Eishockey-Begeisterung führt vom Hofteich zu EM-Bronze

Dieter Kratzsch gehört zu den Sport-Größen in Crimmitschau. Am Sonntag wird er 80 Jahre alt. Und hat einen ganz großen Wunsch.

Crimmitschau.

Die Gesundheit spielt nicht mehr ganz so mit. Dieter Kratzsch kann zu den Heimspielen des Eishockey-Zweitligisten Eispiraten Crimmitschau nicht mehr in das Kunsteisstadion im Sahnpark, welches als Spieler und Trainer lange sein zweites Wohnzimmer war, kommen. Stattdessen drückt er den Eispiraten-Profis nun in seinem Haus im Crimmitschauer Ortsteil Langenreinsdorf die Daumen - vor dem TV-Gerät. Die Partien werden auf dem Internet-Kanal "Sprade TV" übertragen. "Das ist ein toller Service. Wichtige Szenen werden noch einmal in der Zeitlupe präsentiert. Ich habe in der Saison 2018/19 alle Heimspiele angeschaut", sagt Dieter Kratzsch und ergänzt: "Das kann das besondere Flair im Kunsteisstadion aber nicht ersetzen." Am morgigen Sonntag wird Dieter Kratzsch, der zu den bekanntesten Eishockey-Sportlern aus Crimmitschau gehört, 80 Jahre alt. Bei der Frage, welche Wünsche es zum Geburtstag gibt, muss der Jubilar nicht lange zögern: "Ich will gern noch ein paar Jahre mit meiner Familie verbringen."

In 109 Länderspielen hat Dieter Kratzsch das Trikot der DDR-Nationalmannschaft getragen. Höhepunkte waren die Teilnahme an fünf WM-Turnieren (1962, 1963, 1965, 1966, 1967) und den Olympischen Spielen (1968). Den Lohn für seinen größten sportlichen Erfolg auf internationaler Bühne hielt Dieter Kratzsch erst mit 33-jähriger Verspätung in den Händen. Die DDR-Nationalmannschaft gewann 1966 bei den Europameisterschaften in Ljubljana, die im Rahmen der zeitgleich stattfindenden WM ausgetragen wurden, Bronze. Damals mussten der Crimmitschauer und seine Teamkollegen aber ohne Medaille im Gepäck die Heimreise antreten, weil durch den Fehler eines Offiziellen Schweden auf dem dritten Rang gelandet war. Dabei hatte die DDR-Auswahl in der separaten Wertung der Spiele zwischen den europäischen Teams den dritten Platz belegt. Durch Recherchen des Eishockey-Museums in Augsburg wurde der Fehler entdeckt und 1999 die Übergabe der Medaillen nachgeholt. Sie bewahrt Dieter Kratzsch neben vielen weiteren Erinnerungsstücken in einem Zimmer auf. Im Schrank befinden sich auch Pokale, Fotos, Videos und sogar noch ein Helm aus seiner aktiven Zeit.


Eishockey hat das Leben von Dieter Kratzsch bestimmt - von der Kindheit bis ins Rentenalter. Er wurde 1939 in Crimmitschau geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte er die ersten Schritte auf dem Eis des zugefrorenen Hofteichs in Frankenhausen zurück. Die Kufen wurden noch an den Schuhen befestigt. "Wir haben sogar im Mondschein gespielt und in den Abendstunden noch Löcher in das Eis gehakt. Dadurch stand am nächsten Tag wieder ein glatter Belag zur Verfügung", erinnert sich Dieter Kratzsch und erzählt über eine Episode auf der Eisfläche unter der Autobahnbrücke in Frankenhausen: "Wenn im Winter oben ein Streufahrzeug unterwegs war, mussten wir unten erst einmal eine Pause einlegen und das Spielfeld reinigen."

Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Dieter Kratzsch gehörte zur erfolgreichen Mannschaft der Grundschule aus Frankenhausen, die sich den Titel des DDR-Pioniermeisters sichern konnte (1951, 1952, 1953). Danach folgte die Berufung in die DDR-Juniorenauswahl (1957). Zwei Jahre später spielte er erstmals für die Nationalmannschaft. Auf Klubebene war der Angreifer für den SC Wismut Karl-Marx-Stadt und den ASK Crimmitschau im Einsatz. Arbeitgeber von Dieter Kratzsch und vielen anderen Sportlern war damals die Armee. "Wir konnten unter Profibedingungen trainieren", erzählt er.

Anfang der 1960er-Jahre mussten die Eishockey-Schläger zeitweise gegen das Werkzeug getauscht werden. Kratzsch und Co. halfen in den Sommermonaten beim Neubau des Kunsteisstadions im Sahnpark, verlegten unter anderem einen Teil der Rohrleitungen. "Durch den Neubau haben sich die Bedingungen verbessert, wir waren nicht mehr von der Witterung abhängig und konnten fast ein halbes Jahr auf dem Eis trainieren", sagt Dieter Kratzsch, der Anfang der 1970er-Jahre wie viele weitere Mitstreiter vom Aus für den Eishockey-Leistungssport in Crimmitschau erfuhr. Die DDR-Spitze stellte die Unterstützung ein. "Wir standen unter Schock, konnten aber nichts machen. Das war ein Befehl."

Damit begannen in Crimmitschau fast 20 Jahre auf Eishockey-Sparflamme. Dieter Kratzsch gehörte zu den Leuten, die als Spieler und Trainer der BSG Einheit Crimmitschau die Treue hielten und - trotz der Schwierigkeiten - weiter Kinder für den Eishockey-Sport begeisterten. Das sollte kurz nach der Wende belohnt werden. In Crimmitschau herrschte eine Eishockey-Euphorie, tausende Fans strömten ins Stadion und feierten in der Saison 1991/92 den Gewinn des Bayernmeistertitels. Als ETC-Trainer stand Dieter Kratzsch hinter der Bande. "Das verzeihen uns die Bayern bis heute nicht", sagt der Rentner, der sich zwischen 1992 und 2009 als Nachwuchstrainer engagierte.


So gratulieren alte Kollegen

Ex-Stürmer Roland Frisch: "Dieter Kratzsch ist sportlich und menschlich eine Größe. Er blieb immer auf dem Teppich, hatte nie Starallüren. Er hat immer gesagt, dass wir rausgehen und Spaß haben sollen. Das war vielleicht auch ein Grund, warum wir damals den Bayernmeistertitel gewonnen haben. Das wurde gemeinsam mit Dieter Kratzsch bei einer legendären Rodelparty im Zillertal gefeiert. Er war, was viele gar nicht wissen, auch ein begnadeter Fußballer und ist mit dem Kopf an viele Bälle, die Torhüter nicht erwischen konnten, herangekommen. Wir werden leider alle älter. Ich wünsche Dieter Kratzsch vor allem Gesundheit, werde zum Geburtstag mal vorbeischauen."

Ex-Trainerkollege Lutz Höfer: "Dieter Kratzsch ist für mich einer der größten Sportler der Crimmitschauer Eishockeygeschichte. Er hat die Fahne nie in den Wind gehängt. Nach der Wende stand er sofort zur Verfügung, um unseren Sport anzuschieben. Dabei ließ er sich niemals verbiegen, sagte immer seine Meinung. Sein großer Sportsgeist zeigte sich auch in Niederlagen, die er fair anerkannte. Er gab seine Erfahrungen mit viel Geduld an den Nachwuchs weiter. Wir wünschen, auch als Vorstand des ETC, Dieter alles Gute für die Zukunft und hoffen, dass er noch lange weiter fit genug ist, um Freude an seiner Sportart zu haben." (hof)

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