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Das Ensemble Concerto Copenhagen verhalf den 22. Silbermanntagen am Mittwoch in der Freiberger Petrikirche zu einem so klangvollen wie abwechslungsreichen Auftakt.

Foto: René Jungnickel/Gottfried-Silbermann-Gesellschaft

Die Orgel ist nicht alles

Mit einem Konzert Alter Musik sind am Mittwoch in Freiberg die 22. Silbermanntage eröffnet worden. Es zeigte: Das Musikfestival will mehr als nur Pfeifenchöre klingen lassen.

Von Torsten Kohlschein
erschienen am 08.09.2017

Freiberg. Plötzlich geht ein leises Schmunzeln durch die Stuhlreihen der Freiberger Petrikirche. Es ist gut zu hören. Zwar sitzen zum Eröffnungskonzert der 22. Silbermanntage den rund 250 Zuhörern rund 15Musiker des Alte-Musik-Ensembles Concerto Kopenhagen auf dem Konzertpodium. Für die Sonata Representativa A-Dur von Heinrich Ignaz Franz von Bibern (1644-1704) braucht es indes neben dem Basso Continuo nur eine Solovioline.

Wie der Titel des kurzweiligen Werks andeutet, stellt es etwas dar, nämlich satzweise verschiedene Tierstimmen - Nachtigall, Kuckuck, Henne, Hahn - und die Katze, bei der Solistin Hannah Tibell zu diesem Zeitpunkt gerade angekommen ist und ihrer Barockvioline geradezu supernaturalistische Abwärtsglissandi entlockt, die nicht nur entfernt an ein Miauen erinnern. Gerade mal, dass man sich nicht nach einer Samtpfote umschaut. Ein Hund indes würde verrückt werden, dass er etwas hört, was er gar nicht riecht. Es ist schon eine Kunst, solcherlei "Naturmusik" sinnfällig in Noten zu setzen. Aber sie da wieder rauszuholen und mit Leben zu erfüllen, kratziges Hühnergackern etwa, ist ebenso bewundernswert. Mindestens.

Wer die üppigen Barockgemälde mit allerlei Naturmotiven, Pflanzen, Tieren, Früchten et cetera vor Augen hat, den wundert es nicht, dass die Musik in dieser sinnenfrohen Zeit nach Ende des Dreißigjährigen Krieges der Malerei wenigstens dort nacheifern wollte, wo sie es mit ihren Mitteln konnte. Diesem kompositorischen Eifer und seinen Hervorbringungen einen ganzen Themenabend mit dem Titel "Gli Uccelli - Die Vögel" zu widmen und damit die Silbermanntage unter dem Motto "Phantasien von allerley Gestalt" einzuleiten - das hat Stil. Ebenso wie das Musizieren des 1991 gegründeten, europaweit mit umfangreichem Repertoire gastierenden, international besetzten Ensembles unter Leitung von Lars-Ulrik Mortensen, das in Freiberg in abgespeckter Stärke von rund 15 Musikern auftritt. Ausreichend Klangfülle für die Kirche, die dank in den 70er/80er-Jahren erfolgter baulicher Abtrennung der Bereiche unter den Seitenemporen "trockene", relativ hallarme, transparente Raumakustik bietet.

Die zahlt sich unter anderem aus im Zusammenspiel der Dänen mit Krzysztof Urbaniak an der Silbermannorgel, die zu Händels Orgelkonzert Nr. 13 F-Dur "Der Kuckuck und die Nachtigall" das einzige Mal an diesem Abend in Erscheinung tritt - zurückhaltend registriert, in ausgewogenem Klangbild, das gewissermaßen programmatisch für das Festival steht: Die Orgel spielt die Hauptrolle, aber sie ist nicht alles, lässt Anderes neben sich gelten.

Antonio Vivaldi etwa, der allenfalls gelegentlich für Orgel komponiert hat, aber zum Thema des Abends entscheidend beiträgt. Mit dem Violinkonzert A-Dur "Die Nachtigall" und dem Flötenkonzert D-Dur "Der Stieglitz". Dargeboten im dynamisch-prallen Duktus, der Italo-Barock eigen ist, mit dem Geiger Fredrik From und der wie er brillanten Traversflötistin Katy Bircher zeigen beide Werke, dass auch Vivaldi "Wiederverwerter" war - offensichtlich sind an einzelnen Stellen klangliche Parallelen, ja, direkte Zitate aus den "Vier Jahreszeiten", die dankenswerterweise diesmal nicht auf dem Pult liegen: Es gibt so viel Gutes, weniger Bekanntes zum Thema, als dass es ihrer bedurft hätte.

Vivaldis Landsmann Ottorino Respighi (1879-1936) etwa, der 1927 italienische Stücke des Barock mit Vogel-Themen (Taube, Henne, Nachtigall und Kuckuck) zur Suite "Gli Uccelli" für Sinfonieorchester umarbeitete. Die ließ Concerto Kopenhagen vom Komponisten Karl Aage Rasmussen für Barockensemble arrangieren. Kammermusikalischer, filigraner, barocker in den Harmonien, fügt sich das Werk als krönender Schluss wie selbstverständlich in den Abend ein, - mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die Nachtigall etwas mehr Zeit verträgt, als Mortensen ihr lässt. Womöglich, damit der live sendende MDR nicht in Zeitnot kommt. Mit langem, heftigen Applaus quittiert das Publikum das Gehörte - und darf sich bis 17. September noch auf einige weitere Überraschungen freuen.www.silbermann.org

 
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