Umzug von Japan nach Auerbach

Zum ersten Mal lässt sich eine Familie aus dem Land der aufgehenden Sonne in der Drei-Türme-Stadt nieder. Dahinter steckt eine ziemlich verrückte Geschichte.

Auerbach.

Seit Dienstag hat Auerbach offiziell seine ersten Bürger, die aus Japan stammen: Andreas Prochaski (49), seine Ehefrau Miwa Hayasaka (39) und ihre drei Söhne Florian Rentarou (12), Leon Ryunosuke (10) und Benjamin Kenshiu (8) sind von der Insel Hokkaido ins Vogtland übergesiedelt. "Dass wir nach Deutschland zurückgehen, haben wir uns erst Ende Februar überlegt", sagt Prochaski. Einer der Gründe sei, dass die Kinder auch eine zweite Kultur kennen lernen sollten. Der Neu-Auerbacher stammt aus dem Rhein-Sieg-Kreis und ist seit fünfzehn Jahren mit Miwa verheiratet. Er bezeichnet sich selbst als "Traveller", also als Reisenden: "Eigentlich bin ich seit 27 Jahren unterwegs." Wobei das mit Kindern schon etwas schwieriger sei, wie er einräumt: "Aber in den Ferien sind wir dann immer losgezogen."

Die letzen elf Jahre hat die Familie in Japan verbracht - zuerst in Tokio, dann in einem kleinen Ort auf Japans nördlichster Insel. "Tokio hasse ich wie die Pest, Hokkaido ist dagegen geradezu kitschig schön mit seinen Wäldern", meint Prochaski. Nach eigenem Bekunden kann er bis jetzt nur unvollkommen Japanisch, mit Frau und Kindern unterhält er sich auf Englisch oder in einem englisch-japanischen Gemisch. Denn seine Familie spricht bis jetzt kaum ein Wort Deutsch. "Immerhin kann ich auf Japanisch eine Menge Unsinn erzählen", meint Prochaski. Das sei ihm bisher beim Betrieb seiner beiden Bars auf Hokkaido zugute gekommen. Eigentlich ist er pädagogischer Betreuer, in seiner Zeit in Tokio war er zuvor in einem Austauschprogramm für junge Leute aus Europa aktiv, die ein Jahr in Japan lebten und arbeiteten, "Doch nach Fukushima waren mit einem Schlag alle Ausländer weg", berichtet er, dabei sei die Strahlenbelastung in Japan auch nicht höher als anderswo.

Nachdem die Entscheidung für Deutschland gefallen war, suchten Prochaski und seine Frau im Internet nach einer günstigen Wohnung in einer kleinen Stadt. "Wir wollten weder in die Großstadt noch aufs Dorf - es sollte schon alles geben, was man so braucht." Über die Seite von Ebay-Kleinanzeigen kam dann Anfang März der Kontakt zu Tino Seifert und Karina Süß in Auerbach zustande: Sie suchten neue Mieter für ihre bisherige Wohnung in der Kaiserstraße, weil sie komplett ins Harmoniegebäude an der Sorgaer Straße umziehen wollen. Seifert ist Gründer und Chef des Harmonievereins, der dort eine Begegnungsstätte betreibt. Wenig später skypte man miteinander. "Irgendwie hat es sofort gepasst, Tino und ich - wir sind beide bisschen verrückt, im positiven Sinn", meint Andreas Prochaski. Anderthalb Monate nach dem ersten Kontakt brach die deutsch-japanische Familie ihre Zelte auf Hokkaido ab und zog nach Auerbach. Das Vogtland kannten sie vorher nicht. "Auerbach ist eine übersichtliche kleine Stadt, und bis jetzt haben wir nur freundliche Menschen getroffen", so Prochaski.

Dass der Frühling in der Region diesmal solange auf sich warten lässt, stört die Neu-Auerbacher wenig: Auf Hokkaido liege bis Juni Schnee, meint der Familienvater. Frau und Kinder müssen nun so schnell wie möglich Deutsch lernen, parallel werden Schulen gesucht. "Es ist gar nicht so leicht, da einen Platz zu bekommen", hat Tino Seifert bereits festgestellt, der den Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite steht.

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