Briefe bewegen Tochter bis heute

Vor 51 Jahren wurde das KZ Dachau befreit. Seit Langem treibt Ingrid Funke die Erinnerung an eine furchtbare Zeit für ihren Vater um. Er war dort inhaftiert, sein Vater fand im KZ den Tod.

Langenbernsdorf.

Mit gestochen schöner, gleichmäßiger Handschrift sind die Briefe verfasst, die Hugo Fiedler an seine Mutter geschrieben hat. "Noch bin ich bei guter Gesundheit. Danke für das Geld, dass du mir geschickt hast. Ich freue mich schon so darauf, wenn wir uns wiedersehen." Aus manchen der A-5-Formate sind Stücke herausgeschnitten worden. Zensiert von der Lagerleitung des KZ Dachau.

"Seit 50 Jahren treibt mich das Schicksal meines Vaters um", sagt Ingrid Funke. Und in diesen Tagen noch mehr als sonst, wurde doch das KZ Dachau am 29. April 1945 von den Amerikanern befreit. Als Kind habe sie nichts vom düsteren Schicksal ihres Vaters gewusst, der im Dorf bekannt und beliebt war. "Er war Rundfunkmechaniker und hat Radios gebaut und repariert." Als Ingrid Funke 17 Jahre alt war, war der Moment der Wahrheit gekommen. "Wir kamen von der Heuernte, und mein Vater bat mich, ihm den Rücken zu waschen. Auf der einen Seite war da nur blau-rote, wie abgestorbene Haut." Drei Tage und Nächte hatten die Gefangenen draußen stehen müssen in Wind und Wetter, weil ein Gefangener aus dem KZ getürmt war. "Mein Vater hatte vorher nie mit mir über seine Gefangenschaft gesprochen. Der sonst so ruhige Mann wurde nur manchmal zornig, wenn ich irgendetwas nicht essen wollte. Er musste mit den anderen Gefangenen Gras essen. Als das alle war, Wurzeln, die sie aus dem Boden gruben. Viele bekamen Durchfall und starben."

1939 wurde Hugo Fiedler ins KZ Dachau, später nach Flossenbürg in Bayern gebracht. Insgesamt drei Jahre verbrachte er in Gefangenschaft. Der gebürtige Tscheche war Mitglied einer Widerstandsgruppe in seiner Heimat nahe Großschönau. "Irgendwer musste ihn und die anderen verraten haben. Vielleicht war es sogar jemand aus den eigenen Reihen", kann Ingrid Funke heute nur mutmaßen. Die Gestapo nahm kurzerhand den Großvater mit, weil der Vater zum Zeitpunkt der Verhaftung nicht da war. Da beide den gleichen Namen hatten, kam es wohl zu einer tragischen Verwechslung. Der Großvater blieb weiterhin inhaftiert und starb später im KZ. "Eine Schuld, die sich mein Vater wohl nie verziehen hat", sagt Ingrid Funke, die noch immer im kleinen Elternhaus am Hälftbuchenweg im Ortsteil Stöcken zuhause ist. "Mit nichts sind meine Eltern als Umsiedler hier angekommen. Meine Mutter Marie Fiedler war Hebamme und hat praktisch das ganze Dorf entbunden. Sie wurde, genau wie mein Vater, von vielen geschätzt."

1999, im Alter von 78 Jahren, verstarb Ingrid Funkes Vater. Sie möchte die Erinnerung an ihn lebendig halten. "Er war jemand, zu dem ich aufschauen konnte und von dem ich viel gelernt habe." Als ihr Mann schließlich vor einem halben Jahr starb, ist dieses Bedürfnis irgendwie noch größer geworden. "Ich kann nicht verstehen, wie man leugnen kann, dass es überhaupt Konzentrationslager und systematische Massenvernichtungen von Menschen gegeben hat. Meine Familie ist ein Beispiel von Hunderttausenden, dass es so war." Die 57-Jährige würde gern alle Briefe und Unterlagen ihres Vaters weiterreichen - an eine Stelle, wo sie aufbewahrt und archiviert werden. "Vielleicht finde ich dann meinen inneren Frieden", hofft die Mutter zweier Töchter.


In Dachau sterben fast 42.000 Menschen - In Flossenbürg arbeiten Häftlinge in Steinbrüchen

Das Konzentrationslager Dachau nahe München bestand vom 22. März 1933 bis zu seiner Befreiung durch Truppen der US-Army am 29. April 1945. Es war zwölf Jahre durchgehend in Betrieb, mehr als doppelt so lang, wie die meisten späteren KZ. Von den mindestens 200.000 Dachauer Haftinsassen starben etwa 41.500. Zusätzlich deportierte die SS häufig Häftlinge in Vernichtungslager.

Das Konzentrationslager Flossenbürg nahe der Grenze zum damaligen Sudetenland bei Weiden in der Oberpfalz bestand von 1938 bis 1945. Die rund 3000 Inhaftierten mussten im Drei-Schicht-System in Steinbrüchen und Ziegeleien bis zur Erschöpfung arbeiten. Beide Konzentrationslager sind heute Gedenkstätten. (rdl)

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