Zerbrechlicher Werkstoff erfordert Fingerspitzengefühl

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Glauchau.

Von Glück können wir reden, dass sich vor ein paar Jahrhunderten das Handwerk des Glasers entwickelte. Womöglich würden wir noch heute Tierhäute statt Glas vor unseren Fenstern gespannt vorfinden. Glas, ein Werkstoff, der durchaus mit zu einem der ältesten der Menschheit zählt, konnte früher nur geschliffen werden. Das brauchbare Flachglas, wie wir es heutzutage kennen, fertigte man allerdings erst im 17. Jahrhundert an, sodass sich der Beruf des heutigen Glasers im Gegensatz zu anderen Gewerken recht spät entwickelte.

"Glas ist eine tolle Sache, Glas macht aus einem Projekt erst etwas ganz Besonderes. Und vor allem: An Glas traut sich nicht jeder heran. Es gab Zeiten, da dachte der ein oder andere, er könne handwerklich alles. Aber dieser zerbrechliche Werkstoff blieb außen vor, das ist dem Glaser vorbehalten, denn wir haben den Klemmgriff drauf", sagt Bastian Lange lachend in seiner Werkstatt. Es sind etliche Generationen seiner Familie, die sich neben dem Werkstoff Holz dem Glas widmeten.


Die Geschichte im Hause Lange aus Glauchau beginnt bereits 1880. "Wir sind von jeher als Glaser bekannt, von 1880 bis in die 50er- Jahre waren wir durchaus eine reine Glaserei. Hermann Lange begründete die Tradition, Opa Erhard war Tischler- und Glasermeister, Vater Hermann ebenso. Und ich glaube, dass ich diese Gene geerbt habe", ist Bastian Lange überzeugt. Wie in anderen Handwerksberufen dauert eine Lehre drei Jahre, artverwandte Berufe kann man dabei zusammenführen, wie Tischler, Glaser und Zimmerer. Die Hälfte des Lernstoffes in der Ausbildungszeit ist dabei gleich.

"Es klingt komisch, aber wir leben tatsächlich vom Leid der anderen Leute: Einbruch, Sturm, Feuer. Oder die schlimmen Hagelvorkommnisse von 2007 und 2013. Da hatten wir zutun", sagt Bastian Lange. Er übernahm die Geschäfte im Jahr 2005 von seinem Vater und beschäftigt zwei Angestellte. Der Kunden-Umkreis der Firma hat sich in den letzten Jahren massiv erweitert. Eine Anfrage kam zum Beispiel aus Jena, weil es im gesamten Gebiet nicht möglich war, einen Glaser für dringliche Reparaturarbeiten zu bekommen. "Und es wird nicht besser bei den Handwerksberufen, der Nachwuchs fehlt", beklagt der Glauchauer, der weit und breit alleinig eine Glasschleifmaschine besitzt und auch über das entsprechende Glaslager verfügt. "Mit 18 bis 20 verschiedenen Glasarten sind wir gut bestückt." In den Regalen werden die Scheiben sorgfältig gelagert. "Buntes Glas gibt es im Moment nicht. Es wird erstens nicht mehr jede Farbe verlangt, und viele Hochöfen der Manufakturen werden zeitgleich restauriert. Deshalb ist unser Glas als Rohstoff auf dem Weltmarkt derzeit auch teurer als sonst", erklärt Lange. Aber dennoch gibt es noch genügend alte Kasten- oder Verbundfenster, die Reparaturverglasungen verlangen. "Nehmen wir beispielsweise die Dachfenster der DDR mit ihrer darin enthaltenen Kreuzsprosse, die werden noch öfter in die Glauchauer Werkstatt gebracht. Alte Scheiben herauspochen, neues Glas mit dem Glasschneider zurechtschneiden. Glaserecken aus Metall halten die Scheibe in der Falz, dann den Fensterkitt aufbringen", beschreibt der Fachmann die einzelnen Arbeitsgänge, die erforderlich sind, um eine Scheibe auszuwechseln. Je nach Jahreszeit härtet der Kitt auf Leinölbasis innerhalb von zwei Wochen aus. "Wir haben immer genug Kitt am Lager, auch die Glaserecken werden in Großmengen bestellt.

Neben Ornamentgläsern, die in Wohnungen Zimmertüren zieren, kennt sich ein Glaser auch mit Sicherheitsverglasungen aus. Man unterscheidet dabei die Verbundsicherheitsgläser, die mit einer Folie zwischen zwei Scheiben maximal reißen können, und die Einscheibensicherheitsgläser. Diese kennt man aus Fahrzeugen, die seitlichen Autoglasscheiben können bei Bruch in 1000 kleine Stücke zerbrechen." In die öffentlichen Gebäude und Institutionen, wie Theater, Schulen und Kindergärten müssen Sicherheitsgläser eingebaut haben. "Wir hatten beispielsweise das Chemnitzer Verwaltungsgericht als Auftraggeber, dort wurden die Glasscheiben in den Räumen nach und nach alle erneuert", so Lange. Was dem Handwerker besondere Freude macht, sind Aufträge in Küchen. Der üblicherweise zu fließende Bereich hinter der Küchenzeile wird dabei mit Glas verblendet, Löcher für die Steckdosen und Lichtschalter werden herausgeschnitten, beschreibt Lange einen neuen Trend. "Einem Kunden gefiel seine Küche tatsächlich erst durch meine Arbeit", freut sich Bastian Lange.

Am Schneidtisch in der Werkstatt bearbeitet der Handwerker sein Glas. "Unser handlicher Glasschneider ist dabei das wichtigste Werkzeug. Von der Lehre an haben wir den einen und nehmen ihn quasi mit ins Grab", sagt Lange. Große Scheiben werden mit Saugnäpfen getragen. An der Glasschleifmaschine werden die Kanten bearbeitet. Zuerst werden sie stumpf geschliffen, um Verletzungen zu vermeiden, danach mit Korkband aufpoliert, bis alle Kanten wieder glänzen.

"Glas ist etwas Wunderbares. Man versteht das Handwerk, wenn man es sieht und hört, ob das Glas schneidbar ist. Und es ist wichtig: Wir stellen kein Glas her, wir verarbeiten es nur."

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