Die Macherinnen

Sie stehen im Stall und sitzen auf dem Traktor, sie gehören zum Leitungsteam von Unternehmen und managen Höfe - Bäuerinnen sind ein wichtiger Grundpfeiler der Landwirtschaft in der Region. Und erstmals in der zehnjährigen Geschichte des Landkreises Zwickau gibt es mehr weibliche als männliche Jungfacharbeiter.

Werdau.

Von wegen schwaches Geschlecht: Frauen punkten auch in der Landwirtschaft in der Region mit ihren Stärken. Sie tragen Verantwortung, wie vier Beispiele aus dem Landkreis Zwickau zeigen. Im Nachhinein ist Heike Pilz froh, dass sie als 16-Jährige keine Lehrstelle als Damenmaßschneiderin bekommen hatte. "Ich habe dann in der Culitzscher Jungrinderaufzucht Zootechnikerin/Mechanisatorin gelernt und diese Entscheidung nicht bereut", sagt die heute 51-Jährige. 1996 begann sie als Melkerin in der Wiesenburger Land eG. Acht Jahre später, als ihre Tochter zunehmend selbstständig wurde, ist Heike Pilz noch einmal durchgestartet, hat sich zur Landwirtschaftsmeisterin qualifiziert. Die Theorie für den Meisterbrief zu büffeln, ist ihr nicht leicht gefallen. "Da musste ich den inneren Schweinehund schon oft überwinden", gibt sie zu. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Vor zwölf Jahren erhielt sie das beste von 57Meisterzeugnissen in Sachsen. Die Leiterin der Tierproduktion in Wiesenburg trägt Verantwortung für 17 Mitarbeiter, die 380 Milchkühe, knapp 400 weibliche Jungtiere, 650 Mutterschafe, 150Mutterkühe mit Nachzucht und 140Wasserbüffel betreuen. Die Frau, die auf einem Bauernhof mit vielen Tieren aufwuchs und dort bis heute lebt, wird im Unternehmen geschätzt, weil sie nicht nur leitet, sondern überall mit anpackt. Ihre Erfahrung wird auch bei den Männern in der Genossenschaft geschätzt. Die Liebe zum Beruf gibt Heike Pilz als Ausbildungsverantwortliche an junge Leute weiter. "Und viele, auch Frauen, bleiben in der Landwirtschaft. Das ist schön", sagt sie.

