Mielkes langer Schatten der Angst

Ein Unfall, bei dem er 1989 verletzt wurde, beschäftigt Hartmut Richter bis heute. War es wirklich "nur" eine Unfallflucht? Oder war es ein Attentat? Steckte die Stasi dahinter?

Plauen.

Mühsam und quälend lang ist die Suche nach Antworten. Hartmut Richter will die Wahrheit herausfinden. Über ein mysteriöses Geschehen, das mehr als 27 Jahre zurückliegt.

Es ist der 9. März 1989, als der damalige Fuhrparkleiter des Schlachthofs in Plauen wieder einmal früh am Morgen zu einer medizinischen Behandlung nach Bad Berka fährt. Nach Komplikationen bei einer Lungen-OP als Spätfolge einer schlecht versorgten Armee-Verletzung wird Richter dort regelmäßig schmerztherapeutisch versorgt.

Immer darf ihn auf der Fahrt seine Frau begleiten, die ebenfalls im Schlachthof arbeitet, nur an dem bewussten Tag muss sie dort bleiben - auf Weisung des Ökonomischen Direktors. Der wird sich später als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des DDR-Staatssicherheitsdienstes mit dem Decknamen Richard entpuppen. Erst im Nachhinein erfährt Richter von einer ehemaligen Mitarbeiterin, wie der Direktor sich bei der tags zuvor nach seiner Fahrtroute erkundigt habe.

Richter ist mit seinem privaten Lada Richtung Bad Berka unterwegs. Plötzlich taucht hinter ihm ein gelber Wartburg auf, der immer wieder hupt und Lichtsignale gibt - durch drei Orte hinweg. Richter sagt, er habe die Fahrt immer mal wieder verlangsamt, um sich überholen zu lassen. Trotz mehrerer Gelegenheiten macht der Verfolger keinen Gebrauch davon. In Triptis fährt Richter auf den Randstreifen: Wenn der Fahrer hinter ihm nicht überholt, will er möglicherweise etwas - vielleicht auf einen Defekt aufmerksam machen, überlegt Richter. Auch der Wartburg verlangsamt sein Tempo. Richter steigt aus seinem Auto aus, läuft auf den Wartburg zu: "In dem Moment gibt er Gas und fährt mich über den Haufen. Er hat mich erfasst am Brustkorb und am Knie, mit Kotflügel und Motorhaube", schildert Richter später bei der Polizei den Hergang.

Richter berappelt sich, wirft sich in seinen Lada und fährt dem Wartburg seinerseits hinterher. Der ist inzwischen auf der Autobahn. Kurz vorm Hermsdorfer Kreuz holt er ihn ein und kann sich das Kennzeichen notieren, um Anzeige zu erstatten.

Doch es passiert: nichts. Das damalige Volkspolizei-Kreisamt Pößneck ermittelt nur lax. Erst am 7. Juni - knapp drei Monate nach dem Unfall - wird der Halter des gelben Wartburg vernommen. Eher sei das aufgrund seiner Tätigkeit als freischaffender Videokameramann nicht möglich gewesen, heißt es in alten Ermittlungsakten: "Der Beschuldigte bestreitet, den Richter angefahren zu haben und kann sich nicht erinnern, eine derartige Situation herbeigeführt zu haben", steht im Schlussbericht vom 11. August 1989. Das Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den Halter des Wartburg wird eingestellt. Bei einer Gegenüberstellung zwischen den Beteiligten am 8.August kam "es zu keiner eindeutigen Klärung des Sachverhalts", heißt es. Einen ersten Gegenüberstellungstermin hatte der Beschuldigte platzen lassen - normalerweise kein Verhalten, das DDR-Behörden dulden.

Was Richter weit nach der deutschen Wiedervereinigung aus seinen Stasi- sowie den damaligen Ermittlungsakten der Polizei erfahren hat, lässt ihn bis heute nicht zur Ruhe kommen. Im Gegenteil: Sie haben seinen Verdacht genährt, dass die Stasi hinter dem Attentat steckte oder man ihm zumindest einen "Denkzettel" verpassen wollte. Er kann zwar keinen triftigen Grund dafür nennen. Und bis heute fehlt ein zweifelsfreier Beweis aus den Akten für diese These.

Doch fest steht: Die Stasi mit ihrem Spitzel-Netzwerk hatte Richter seit 1978 im Visier, schon weil er in seinem Beruf einen Passierschein für das Sperrgebiet vor der damaligen innerdeutschen Grenze hatte. Neid und Missgunst spielten wohl auch eine Rolle. Mehrere IMs waren in seinem Umfeld auf ihn angesetzt, weil er - auch als Genosse der Staatspartei SED - als unbequem galt. In einem Bericht der Stasi heißt es unter Berufung auf IM Richard über ihn: "Der IM bezeichnet den R. als undurchsichtigen Menschen mit vielen Widersprüchen. So erhält der R. auf Grund eines medizinischen Gutachtens eines Professors aus Jena Vergünstigungen wie zum Beispiel mehr Urlaub und Kuren. Dem gegenüber steht, dass der R. im Betrieb sehr viele Überstunden arbeitet, die bezahlt werden."

Im Bemühen um Aufklärung hat der inzwischen 75-Jährige in den letzten Jahren Pontius und Pilatus eingeschaltet - Chefs von Stasi-Unterlagenbehörden, Landes- und Bundestagsabgeordnete, Politiker von Kanzlerin Merkel über SPD-Chef Gabriel bis zu Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Von Zeit zu Zeit kam er ein kleines Stück weiter. Entdeckte hier einen Widerspruch in den Akten, dort eine Merkwürdigkeit.

So gebe es drei verschiedene Anschriften, unter denen der damalige Wartburg-Halter angeschrieben oder geladen wurde. Der habe aber immer nur an einem Ort gewohnt: In Hohen Neuendorf (Brandenburg) - dort, wo Richter den Mann vor wenigen Wochen aufsuchte und der ihm das bestätigte. Der Plauener hatte sich ein Herz gefasst und konfrontierte den Mann erstmals direkt mit seiner Vermutung.

Richters Erstaunen war groß, als jener Gustav Gewinner ihn nicht abwies, sondern freundlich einließ und ihm vier Kakteen aus eigener Züchtung schenkte. Der 74-Jährige räumte auch rundheraus ein, dass er damals gelogen und ihn "über den Haufen" gefahren habe. Gegenüber "Freie Presse" wiederholte Gewinner telefonisch diese Aussage. Mit der Stasi aber habe er nie etwas zu tun gehabt, sagt er. Er sei damals freiberuflicher Werbefilmer und zur Leipziger Messe unterwegs gewesen und habe es eben eilig gehabt.

Der Unfall war am 9. März. Die Frühjahrsmesse in Leipzig fand vom 12. bis 18. März 1989 statt. Widersprüche bleiben. Das Rätsel ist noch nicht gelöst.

Über seine Erlebnisse berichtet Hartmut Richter bei den Deutsch-deutschen Filmtagen Hof und Plauen am Montag, 14. November, im Gespräch mit dem Politologen und Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs im Anschluss an die Dokumentation "Erich Mielke - Meister der Angst". Die Vorführung beginnt 15Uhr im Capitol-Kino Plauen. Der Eintritt zu Film und Diskussion ist frei.

www.hof-plauen-89.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...