Werden die Gewässer bald eingezäunt?

Ein Bürgermeister aus Hessen soll schuld am Ertrinken dreier Kinder sein. Das erstinstanzliche Urteil führt in Meerane und Glauchau zum intensiven Nachdenken über die Sicherheit an Teichen.

Meerane/Glauchau.

Beim Spielen an einem Dorfteich sind drei Kinder ertrunken. Sie waren fünf, acht und neun Jahre alt. Der Vorfall liegt zwar fast vier Jahre zurück und spielte sich in der hessischen Gemeinde Neukirchen ab, aber er könnte jetzt Auswirkungen auf die Region haben. Denn das Amtsgericht im hessischen Schwalmstadt befand den Bürgermeister der Gemeinde, in der das Unglück geschah, für schuldig und verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 12.000 Euro, weil der Teich, in dem die Kinder auf tragische Weise ertranken, nicht ausreichend gesichert gewesen sein soll.

Das Gemeindeoberhaupt von Neukirchen ist zwar gegen das Urteil in Berufung gegangen, dennoch denkt der Meeraner Bürgermeister Lothar Ungerer (parteilos) über den Vorfall, das bisherige Urteil und die möglichen Folgen für Meerane nach. Möglicherweise müssen die Teiche in Meerane eingezäunt werden. Das würde, wenn es tatsächlich so weit kommen sollte, unter anderem auch den Meeraner Gondelteich betreffen. Und auch andere Teiche, die derzeit frei zugänglich sind. Feuerlöschteiche und Regenrückhaltebecken hingegen sind grundsätzlich eingezäunt.

Die Stadt Meerane will die juristische Auseinandersetzung weiter beobachten. Die erste Instanz hat in ihrem Urteil laut Ungerer die Aufsichtspflicht der Eltern als zweitrangig eingestuft. Die spannende Grundsatzfrage sei nun: Wer haftet dafür, wenn jemand in einen Teich oder ein anderes Gewässer fällt? Und genügt es, Warnschilder am Ufer aufzustellen oder werden tatsächlich Zäune notwendig? Für Bürgermeister Lothar Ungerer steht eines schon mal fest: "Hier geht es um Haftungsrisiken der Behördenleiter", sagt er. Ein nicht nur für ihn ernsthaftes Thema.

Auch die Stadt Glauchau hat zahlreiche Teiche und frei zugängliche Gewässer, etwa den Stausee, den Gründelteich oder den Carolateich, auch wenn letzterer nicht zum Spielen einlädt. Darüber hinaus ist das Flutrinnenwehr frei zugänglich und ein beliebter Treffpunkt. Und es gibt einen Stadtratsbeschluss, der die Schaffung von Aufenthaltsbereichen an der Mulde vorsieht. Ob zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen nötig sind, ist noch offen. Die Stadt Glauchau beobachtet den Fall in Hessen ebenfalls sehr aufmerksam. Konkrete Maßnahmen hat nach den Worten von Rathaussprecherin Bettina Seidel die Stadt Glauchau jedoch noch nicht festgelegt. Es gelte abzuwarten, inwieweit das Urteil rechtskräftig wird und welche konkreten Folgen sich dann für Städte und Gemeinden in ganz Deutschland ergeben werden.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 22
    0
    Hinterfragt
    18.03.2020

    Wenn es nicht so traurig wäre, konnte man darüber lachen.

    Als ich im Kindesalter war und noch nicht schwimmen konnte, wurde mir von den Eltern beigebracht, dass man nicht zu nahe an Ufer von Gewässern geht und auch, dass man in unbekannten Gewässern selbst als Schwimmer zu Schaden kommen kann.
    Man macht es sich hier einfach zu leicht und wälzt das Unvermögen der Eltern auf andere ab.

  • 23
    0
    fp112
    17.03.2020

    Hier wird mit einem Gerichtsurteil eine Vollkasko- Mentalität gefördert, die die eigene Verantwortung wegschiebt, und immer nach irgendwelchen Schuldigen sucht, den man haftbar machen kann,

  • 14
    5
    Höseldet
    17.03.2020

    Freigeist14@ in der DDR war halt nicht ALLES staatlich verordnet - falls du das KINDERFEUNDLICH falsch verstanden hast ? - tut mir LEID.
    Aber die Eltern hatten halt schon noch Verantwortung für die eigenen Kinder.

    So konnten meine Kinder sowohl Pionier sein und in die Kirche gehen - dies hat ihnen sehr geholfen die Welt zu verstehen - verstehst du?

    .....
    Man war dem Staat nicht ausgeliefert ........
    ...

  • 21
    1
    Steuerzahler
    17.03.2020

    Die diesem Urteil zu Grunde liegende Rechtsauffassung geht offensichtlich mit dem Zeitgeist einher, die individuelle Verantwortung jedes Einzelnen durch die gesellschaftliche Obhut zu ersetzen. Damit wird die individuelle Verantwortung immer mehr ausgesetzt. Was ist das Nächste? Bachläufe und Flüsse einzäunen? Staatliche Begleiter an Fußgängerüberwegen? Pflicht für staatlich geprüfte Beifahrer zur Kontrolle des Fahrzeugführers? Es ist mehr als tragisch um den Tod der Kinder! Aber die Verantwortung liegt hier eindeutig sowohl bei Erziehung als auch bei der Aufsichtsperson.

  • 16
    4
    Interessierte
    17.03.2020

    Die Straßen !!! müssen auch eingezäunt werden !!!

  • 22
    1
    MuellerF
    17.03.2020

    Warnschilder sollten ausreichen- das Restrisiko muss über die Aufsichtspflicht und die Erziehung gemanagt werden.

  • 14
    2
    Hanneswbg
    17.03.2020

    Ertrinkt jemand in der Pfütze ist das Regenwetter schuld, genauso wie die Sonne an der Erderwärmung Schuld ist, hat jedenfalls mal eine Bundestagsabgeordnete einer Partei in einem Interview mal gesagt.................
    Über weltfremde Entscheidungen von Gerichten muss man sich nicht wundern, denn diese entscheiden nach Gesetzeslage und die entspricht nicht immer dem Zeitgeist!

  • 5
    1
    Freigeist14
    17.03.2020

    Höseldet@ niemand würde ernsthaft Ihre rhetorische Frage mit -Ja- beantworten .

  • 19
    2
    Höseldet
    17.03.2020

    In der "Menschen-/Kinderfeindlichen DDR ?" gab es Schilder auf denen stand UNTEN
    "ELTERN HAFTEN FÜR IHRE KINDER" .....
    Man kann übrigens auch in Pfützen ertrinken - diese können aber mit Bauzäunen abgesperrt werden ..... ?!

  • 28
    0
    lothaar
    17.03.2020

    @Tauchsieder: Da kann ich Ihnen nur zustimmen! Wenn diese Entscheidung bestätigt würde, hätte das so weitreichende Folgen für kommunale Verantwortungsträger, private Teichbesitzer etc. - das kann man auf die Schnelle gar nicht überblicken. Selbst Bereiche wie Umweltschutz (Wasserstellen/Lebensraum für Wildtiere) und Denkmalschutz (z.B.historische Parkanlagen) wären davon tangiert.

  • 29
    0
    Tauchsieder
    17.03.2020

    Ich glaube in zweiter Instanz hält dieses Urteil einer Überprüfung nicht stand. Völlig weltfremd diese Entscheidung.
    Übrigens was ist mit den Talsperren, oder ab welcher Größe des Gewässers muss gehandelt werden usw. . Ist es nicht eher so, dass hier vielleicht jemand seine Aufsichtspflicht verletzt hat?