Flügel allein reichen nicht für große Träume

Zwischen dem Glück des ersten Kusses und der Trauer des letzten "Mach's gut" ist "The last five years" angesiedelt. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle als Kammermusical.

Annaberg-Buchholz.

Catherine und Jamie sind jung. Schon beim ersten Rendezvous verlieben sie sich. Sie sieht in ihm ihren Retter, der ihre Flügel befreit, die sie davontragen sollen aus dem spießigen Kleinstadtleben der Eltern. Er sieht in ihr alles, was er immer gewollt hat. Sie ziehen zusammen, heiraten, von Kindern ist die Rede.

Die Geschichte, die am Samstagabend zum ersten Mal auf der Studiobühne des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg-Buchholz erzählt wird, kennt wohl jeder. Zumindest ihren Anfang. Jason Robert Brown, Jahrgang 1970, aus der Kleinstadt Ossining im Bundesstaat New York, erzählt sie in seinem Kammermusical "The last five years". Er ist Arrangeur, Dirigent und Pianist. Er spielt in Nachtklubs und Pianobars. Das erste Mal auf sich aufmerksam macht er 1995, als sein Liederzyklus "Songs for a new world" für einige Wochen am Broadway läuft. Drei Jahre später hat sein erstes Musical Premiere, wird prämiert. Ein rasanter Erfolg, den auch sein Hauptdarsteller Jamie als Schriftsteller kennt. Er ist mit 23 Jahren ein "funkelnder Hochkaräter" am großen Literaturhimmel. Der Mut, seinen Traum als Schriftsteller zu leben, wird belohnt. Er lebt in seinem eigenen "Super-Jamie-Land". Catherine mittendrin. Doch ihre eigene Karriere gerät dabei ins Stocken, sie verliert ihre Träume aus dem Blick, und sie findet immer weniger den Mut, für sie einzustehen. Die beiden entfremden sich immer mehr, und nach fünf Jahren sind die gemeinsamen Träume geplatzt wie Seifenblasen.

Jason Robert Brown hat in dem Stück das Scheitern seiner eigenen Ehe verarbeitet. Und er wählt für die alltägliche Geschichte einen ungewöhnlichen Weg: Catherine lässt ihre fünfjährige Beziehung rückwärts Revue passieren, kommt von der Trauer des Abschieds so wieder zum Glück des ersten Kusses, der sie damals hat den Boden unter den Füßen verlieren lassen. Jamie dagegen rekapituliert die fünf Jahre vom Anfang bis zum Scheitern, sieht im endlosen Streit schließlich nur noch die Chance loszulassen: "Ich konnte nie dein Retter sein, was du dir so wünschtest." Eine Konstellation, die es dem Zuschauer nicht immer leicht macht, die jeweiligen Szenen einzuordnen.

Aber auch für die beiden Hauptdarsteller Kerstin Maus und Benjamin Muth - beides bekannte Gesichter im Annaberger Wintersteintheater - eine besondere Herausforderung. Erzählen sie doch ihre Geschichte in etwa 90 Minuten nicht nur auf engstem Raum und mit wenigen Requisiten, sondern fast ausschließlich singend. Ein Part, den die musikalisch vielfach erfahrene Wagner-Stipendiatin Kerstin Maus mit deutlich größerer Leichtigkeit meistert. Benjamin Muth versteht es dagegen, die wenigen schauspielerischen Momente, die sich bieten, für sich zu nutzen, beispielsweise als jüdischer Schneider Schmul in seiner eigenen Weihnachtsgeschichte.

Nächste Aufführungen im Winterstein-Theater am 16. und 20. Oktober, jeweils 20 Uhr. Kartentelefon: 03733/ 1407131.

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