Wenn Michelle Bubolz mit ihrem 100 PS starken Traktor unterwegs ist, um Strohballen einzufahren oder Getreide abzutransportieren, ist die 19-Jährige in ihrem Element. Sie hat gerade beim Agrarhof Gospersgrün ihre Ausbildung zur Landwirtin abgeschlossen, gehört zum Team des Unternehmens in einem Ortsteil von Fraureuth. Für Michelle ist Landwirtin der schönste Beruf der Welt. "Man ist an der frischen Luft, kann selbstständig arbeiten, ist mal auf dem Feld und mal im Stall, ich mag das", sagt sie. Dass es in der Erntezeit abends auch mal länger dauert, oder sie an den Wochenenden arbeiten muss, stört sie nicht. "In anderen Branchen ist das nicht anders. Wir können ja die Überstunden im Winter, wenn auf den Feldern weniger los ist, abfeiern." Maxi Ullmann ist mit den Leistungen ihres Schützlinges zufrieden. Die 38-Jährige ist seit 2010 beim Agrarhof Gospersgrün für die Ausbildung zuständig und weiß, wie die Jugendlichen ticken. Maxi Ullmann, selbst Mutter von zwei Kindern (acht und zehnJahre), ist in einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen. Der Familie gehört seit mehreren Generationen die Mühle in Beiersdorf, das ebenfalls zu Fraureuth gehört. Sie hat ihren Beruf von der Pike auf gelernt. Erst Landwirtin, dann noch einen Fachschulabschluss gemacht, nun kümmert sie sich um die Lehrlinge. Dass sich mehr Mädchen für den Beruf entscheiden, freut die Landwirtin. Ginge es nach ihr, könnten es noch mehr sein. Die drei neuen Lehrlinge, die jetzt beim Agrarhof begonnen haben, sind alle männlich. Als Elvira Wunderlich mit 14 Jahren verkündete, dass sie Landwirtin werden will, hielten das viele in ihrem Umfeld für eine Schnapsidee, erinnert sich die heute 66-Jährige. "Ich bin in Bad Elster aufgewachsen, niemand in der Familie hatte in der Landwirtschaft gearbeitet, und ich war eine schmale Person." Doch sie setzte ihren Willen durch, besuchte an der Oberschule eine Spezialklasse Landwirtschaft und bildete sich zur Facharbeiterin fort. Später studierte Elvira Wunderlich in Zug, wurde Brigadierin in der damaligen LPG "Albert Köhler" in Dürrenuhlsdorf. Dann qualifizierte sie sich noch zur Diplomagrarökonomin. "Weil ich mit Leib und Seele Landwirtin bin, habe ich in der Wendezeit mit Gleichgesinnten ein neues Unternehmen gegründet. 1992 kaufte ich mit meinem Mann den Hof in Franken, auf dem die Kühe standen", erzählt sie. Mit ihrer Familie hat sie viel Zeit und Geld in das Anwesen gesteckt, in dem sie an Wochenenden ihr Hofcafé öffnet. In der Fermila GmbH und Co KG. übernahm Elvira Wunderlich als Prokuristin Verantwortung, leitete das Unternehmen von 2003 bis 2016 als Geschäftsführerin. Seither ist sie erneut Prokuristin. Neben der Feldwirtschaft gibt es 50Jungrinder und 650 Schafe. "Für mich ist Landwirtin kein Beruf, sondern Berufung", sagt die Frau, die im Prüfungsausschuss für die Lehrlinge im Landkreis wirkt. "Eine der Auszubildenden, die ich betreut habe, ist heute Leiterin der Milchviehanlage in Remse. Gerade in der Tierproduktion stehen viele Frauen ihren Mann", sagt sie.

Über eine Alternative zum Job auf dem elterlichen Hof hat Sarah Kretzschmar (31) nie nachgedacht. "Ich bin da reingewachsen. Und was die Eltern mit viel Mühe aufgebaut haben, das muss man doch erhalten", sagt die Gersdorferin. Ihr Sohn Moritz, zweieinhalb Jahre alt, wächst genauso auf wie sie - viel Freiheit zwischen Traktoren und Hühnern. "Er darf sogar schon die Eier mit herausnehmen und stellt sich dabei geschickt an", sagt die junge Mutter, die täglich von 7 bis 21 Uhr für den Hof auf den Beinen ist. Eierproduktion ist der Haupterwerbszweig der Kretzschmars. Rund 8500 Stück werden täglich eingesammelt und verpackt. "Alles Handarbeit", sagt Sarah Kretzschmar. Sie kümmert sich um rund 10.000 Legehennen. "Kapazität hätten wir für 21.000 Tiere. Aber so haben sie mehr Platz. Außerdem minimiert es das Risiko." Mit der jungen Frau haben auch neue Ideen im Betrieb Einzug gehalten. "Ich wollte immer einen eigenen kleinen Hofladen betreiben, den habe ich jetzt." Präsentiert wird er auf einer eigenen Internetseite. Sie verkauft nicht nur frische Eier, sondern auch den Eierlikör, den sie daraus herstellt. "Ich habe lange experimentiert, bis der Geschmack perfekt war", sagt sie. Honig aus der hofeigenen Imkerei bietet sie genauso an wie den Saft, den sie aus den Äpfeln der Plantage herstellen lässt. "Auch Nudeln, die wir mit unseren Eiern produzieren lassen, gibt es. Wir setzen eben auf Direktvermarktung und Produkte aus der Region." Jetzt wird das Sortiment noch um Getränke aus der Gersdorfer Glückauf-Brauerei erweitert. Sarah Kretzschmar will mit niemandem tauschen. "Manche Leute zahlen viel Geld, um beim Urlaub auf dem Bauernhof das Leben in der Landwirtschaft kennenzulernen. Wir haben das täglich." (hpk/umü/vim)

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