Werbung/Ads
Menü

Themen:

Conny Göckeritz.

Foto: Bernd MärzBild 1 / 4

Ein Vollzeit-Job fürs halbe Geld

Im Altkreis Annaberg gibt es vier ehrenamtliche Bürgermeister. "Freie Presse" wollte von ihnen wissen, wie das überhaupt funktionieren kann.

Von Denise Märkisch Und Thomas Wittig
erschienen am 10.10.2017

Elterlein/Schlettau. Was verdient ein hiesiger Bürgermeister? Zwischen 1200 und 1500 Euro. Klingt unglaublich? Ist es auch, selbst wenn sich die genannten Summen nur auf die Ehrenamtler unter ihnen beziehen. Die Arbeit ist vom Grundsatz her kaum von der ihrer hauptamtlichen Kollegen zu unterscheiden. Deshalb ist aktuell in Sachsen auch eine Anhebung der Aufwandsentschädigung im Gespräch. Mit ihrer Zahlung ist für die ehrenamtlichen Bürgermeister nahezu alles abgegolten, auch die Dienstfahrten im eigenen Gemeindebereich. Die im Landtag vertretenen Fraktionen der CDU und SPD wollen eine Verbesserung der Einkünfte ehrenamtlicher Bürgermeister über eine Änderung des Paragrafen 155 des Sächsischen Beamtenrechtes erreichen, erklärt Heinrich Kohl, Vorsitzender des Vereins sächsischer Bürgermeister, eine Art Bürgermeister-Gewerkschaft. Es sei dabei egal, ob das am Ende über das Beamtenrecht oder ein separates Gesetz geregelt wird. Es dürfe nur nicht passieren, dass eine solche Entscheidung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben wird, so Kohl. Doch wie sieht der Alltag von ehrenamtlichen Bürgermeistern konkret aus? Jörg Hartmann (Elterlein): Keiner seiner Arbeitstage sei nach acht Stunden erledigt. Als ehrenamtliches Stadtoberhaupt von Elterlein hat er zudem pro Woche mindestens zwei Abendtermine. Hin und wieder ist er an Wochenenden dienstlich bei Festen oder Vereinsfeierlichkeiten unterwegs. Eigentlich, so ist es vom Gesetzgeber vorgesehen, soll ein ehrenamtlicher Bürgermeister noch einem anderen Job nachgehen, um sich seine Brötchen zu verdienen. Hartmann hat derzeit keine andere Arbeit. Nur deshalb ist es möglich, dass er sich täglich mindestens acht Stunden der Rathaus-Arbeit widmen kann. "Aber selbst, als ich noch einen anderen Beruf hatte, war ich täglich fünf bis sechs Stunden Bürgermeister. Der Arbeitstag endete dann eben erst nach 12 bis 13 Stunden. Das ist auf Dauer nicht durchzustehen." Und er fügt an: "Wenn du das Bürgermeisteramt richtig machen und die Stadt voranbringen willst, dann ist das ehrenamtlich nicht zu schaffen. Es kann nicht angehen, dass wir Ehrenamtlichen die gleichen Pflichten wie die Hauptamtlichen haben, aber die Rechte unterschiedlich sind."

Dass er sich das trotzdem angetan hat, liege zum einen daran, dass er schon als Stadtrat und Ortsvorsteher ehrenamtlich tätig war und viel Positives mit anschieben konnte. Und das mache einfach Spaß, sagt Hartmann. Dennoch würde er sich wünschen, dass die Aufwandsentschädigung für ehrenamtliche Bürgermeister vom Freistaat zumindest verdoppelt würde.

Conny Göckeritz (Schlettau): Der Schlettauer Bürgermeister hat für das Amt sein Berufsleben komplett umgestellt. Die Aufgaben seines Ingenieurbüros hat er mittlerweile übertragen. Dafür hat er nun quasi drei Jobs: eine halbe Stelle als Geschäftsführer des Schlossfördervereins, eine halbe Stelle im Bauamt der Stadt Scheibenberg - mit Büro in Schlettau - und Bürgermeister. Und das alles, um vor Ort zu sein und flexibel auf Ereignisse in der Stadt reagieren zu können. Anfangs sei die Arbeit als Bürgermeister ein Vollzeitjob gewesen. Mittlerweile habe er sich aber eingearbeitet, Abläufe besser strukturiert. Doch: "Das tägliche Arbeitspensum ist schon enorm." Ausschüsse, Stadträte, Bürgermeistertreffen, Besuche von Jubilaren, Bürgersprechstunde, Dienstberatungen, Korrespondenzen, Arbeitskoordinierung, Feuerwehr, Amtsblatterstellung, Statistiken ... Die Liste der Aufgaben ist schier unendlich. "Ich habe in dem Amt aber eine Erfüllung gefunden", sagt der 43-Jährige. Schließlich könne man etwas bewegen, voranbringen, gestalten - für seinen Heimatort. Stunden zählen bringe da nichts. Das A und O sei das persönliche Engagement. "Du musst im Prinzip zu 100 Prozent zur Verfügung stehen, erreichbar sein, Entscheidungen treffen." Alles wie wie bei hauptamtlichen Bürgermeistern. "Ums Geld geht es mir dabei nicht." Obwohl natürlich auch er die Aufgaben lieber hauptamtlich erledigen würde.

