August Bebel zweimal in Reichenbach

Vor 150 Jahren sprach einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie in der "Tonhalle" in Reichenbach. Es ging nicht nur um die Arbeiterfrage.

Reichenbach.

Zweimal, im Abstand von 35 Jahren, trat August Bebel (1840-1913) in Reichenbach auf. Das erste Mal vor 150 Jahren. 1863 wurde der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. Das gilt als die Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie.

Im "Reichenbacher Wochenblatt und Anzeiger" vom 19. Oktober 1865 wurde ein Aufruf zur Gründung eines Arbeitervereins veröffentlicht. Unterzeichnet war die Anzeige vom Gerbergesellen Moritz Löscher und vom Schuhmacher Friedrich Lorenz. Als Verein zur Hebung des Bildungsstandes der Arbeiter gründete sich dieser aber erst am 13. Januar 1866, im Rathaussaal. Als Erster Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins wurde der Weber Robert Müller (1842-1901) gewählt. Am 18. Januar 1866 wurde darüber im "Reichenbacher Wochenblatt" berichtet. Der Museumsdirektor, Johannes Leipoldt, hatte bei Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Reichenbach ermittelt, dass 1868 im Arbeiterbildungsverein 165 Mitglieder, Weber und Tuchmacher, waren und 21 Fabrikarbeiter. Das entsprach der damaligen sozialen Situation in Reichenbach, wo eine heimarbeitende, kleinbürgerliche Handwerkerschicht existierte, die sich in zunehmender Abhängigkeit der Unternehmer befand.

Moritz Löscher und Friedrich Lorenz sowie weitere 16 Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins gründeten den Reichenbacher Konsum-Verein als Genossenschaft. Das Ziel war, durch günstigen Einkauf von Waren den Mitgliedern des Konsums preiswerte Lebensmittel zu bieten.

Neben dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein war 1866 auch die Sächsische Volkspartei gegründet worden, die maßgeblich von August Bebel und Wilhelm Liebknecht bestimmt wurde. Beide Organisationen vereinigten sich 1869 in Eisenach zur "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei". Moritz Löscher nahm Kontakt zu August Bebel auf und lud ihn nach Reichenbach ein. Am 16. November 1868 sprach Bebel in der "Tonhalle", die 1866 als Turnhalle gebaut worden war, im Rahmen einer Versammlung des Arbeiterbildungsvereins zum Thema die "Arbeiterfrage" vor 800 Zuhörern. 35 Jahre später, im Juni 1903, konnten die Reichenbacher Sozialdemokraten erneut August Bebel in der "Tonhalle" begrüßen. Mehr als 3000 Zuhörer kamen zu Bebels Rede.

In der Zeit hatte der Sozialdemokratische Verein für den 22. Reichstagswahlkreis etwa 1700 Mitglieder, davon 456 in Reichenbach. Bei den Reichstagswahlen 1903 stimmten in Reichenbach 62,8 Prozent für die Sozialdemokraten. Das war ein stolzes Ergebnis, auf das die Gründer der Reichenbacher Arbeiterbewegung hingearbeitet hatten. 1979, zu Zeiten der DDR, wurde am damaligen Kulturhaus "Wilhelm Pieck", der früheren "Tonhalle", eine Gedenktafel für das Auftreten von Clara Zetkin und August Bebel angebracht. Diese wurde 1990 im Depot des Neuberin-Museums eingelagert.

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