Als ein Hotel zum Offiziersquartier wurde

Werdau hatte eine florierende Gaststättenlandschaft. Heute: Der "Kaiserhof" (Folge 4)

Werdau.

Die Ansichtskarte aus den 1930er-Jahren zeigt den oberen rechten Teil der Bahnhofstraße und einen kleinen Bereich des Bahnhofvorplatzes mit dem Bahnhofspostamt. Das Gebäude war vormals ein Teil des Spedition Vollbrechtshausen und wurde 1893 als Postamt 2 eröffnet. Am 9. April 1945 wurde es durch einen US-amerikanischen Jagdbomberangriff so zerstört, dass es abgebrochen werden musste.

Bei diesem Angriff verlor auch der dunkelhäutige zehnjährige Hans-Joachim Knüpfer sein Leben. Ihm und weiteren zivilen Kriegsopfern zu Ehren wurden auf dem Werdauer Friedhof Erinnerungsstelen errichtet. Schon 1942 wurden Teilbereiche der Post in den Räumen der ehemaligen Gaststätten "Ritterhof" und "Deutsche Eiche" eingerichtet. Ab 1949 fungierten beide Häuser weiter als Postamt 2 mit Briefverteilung, Zeitungslager und Nähstube für Postuniformen.

Am Ende der Bahnhofstraße, rechts oben, erkennt man das dominante Hotel "Kaiserhof". Links davor steht eine heute weitgehend aus dem Stadtbild verschwundene Litfaßsäule. Der Wirt der Schankwirtschaft im Werdauer Bahnhof, Louis Enke, erkannte 1880 den Bedarf an einem repräsentativen Hotel in Bahnhofsnähe. Die vorhandenen Übernachtungsmöglichkeiten, die es in dieser Zeit im Werdauer Bahnhof gab, genügten in Anzahl und Niveau nicht mehr den gewachsenen Ansprüchen. Enkes Bauantrag wurde so schnell bewilligt, dass er bereits 1882 sein "Hotel Enke", damals Hausnummer 258, heute 46, eröffnen konnte. Große Zimmer mit Bad und diverse Versammlungsräume wurden besonders von Handelsreisenden geschätzt. Wärmegeschützte Remisen für Kutschen und beheizte Garagen für die später aufkommenden Autos gehörten zum Komfort. Ernst Busch wurde 1891 neuer Besitzer des Hotels und gab ihm den Namen "Kaiserhof". Noch im selben Jahr verkaufte Busch sein Hotel an die Familie Junghändel. Als Richard Junghändel 1907 verstarb, übernahm seine Frau Lina die Geschäfte. Zusammen mit ihrem Sohn Curt betrieb sie das Hotel bis ins Jahr 1950. Viele Vereine und Firmen schätzten die Angebote, wie Nutzung der Räume für Tagungen und Ausstellungen sowie Erzeugnis-Präsentationen unterschiedlichster Art.

Als zum Ende des Zweiten Weltkrieges, am 16. April 1945, die US-amerikanischen Truppen, aus Richtung Seelingstädt kommend, Werdau besetzten, benötigten sie für ihren Divisionsstab eine Einquartierung. Das Hotel "Kaiserhof" und der nahe Bahnhof entsprachen dabei am besten den amerikanischen Vorstellungen. Am 17. April begann der Einzug des Gefechtsstandes der 89.US-amerikanischen Infanteriedivision. Für die anderen Dienstgrade wurden in ganz Werdau Wohnungen beschlagnahmt. Deren Bewohner mussten ausziehen und versuchen, bei Verwandten und Bekannten Unterschlupf zu finden. Anfang Mai 1945 wurde die 89. Division wieder nach Thüringen verlegt. Die sowjetische Armee, die im Anschluss in Werdau einrückte, hatte ihre Kommandantur nicht im "Kaiserhof", sondern unter anderem im Gebäude der ehemaligen Amtshauptmannschaft in der Zwickauer Straße. Am Jahresende 1950 wurde das Hotel geschlossen.

Im Zuge der 1952 erfolgten Landes- und Verwaltungsreform in der DDR zog für einige Jahre der Rat des Kreises, Abteilung Finanzen, ein.

Nach 1990 bis 2002 wurde das Gebäude vom Landratsamt als Verwaltungs- und Bürogebäude genutzt. Lange Zeit leer stehend, sind heute in dem umfassend sanierten ehemaligen Hotel verschiedene Unternehmen angesiedelt.

Zurück zur alten Ansichtskarte. Das in der Mitte abgebildete Haus Nr. 44 beherbergte viele Jahre lang ein Frisörgeschäft. Heute ist es ein Wohnhaus mit prächtig restaurierten Ornamenten an der Frontseite. In dem rechts danebenstehenden Gebäude (Hausnummer 42) war die vielen noch gut bekannte Gaststätte "Thilos Bierstuben" mit dem langjährigen Wirt Gerhard Müller eingerichtet. Christa Claus bewirtschaftete von 1983 bis 1990 die zu dieser Zeit "Braustübel" genannte Gaststätte weiter. Nach langem Leerstand erfolgte 2009 der komplette Hausabbruch. Der rechts vom Gasthaus befindliche kleine, schmale Anbau gehörte zur Hausnummer 40 und existiert heute ebenfalls nicht mehr. Das praktisch nur aus einem Raum bestehende Ladengeschäft beherbergte in den vergangenen Jahrzehnten einige interessante Nutzer: 1875 den Bildhauer Carl Gäbert mit seiner Werkstatt; 1912 war es der Frisörsalon von Emil Zeuner; 1919 hatte dort Richard Grimm sein Warengeschäft, welches ab Mitte der 1920er-Jahre von Emil Flechsig als Delikatessengeschäft weitergeführt wurde. Nach 1950 waren darin ein einfacher Lebensmittel- und Gemüseladen und ab 1990 für kurze Zeit ein Imbiss eingerichtet. Die Initialen von Emil Flechsig, die seit den 1920er-Jahren an diesem Geschäft prangten, hatten die Zeit überdauert. Sie verschwanden erst mit dem Abbruch des Hauses. Dafür hat man heute einen freien Blick auf das sich dahinter befindliche ehemalige Gasthaus "Schillerschlößchen".

Quelle: "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben

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