Ronny Wähner (Königswalde): Seit knapp vier Jahren ist der 42-Jährige Bürgermeister in Königswalde. Zuvor saß er bereits im Gemeinderat, war stellvertretender Bürgermeister. Wähner ahnte bereits im Vorfeld, dass das Amt eines ehrenamtlichen Bürgermeisters nicht leicht ist. "Doch man kann gestalten, das hat mich gereizt." Aber die Doppelbelastung - Wähner ist hauptberuflich Landtagsabgeordneter -sei schon groß. Doch es funktioniere, wenn auch mit viel Aufwand. Wie viele Stunde pro Woche in das eigentliche Ehrenamt fließen, hat Wähner noch nie ausgerechnet. Gerade wenn er manchmal mehrere Tage am Stück in Dresden sein muss, laufe vieles übers Telefon. Er hat einen Online-Kalender, der von den Verwaltungsmitarbeitern eingesehen und mit Terminen versehen werden kann. Dienstagnachmittag versucht er zur Sprechstunde in Königswalde zu sein. Nur einen Achtstundentag kennt auch er nicht. "Zum Glück ist unser Ort kompakt." So seien die Wege kurz und überschaubar. Gerade die kleinen Strukturen sind es, für die sich Wähner einsetzt und weshalb er Bürgermeister wurde, wenn auch nur im Ehrenamt. Auch aus seiner Sicht wäre eine Erhöhung der Vergütung sinnvoll. Immerhin werde bei den Pflichten kaum unterschieden, ob da ein ehrenamtlicher oder hauptamtlicher Bürgermeister im Amt ist. Christoph Neubert (Tannenberg): Wenn einer weiß, was es heißt, ehrenamtlicher Bürgermeister zu sein, dann ist das Christoph Neubert. Seit 16 Jahren lenkt er die Geschicke des Dorfes. Warum? Ganz einfach, weil es damals, als sein Vorgänger aufhörte, niemand machen wollte und damit einer Eingemeindung nach Geyer Tür und Tor geöffnet gewesen wäre. Das wollte Neubert nicht. Kleine Strukturen haben ihren Vorteil. Hauptberuflich ist er Finanzsachbearbeiter und bei der Stadt Geyer, mit der Tannenberg eine Verwaltungsgemeinschaft bildet, angestellt. Sein Büro ist allerdings in Tannenberg, sodass der ehrenamtliche Bürgermeister immer greifbar ist. "Nur so kann es überhaupt funktionieren." Seine Sprechzeiten, die in der Gemeindeverwaltung an einer Tafel stehen, kennt Christoph Neubert gar nicht. Er ist sowieso immer da. Beim Thema Geld hat er seine ganz eigene Meinung. Um die Bezahlung sei es ihm nie gegangen. Doch das System ehrenamtlicher Bürgermeister funktioniere nicht. "Ich repräsentiere nicht nur." Warum nicht über Teilzeit-Bürgermeister nachdenken mit Sozialversicherung und allem Drum und Dran. Dann würden sich vielleicht auch mehr finden, die so eine Stelle anstreben.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0

Lesen Sie auch

Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
Bildergalerien
  • 21.10.2017
Dar Yasin
Bilder des Tages (21.10.2017)

Big Wave, Hilflos, Deprimiert, Auf der Bahn, Hand in Hand, Luftkampf, Dackelrennen ... ... Galerie anschauen

 
  • 18.10.2017
Michael Kappeler
Erste Jamaika-Gespräche: «Gutes Gefühl», aber steiniger Weg

Berlin (dpa) - CDU, CSU, FDP und Grünen haben sich nach ihrem ersten Treffen zuversichtlich für weitere Gespräche hin zu einer Jamaika-Koalition gezeigt. Sie machten aber auch keinen Hehl daraus, dass dies noch ein langer und schwieriger Weg sein wird. zum Artikel ... Galerie anschauen

 
  • 17.10.2017
Hendrik Schmidt
Bilder des Tages (17.10.2017)

Huckepack, Mammut-Jagd, Flüchtlingslager, Boot im Nebel, Schnappschuss, Malerisch, Sieger ... ... Galerie anschauen

 
  • 16.10.2017
Julian Stratenschulte
SPD und Grüne in Niedersachsen fordern Gespräche über Ampel

Hannover (dpa) - Die Wahl ist gelaufen, die Suche nach einer neuen Regierungskoalition eröffnet: Nach dem Aus für Rot-Grün müssen sich die Parteien in Niedersachsen nach neuen Bündnispartnern umsehen. zum Artikel ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
 
Wetteraussichten für Annaberg-Buchholz
Di

11 °C
Mi

14 °C
Do

15 °C
Fr

12 °C
Sa

6 °C
 
Unsere Youtube-Videos

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Freie Presse Immobilien
Immobilienangebote für Annaberg-Buchholz

Finden Sie Ihre Wohnung in der Region Annaberg

Immobilienportal

Mietangebote

Kaufangebote

 
 
 
 
Online Beilagen

Für kurze Zeit und lange Freude - bei MediMax.

Unsere aktuellen Angebote - auf einen Klick...

 
 
 
 
Ärztliche Notdienste
Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte finden Sie hier.

weiterlesen
 
 
 
 
Freie Presse vor Ort

09456 Annaberg-Buchholz
Markt 8
Telefon: 03733 141-0
Öffnungszeiten:
Mo. bis Do. 9.00 - 17.30 Uhr, Fr. 9.00 - 13.00 Uhr

weiterlesen
 
 
 
 
 
 
 
 
Neu
Nachrichten aus dem Erzgebirge bei Facebook

Die "Freie Presse" Erzgebirge ist nun auch auf Facebook mit einer eigenen Seite vertreten. Dort finden Sie Neuigkeiten aus den "Freie Presse"-Lokalredakionen Annaberg-Buchholz, Aue, Schwarzenberg, Stollberg, Marienberg und Zschopau und sind somit stets auf dem Laufenden.

Zum Facebook-Auftritt

 
 
 
 
 
|||||
mmmmm