist für ihn auch die Tatsache, dass man im Göltzschtal von einem Ort sofort in den nächsten fährt - in seiner Heimat käme dann erst mal sehr, sehr lange nur Wald bis zur nächsten Siedlung.

An den Altmarktbrunnen und seinen kleinen Cousin hat auch Franz Mergl nach über 60 Jahren noch eine unvergessliche Erinnerung. "Ich wurde ausgeschimpft, weil ich nicht richtig auf Tony aufgepasst habe, und er in den Brunnen gefallen ist." Und ein bisschen scheint er sich dafür bis heute zu schämen.

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