Vergewaltigung erfunden: Strafrichter ermahnt 18-Jährige

"Am Bahnhof saß neulich ein halbnacktes Mädchen und weinte. Sie ist vergewaltigt worden." Das erzählte eine 18-Jährige der Bild-Zeitung über Plauen. Jetzt saß sie vor Gericht, weil sie gelogen hatte.

Plauen/Auerbach.

Die 18-Jährige hatte Mittagspause, als sie auf dem Postplatz zwei Bild-Reporter traf. Die Männer befragten Fußgänger zu Unsicherheitsgefühlen, sie wollten einen Text darüber schreiben. Titel: "Herrscht in Plauen wirklich das Grauen?" Sie fragten mehrere Passanten, eben auch diese junge Frau, gerade volljährig geworden und Friseurlehrling. Das war im April. Danach erschien in dem Boulevard-Blatt ein Beitrag mit dem Foto der jungen Frau und diesem Zitat von ihr: "Am Bahnhof saß neulich ein halbnacktes Mädchen und weinte. Sie ist vergewaltigt worden."

Jetzt saß die 18-Jährige deswegen als Angeklagte vor dem Amtsgericht Auerbach. Für die Staatsanwaltschaft ist klar, dass sie die Vergewaltigung erfunden hat. Und wer eine Straftat vortäuscht, macht sich strafbar und muss mit einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe rechnen, wenn er verurteilt wird. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf die Ermittlungen der Polizei, und an deren Ergebnissen hatte auch das Gericht keinen Zweifel: Das Mädchen hat gelogen. Knapp 40 Minuten dauerte der Prozess. Am Ende ermahnte Jugendrichter Jörg Richter die 18-Jährige und stellte das Verfahren ein: "Das Ziel ist erreicht. Sie haben mitbekommen, welche Folgen das hatte."

Imponiergehabe, Reiferückstände: Solche Begriffe fielen vor Gericht. Aber "schädliche Neigungen", mit denen Erzieher gerne umschreiben, dass da im Kern etwas brodelt, konnte die Jugendgerichtshelferin nicht feststellen bei dem jungen Mädchen aus dem Vogtland. Nach Ansicht des Gerichts hatte es den Reportern einen Bären aufgebunden und in Kauf genommen, dass diese Falschmeldung tausendfach gelesen wird. Die Polizei begann von selbst zu ermitteln, nachdem der Text in Umlauf war. Die Beamten suchten ein Vergewaltigungsopfer, fanden aber keine Spur.

Der Prozess, der in Gang kam, war ein Eiertanz für die 18-Jährige. Höhepunkt war die Verhandlung vor wenigen Tagen. Nicht alles an der Geschichte stimme, relativierte sie. Dem halbnackten Mädchen sei sie schon vor längerer Zeit begegnet am Plauener Bahnhof. In der Unterführung habe sie gesessen, kaum ansprechbar: "Oben auf der Treppe saß ein Asylant. Da kann man sich doch seinen Teil denken." Sie habe angenommen, dass es vergewaltigt wurde, und sie habe damals die Polizei angerufen und den Fall geschildert.

Das Kommissariat für schwere Kriminalität im Vogtlandkreis leitet ein alter Hase. Ein 60-jähriger Hauptkommissar, seit Jahrzehnten im Dienst. Vergewaltigung ist ein schweres Delikt, deshalb landete der Bild-Zeitungs-Text bei ihm. Er wühlte sich durch interne Polizei-Lagefilme. Das sind Dokumente, die 24 Stunden lang alle Informationen erfassen, die in den Polizeidienststellen eingehen. Zu dieser Tat und dem Anruf, den die junge Frau geschildert hatte, fand er nichts. "Ich habe die Bundespolizei gebeten, den Fall zu recherchieren. Auch dort hatte niemand angerufen", sagt der Hauptkommissar.

Er ist zuständig für diese internen Lagefilme. Jeden Morgen schaut er sie durch, auf der Suche nach schweren Straftaten. Danach hält er mit seinen Kollegen täglich eine Telefonkonferenz. Weil es keine Spuren gab, suchte er nach der jungen Friseurin, der Quelle der Nachricht. Er fragte ihre Kolleginnen, ob sie ihnen von der Begegnung am Bahnhof erzählt habe. Der Mensch tauscht sich aus, wenn er Augenzeuge schlimmer Ereignisse war, sagt der Kommissar. Die Kolleginnen im Friseursalon wussten nichts. Der Kommissar befragte die 18-Jährige. Sie blieb bei ihrer Geschichte.

Was sie den Bild-Reportern erzählt hatte, interessierte den Jugendrichter nicht: "Aber Sie haben gegenüber der Polizei falsche Angaben gemacht. Das ist strafbar, und nur darüber reden wir!" Jörg Richter verurteilte sie nicht, denn im Jugendstrafrecht geht es um den Erziehungsgedanken. Er ermahnte die 18-Jährige, deren Familie seit 15 Jahren vom Jugendamt betreut wird, dessen Mutter mit einem Asylbewerber liiert war und dessen Vater im Suff Ehefrau und Sohn misshandelt haben soll. So beschrieb die Jugendgerichtshelferin das Umfeld.

Die 18-Jährige verließ danach den kleinen Gerichtssaal, zündete sich auf der Straße eine Zigarette an und sagte, sie werde nie wieder mit der Presse sprechen.

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