Wo einst Leute verurteilt wurden, wird heute medizinisch geholfen

Wie sich Crimmitschau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Amtsgericht (Folge 35)

Crimmitschau.

Diese lithografierte Postkarte stammt aus dem Jahr 1905 vor der Übergabe des Gebäudes am 30. September an die Behörde und ist die erste Aufnahme nach der Erbauung des Amtsgerichtes in den Jahren 1903 bis 1904. In diese Zeit fiel der Textilarbeiterstreik für den Zehnstundentag (22. August 1903 bis 18. Januar 1904). Am rechten Bildrand ist das Haus der Reichsbanknebenstelle in der Kaiserstra- ße 1 (ab 1945 Karl-Marx-Straße) zu erkennen. Das 1896 erbaute Gebäude ist ein repräsentativer Gründerzeitbau mit Klinkerfassade im Stil der Neurenaissance.

Das alte königliche Amtsgerichtsgebäude in der Bahnhofstra- ße 7 genügte vor dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr den Erfordernissen der Verwaltung. Der Amtsgerichtsbezirk Crimmitschau umfasste zu dieser Zeit die heutige Stadt Crimmitschau mit ihren Ortsteilen, Grünberg, Heyersdorf, Neukirchen mit den heutigen Eingemeindungen sowie Schönhaide, Thonhausen, Waldsachsen (sächsischer Anteil) und Wettelswalde. Für die neuen Ansprüche des Amtsgerichtes entstand ein beeindruckendes Bauwerk zwischen der Langen Straße (ab 1917 Beckmannstraße sowie ab 1951 Pestalozzistraße) und der Carthäuser Straße. Die Bauausführung prägten Sparsamkeit und Schlichtheit in der Fassadengestaltung. Ein Grund dafür, dass die Kosten für das neue Amtsgericht nur um 450.000 Mark betrugen. Im Gegensatz zur Fassadengestaltung standen die Aufwendungen am Fassadenteil über dem Haupteingang an der Ecke Carthäuser Straße und Kaiserstraße (seit 1945 Karl-Marx-Straße). Die große Eingangstür aus Eiche, verziert mit symbolischen Schnitzwerk, dass auf den Zweck des Gebäudes hindeutete, existiert nicht mehr. Bewahrt blieb die architralähnliche (Balken über Säulen), von zwei Löwen getragene Bekrönung, jetzt ohne Aufschrift "Königliches Amtsgericht", sondern mit dem Logo des Medcenters versehen. Über dem Fenster des ersten Obergeschosses hielt sich über alle Jahre das sächsische Wappen, von zwei Gesetzestafeln flankiert. Im Inneren des Gebäudes wirken noch immer die Jugendstilelemente. Vollständig getrennt von den Diensträumen gab es Wohnräume für einige Beamte im Gebäudeteil an der Langen Straße.

In den 1920er- und 1930er-Jahren war im Amtsgerichtsgebäude zusätzlich das Finanzamt untergebracht. Erst in der DDR-Zeit etablierte sich das Gesundheitswesen im Gebäudekomplex. Die erste Einrichtung, die im Objekt einzog, war 1952 die Bergarbeiterpoliklinik der Wismut (sowjetisch-deutsches Bergbauunternehmen). Ebenfalls nutzte die Wismut das Gebäude auch als Wohnunterkunft. Der Volksmund sprach vom "Bullenkloster". Nach den Jahren der Nutzung des Gebäudes durch die Wismut erfolgte ein zweijähriger Umbau. Die dann für alle Bürger zugängliche Poliklinik nahm am 19. Februar 1968 ihren Dienst auf. Insgesamt mussten 1,2 Millionen Mark investiert werden, um 60 Räume für die gesundheitliche Betreuung der Bevölkerung zu schaffen. Zum Leiter des ambulanten Versorgungsbereiches Poliklinik wurde Dr. med. Schindler berufen, zu jener Zeit ein bekannter Mediziner. 1991 löste sich die Poliklinik gemäß dem Einigungsvertrag vom 31. August 1990 auf.

Nach der Wende kaufte ein Investor die Immobile Poliklinik für den Umbau zu einem Ärztehaus. Dieser Nutzung stimmte die Stadt 1993 zu, da sie nicht im Widerspruch zur Einstufung der Immobilie als Einzeldenkmal stand. Mit den durch- geführten Bauarbeiten entstanden neugestaltete Praxen mit behindertengerechten Zugängen. Obwohl 1993 die sorgsame Restaurierung der Altbaufassade am Gebäude noch nicht vollständig abgeschlossen war, zog die erste Arztpraxis am 25. September ein. Seit 1996 bieten eine Tiefgarage und Parkplätze im Innenhof ausreichend Stellplätze für die Besucher und die Belegschaft. Der Innenhof erhielt 2003 und 2005 eine Begrünung und Sitzgruppen. Für das Ärztehaus und den Weiterbau des Rohbaus in der Pestalozzistraße 5 zum "Wohnen mit Service" flossen von 2004 bis 2006 insgesamt 2 Millionen Euro an Investitionen.

Seit 2016 befindet sich ein 800 Quadratmeter großes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) des Heinrich-Braun-Klinikums im Alt- und Neubau an der Carthäuser Straße des Ärztehaus anstelle von unbesetzten Praxen.

Zurzeit sind Ärzte verschiedener Fachrichtungen, eine Apotheke, ein Sanitätshaus, die Allgemeine Ortskrankenkasse Sachsen und andere Serviceeinrichtungen im 6500 Quadratmeter umfassenden Komplex Med-Center untergebracht. Am Robert-Koch-Platz ist ein Zentrum mit Fachkompetenz für die Gesundheit entstanden.

Quelle: Zeitungschronik; Historisches Archiv der Stadt Crimmitschau

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