Die Musik geht vom Volke aus

Bundespräsident Joachim Gauck hat in Zwickau der Massenbewegung der Laienmusik am Sonntag seine Reverenz erwiesen.

Zwickau.

"Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder." - Für zahlreiche Deutsche ist es mit dem sprichwörtlichen Niederlassen, also auch dem bloßen Zuhören nicht getan. Sie singen oder spielen mit, wenn irgendwo in Deutschland aus Spaß an der Freude Musik gemacht wird - an die sieben Millionen Laienmusiker, so eine Schätzung der Bundesvereinigung Deutscher Chor- und Orchesterverbände, gibt es in der Bundesrepublik.

Eine Massenbewegung, die auch der Staat nicht einfach ignorieren kann. Das haben schon die ersten beiden deutschen Bundespräsidenten, Theodor Heuss und Heinrich Lübke, erkannt, die 1956 respektive 1968 jährlich zu verleihende Auszeichnungen für verdiente und vor allem traditionsreiche, mindestens seit 100 Jahren bestehende Chöre beziehungsweise Instrumentalensembles stifteten - die Zelter-Plakette und die Pro-Musica-Plakette.

Stellvertretend für 47 weitere Chöre und 20 Orchester haben gestern in Zwickau der örtliche Domchor mit rund 600 Jahren Tradition und das vor 100 Jahren gegründete Bandonion Orchester Dresden aus den Händen von Bundespräsident Joachim Gauck die Auszeichnungen entgegengenommen. Bei dem Festakt handelte es sich um den krönenden Abschluss der Tage der Chor- und Orchestermusik, die am Freitag mit einem Auftakt-Gospelkonzert in der Zwickauer Moritzkirche begonnen hatten. Den Samstag hatte in Zwickau eine Nacht der Musik beschlossen, während der an mehr als einem Dutzend Spielstätten in der Zwickauer Innenstadt 29 Laienchöre und Instrumentalensembles verschiedenster stilistischer Ausrichtungen halbstündige Kurzkonzerte gaben, dreimal unterbrochen von Viertelstundenpausen, in denen das Publikum den Schau- und Hörplatz wechseln konnte.

Gauck nahm am Folgetag zum ersten Mal persönlich die Verleihung der Plaketten vor - wie seine Amtsvorgänger seit 1971, dem ersten Jahr des Festivals, bisher 19-mal. Als "sehr großen Schatz, über den wir uns nicht genug freuen können" bezeichnete der Bundespräsident die Erscheinung, dass Musik in Deutschland in so großer Vielfalt und Qualität vom Volke ausgehe, gemacht von Liebhabern. Eine Bewegung, die der öffentlichen Förderung würdig sei: "Wer hier spart, spart an der falschen Stelle", so Gauck, der für diese Feststellung außerhalb seines Redemanuskripts begeisterten Beifall erntete. Überdies betonte er die Kontinuität, in der auf diesem Gebiet gearbeitet werde - in einem Zusammenhalt, der "allen historischen Glücksfällen und Katastrophen, allem Unglück und allem Triumph" getrotzt habe. Und oft gerade auch Menschen geholfen, sich in Zeiten von Diktatur eine "Kultur des menschlichen Zusammenlebens" zu bewahren, sich eine "Gegenwirklichkeit" zu schaffen, die Menschen als Schutz davor diente, sich "politischen Verführern" auszuliefern. Konsequenterweise vergaß Gauck nicht zu erwähnen, dass Musik eben vor Missbrauch in der deutschen Geschichte nicht verschont blieb. Sie stehe nicht außerhalb der Gesellschaft. Mithin sei "unter unterschiedlichen Fahnen zu demokratiefeindlichem oder gar menschenverachtendem Tun und Treiben" aufgespielt worden, hätten Gesang und Musik "Menschen zur Hingabe an falsche Ziele" verführt.

Böse Menschen haben keine Lieder? - So einfach ist die Sache eben doch nicht.

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1Kommentare
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    0
    HUKL
    31.03.2014

    Wenn man als gebürtiger Zwickauer beim Lesen meiner früheren Heimatzeitung "Freie Presse" auf der Kulturseite neben unserem 1. Mann", Joachim Gauck, auch das weibliche erfahrene Chormitglied, Helga Pfefferkorn sowie den umsichtigen Ensemble-Leiter, Henk Galenkamp, stehen sieht, musste das natürlich ein besonderer Anlass gewesen sein.........

    Natürlich war bei mir deshalb die Freude besonders groß, weil zu diesem gerade ausgezeichneten Dom-Chor auch heute noch meine liebe Schwester, Eva- Maria Badstübner sowie ein von ihr langjährig gepflegter Freundeskreis zählt!
    Diese nicht alltägliche und besondere Ehrung des Zwickauer Domchores "St. Marien" mit der "Zelter-Plakette" zum Abschluss der nichtprofessionellen Chor- und Orchestermusiktage in der sächsischen "Robert-Schumann-Stadt" dürfte der Höhepunkt eines schon langjährigen Wirkens gewesen sein und das in einem der schönsten und vollbesetzten Ball-und Konzertsäle unseres Landes!

    Schon als junger Knabe wurde die "Kurrente" dieses berühmten Domes zu meiner ersten musikalischen Heimstätte und bin deshalb aus der Ferne natürlich besonders stolz, dass u. a. meine Schwester diese schöne Tradition, zusammen mit ihren langjährigen Mitgliedern, bis zur Gegenwart in dieser "Singgruppe" fortsetzte.



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