Digital ist besser: Als "Mutti" noch Kohls "Mädchen" war

Sachsen fängt mit dem Retten alter Filme an. Um die Schätze zu heben, braucht es ein brauchbares Konzept - und Geld.

Dresden.

Das nennt man wohl einen Beifang. Als im Herbst 1991 in der Kirche von Lohsa die Stiftung für das sorbische Volk ins Leben gerufen wurde, fängt die Kamera nicht nur die Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) und Manfred Stolpe (SPD) ein, sondern auch eine junge Frau mit rotem Blazer. Die ans Pult tritt und sagt, dass man sich "ohne Heimatbewusstsein auch in Zukunft nicht orientieren" könne.

Ein bisschen klang Angela Merkel schon als Bundesministerin für Frauen und Jugend so wie heute als Kanzlerin. Vor einem Vierteljahrhundert war sie noch Helmut Kohls "Mädchen" - vom CDU-Kanzler der Einheit anstelle der Ex-Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl vom Osten als Fachministerin nach Bonn geholt.

Merkels Heimat-Ansprache in Lohsa hat die Weltgeschichte eher nicht verändert, aber gleichwohl ein Anrecht darauf, nicht ungesehen zu verschwinden. Diese Chance ist nun ein Stück wahrscheinlicher geworden. In einem Modellprojekt hat Sachsen vom Filmverband zehn sorbische Filme für zusammen 20.000 Euro restaurieren und digitalisieren lassen. Die kurze Dokumentation der Gründung der Sorbenstiftung gehörte dazu, genauso wie jene der Trümmerfrauen, die in Bautzen Anfang der 1950-er Jahre das Haus der Sorben aufbauten. Oder jene vom Johannisfest 1961 mit blumengeschmückten Reitern und das Porträt des sorbischen Malers Martin Nowak-Neumann von 1986, der laut Kommentar aus dem Off für die sorbische Pionierzeitschrift "Płomjo" (Die Flamme) mehr Bilder gezeichnet habe, als es Kobolde in der Lausitz gebe. Die Schätze sind mal schwarz-weiß, mal farbig, mal mit Ton und mal ohne, Acht-Millimeter-Filme sind darunter und auch Aufnahmen mit neuerer Videotechnik, die Spanne der Werke reicht von 1947 bis 1993.

Projektleiter André Eckardt spricht von einer bewussten Streuung, um mit möglichst vielen Techniken in Berührung zu kommen - denn die zehn Filme sollen nur der Anfang des Mammutprojekts sein, das sich hinter der Aufgabe "Sicherung des audiovisuellen Erbes" verbirgt. Dafür stellt Sachsen im Landeshaushalt 2017 und 2018 jeweils 350.000 Euro zur Verfügung - und das wird auch höchste Zeit. Mit jeder neuen Abspieltechnik verschwindet eine alte, Technikzubehör und geschultes Fachpersonal inbegriffen, von chemischen Zerfallsprozessen ganz zu schweigen.

Der Filmverband hat auch ermittelt, dass in Sachsens Archiven, bei Produktionsfirmen und Fernsehsendern allein 54.000 audiovisuelle Medien, also vorwiegend Filme und Videos mit einer Spieldauer von 47.600 Stunden gelagert sind - ein Viertel von vor 1945, der Rest jeweils hälftig von vor 1989/90 und danach. Wenn man den Stoff nacheinander abspielte, bräuchte man fast fünfeinhalb Jahre. Dazu kommen noch einmal 80.000 Tondokumente mit einer Spieldauer von drei Millionen Minuten. Was davon als "wirkliches audiovisuelles Erbe" gesichert werden müsse, wie es Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) nennt, ist erst noch zu klären.

Sie spricht vom "kulturellen Gedächtnis", das es zu bewahren gelte - wie, soll ein von ihrem Haus neu zu erarbeitendes Konzept ermitteln. Nach der Bestandsaufnahme ist ein Kriterienkatalog nötig, der auch klären muss, welches Material Vorrang für die Digitalisierung haben soll - das, was am ehesten zu zerfallen droht, oder das, was gesellschaftlich am interessantesten ist. Offen ist auch, wer überhaupt digitalisieren soll und was mit den Schätzen in privater Hand passiert, die über bloße Familienerinnerungen hinausgehen und dem Freistaat etwa vererbt werden. Auf YouTube werden aber selbst die durch Digitalisierung geretteten Werke nicht so bald laufen. Die Modellprojektfilme bekommen zunächst nur Besucher des Sorbischen Instituts Bautzen und der Landesbibliothek Dresden zu sehen.

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