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Nachhaltig, langlebig, funktional, formschön und ohne Zierrat sollten Produkte der DDR-Formgestaltung im Idealfall sein. Bei diesem in Milchbars eingesetzten Elektromixer-Modell 76 konnte das als erfüllt gelten - auch wenn es maßgebliche Stimmen gab, denen das DDR-Design zu kalt und zu trist war.

Foto: Johannes Kramer/Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Formgestaltung als Politikum

Produktdesign wurde in der DDR so wenig wie die meisten anderen Dinge dem Zufall überlassen. Und doch änderten sich über die Jahre die Bedingungen, unter denen das geschah. Davon erzählt nun eine neue Ausstellung im Zeit- geschichtlichen Forum.

Von Torsten Kohlschein
erschienen am 17.05.2018

Leipzig. Ausstellungen über Design oder industrielle Formgestaltung in der DDR, hat man manchmal den Eindruck, traut sich jedes kleine Dorf- und Heimatmuseum zu, das einfach noch über genügend industrielle Erzeugnisse aus jenen Tagen verfügt oder sich aus der Nachbarschaft dies und das borgt, um das Bild halbwegs zu komplettieren. Das Ergebnis ist dann oft ein unsystematisches Sammelsurium, schlecht bis gar nicht kuratiert, ohne Zeitangaben, ohne Urheber, ohne irgendwelche Informationen zu historischen Kontexten. Dennoch geht das Konzept zumindest von der Publikumsresonanz oft genug auf: Die Menschen kommen, um sich hinter Glas das anzuschauen, was sie daheim im Küchenschrank oder in der Garage stehen haben und was ihnen bis heute gute Dienste leistet. Der eigentliche Erkenntnisgewinn darüber hinaus ist da oft nebensächlich.

Solcherlei Maßstäbe macht die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland freilich nicht zu denen ihrer Arbeit. Insofern setzt die Ausstellung "Alles nach Plan?" Standards. Nach ihrer Premiere vor zwei Jahren in der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg ist sie jetzt im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen - als neben der "Mosaik"-Ausstellung zurzeit einziger Anziehungspunkt: Die Dauerausstellung ist geschlossen und wird noch bis Jahresende komplett umgestaltet.

Beim Gang durch die Ausstellung, die den Fokus weniger auf die in Vielzahl ausgestellten Produkte an sich als auf die dahinter liegenden Strukturen richtet, zeigt sich, dass industrielle Formgestaltung unter den Bedingungen einer Planwirtschaft ein hochkomplexes Thema ist. Angefangen bei der prekären ökonomischen Lange in Ostdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, dem immensen Bedarf an langlebigen, preiswerten Konsumgütern aller Art von Millionen Menschen, die sich nach Ausbombung oder Vertreibung wieder ein Leben einrichten mussten. Angesichts des anfänglichen Willens, nach Vorbildern des Bauhauses einen ästhetischen Neuanfang zu wagen und dabei auch technologisch neue Wege zu beschreiten - in Form des zunehmenden Einsatzes von Kunststoffen in allen erdenklichen Lebensbereichen. Angesichts der Tatsache, dass die Deckung des Bedarfs durch eine staatlich gelenkte Planwirtschaft immer ein Politikum ist.

Dass sich das Zeitgeschichtliche Forum des Themas annimmt, zeigt, dass es gilt, Klischees von der tristen Ost-Warenwelt auf Stichhaltigkeit abzuklopfen. Auch angesichts des Begriffs "Nachhaltigkeit", der erst in den 90er-Jahren in heutiger Bedeutung in Bewusstsein und Sprachgebrauch der Gesellschaft gelangt ist, ergänzt neuerdings durch den Gegenbegriff "geplanter" Obsoleszenz - vermeintliche oder wirkliche Absichten der Industrie also, ihre Produkte durch Einbau von Schwachstellen vor Ablauf der technisch möglichen Lebensfrist unbrauchbar zu machen. "Das ist Zeitgeist", stellte der Nestor der DDR-Formgestaltung, Günter Höhne, in diesem Zusammenhang im Gespräch mit dem "Tagesspiegel" fest: Mehr Menschen werde bewusst, dass die Ressourcen endlich, die Grenzen des Wachstums erreicht seien. "Also stoßen die von der Mangelwirtschaft geprägten DDR-Standards wie Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Wiederverwertbarkeit auf großes Interesse."

Wo einiges an Licht, da war indes auch jede Menge Schatten. So zeigt die Ausstellung den Weg des niederländischen Architekten und Formgestalters Mart Stam, den die Aufbruchstimmung nach dem Krieg voller Enthusiasmus und Tatendrang 1947 in die SBZ trieb, wo er sich in den Folgejahren im Klein-Klein der Formalismuskampagne aufrieb, um Ende 1952 desillusioniert die DDR wieder zu verlassen.

Auch danach beobachtet die Partei argwöhnisch das Treiben der Formgestalter, die, ganz anders als viele Bildende Künstler, den "kosmopolitischen" Ideen des Bauhauses anhängen und sich so gar nicht mit den ästhetischen Vorgaben eines "nationalen" Stils nach Vorbild der Sowjetunion fügen wollen. Ein Artikel im "Neuen Deutschland" (ND) zur V.Deutschen Kunstausstellung 1962 in Dresden mit dem Titel "Hinter dem Leben zurück" verurteilt viele dort ausgestellte Objekte der Formgestaltung als "kalt", "trübe", "funktionalistisch" und in keiner Weise dem Optimismus angemessen, mit dem der sozialistische Mensch in die Zukunft schaue. Kritik ernten etwa das rein schwarze Mokkaservice von Hedwig Bollhagen und die zylindrischen weißen Röhrenvasen von Hubert Petras, die nur mit bunter Verzierung in den Handel gelangen sollen, bemalt oder mit historischen Stadtansichten bedruckt. Nach dem Motto: Unsere Menschen wollen das so. Auch wenn Besucherbücher der Dresdner Ausstellung und Leserbriefe an das ND eine andere Sprache sprechen.

Dabei werden zu diesem Zeitpunkt die Weichen schon strukturell neu gestellt: Befand sich das 1950 noch von Mart Stam gegründete "Institut für industrielle Gestaltung", später "Institut für angewandte Kunst", als Beratungsinstanz der Industrie anfangs noch unter Aufsicht der staatlichen Kulturpolitik, wird es 1965 in das Deutsche Amt für Messwesen und Warenprüfung integriert - als Wirtschaftsbehörde, die schließlich ab 1972 als Amt für industrielle Formgestaltung direkt dem Ministerrat untersteht und die Verhältnisse quasi umkehrt: Nicht mehr die Gestalter beraten die Industrie, sondern die Industrie berät die Gestalter.

Medienbeispiele zeigen, dass Kritik an der qualitativen Konsumgütersituation in der DDR kein Tabu war. So äußern zwei DDR-Möbeldesigner vor Adlershofer TV-Kameras ihre Unzufriedenheit mit der Umsetzung ihrer Arbeiten durch die Industrie. Hier wird eine Produktlinie von mehreren Dutzend auf wenige Komponenten eingedampft, dort bleibt ein wohldurchdachtes Schrankkonzept Prototyp. Und der Chef des volkseigenen Wernigeroder Schreibwarenherstellers Heiko muss sich kritische Fragen zu Zuverlässigkeit und Qualität seiner in Massen produzierten Schulfüller gefallen lassen. Im selben Beitrag fragt eine Lehrerin vor der Kamera ihre Schulklasse, welches Kind einen Füllfederhalter aus heimischer Produktion benutzt. Die meisten Hände bleiben unten.

Die Ausstellung "Alles nach Plan? - Formgestaltung in der DDR" ist bis 14. Oktober dienstags bis freitags 9 bis 18, samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6, zu sehen. Der Eintritt ist frei. www.hdg.de

 
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