Großvaters Fotonachlass bildet Basis für Forschung

Geschichte ist trocken und langweilig? Von wegen: Klaus Schröpel begeistert sich für Geschehnisse vor der Haustür. Der Thalheimer erforscht, wie die Vorahnen einst tickten.

Thalheim.

Verstaubt und vergessen? Klaus Schröpel gehört zu jenen Zeitgeistern, die beweisen, dass regionale Geschichte spannende Geschichten erzählen kann. Dem Thalheimer haben es nicht die staatstragenden Fakten der Weltkultur angetan, vielmehr interessiert den Erzgebirger, welche Ereignisse sich einst in seiner Heimatstadt zugetragen haben, was quasi vor seiner Haustür geschah. Klaus Schröpel, der sich selbst als Heimatgeschichtsforscher bezeichnet, sagt, dass er vielmehr erfahren will, wie unsere Vorfahren gelebt haben, wie seinerzeit der Alltag aussah, wie gefeiert aber auch getrauert wurde und von welchen kulturellen Eigenheiten wir heute geprägt sind.

Ungezählte Dokumente hat der 48-Jährige in ebenso wenig erfassten Stunden des Forschens unterdessen in Staats-, Landes- und Kreisarchiven durchstöbert. Mit regionalen Chroniken und Aufzeichnungen in Museen und Sammlungen ist er genauso vertraut, wie er Aufzeichnungen der hiesigen Kirchgemeinden Blatt für Blatt entziffert hat. Dabei kommt ihm seine Tätigkeit als Kirchenvorstand der Gemeinde durchaus zupass, Tauf- und Totenbücher hat er akribisch durchgearbeitet und die Fakten digital aufbereitet. Ahnenforscher wissen den Erzgebirger längst als Ansprechpartner in Sachen Familienstammbaum zu schätzen. So hat er auch die bis 1720 verfügbaren Dokumente zu Taufen, Trauungen und Sterbefälle in seiner Stadt erfasst.

Die Neugier an regionalen Geschehnissen wurde durch den Großvater geweckt: "Der wollte im hohen Lebensalter Fotos und Unterlagen wegwerfen lassen. Als aufgeschlossener Enkel bestaunte ich etwa die betagten Lichtbilder und befand, dass die allemal etwas zu erzählen haben." Die Leidenschaft wurde in dem damals Zwölfjährigen geweckt." Der gelernte Maschinenbaumeister zeigt ein erstaunlich geschicktes Händchen, seine Erkenntnisse aufzubereiten und wissenschaftlich fundamentiert vorzulegen. "Ich habe Fachleute konsultiert, mir vieles angelesen und selbst beigebracht", sagt Klaus Schröpel. Der Thalheimer hätte sich seinerzeit vorstellen können, Geschichtswissenschaften zu studieren, indes die politisch ausgerichteten Zugangsvoraussetzungen konnte und wollte er nicht erfüllen. Das Mitglied im Bergbau- und im heimatkundlichen Verein ist kein Mann großer Worte. Für ihn zählen Fakten und die gedeihliche Kooperation mit anderen Chronisten. Und mit denen hat er schon viele Beiträge in ganz unterschiedlichen Publikationen, etwa zu Heimatfesten, gestaltet. Von den Mitbürgern wird er dafür sehr geschätzt. Jetzt legt er die Geschichte der Thalheimer Mühlen und deren Besitzer vor, die demnächst im Stadtanzeiger veröffentlicht werden soll. Mit lokalen Eigenheiten vertraut und um familiäre Zusammenhänge wissend, stellt Klaus Schröpel schmunzelnd fest, dass die Thalheimer auf drei prägende Vorfahren Stolz sein können: Thomas Nebel, den Müller und Gutsbesitzer, Elias Prisel, den Pfarrer und Brösel Sehm, den Erbschenkwirt und Richter. Gute Bekannte wissen den Hobbyforscher mit diesen Namen auch schon einmal zu necken.

"Freie Presse" wird in loser Folge einige der unterhaltsamen Beiträge aus dem Recherchefundus von Klaus Schröpel veröffentlichen.


Als ein angesehener Thalheimer Richter 1590 zum Totschläger wurde

Wenn eine Ehefrau ihren Mann allzu sehr nervt, nun endlich mit nach Hause zu gehen, kann das dramatische Folgen haben. Besonders, wenn der Ehemann gerade noch gemütlich sein drittes Bier mit Freunden in der Schenke trinken möchte. Dies könnte die Ausgangssituation für jene Begebenheit sein, die sich am 10. Februar 1590 in der Thalheimer Erbschänke abspielte.

Die Geschichte ist im Thalheimer Totenregister überliefert. An jenem Wintertag feierten in der Thalheimer Erbschänke zahlreiche Gäste eine Bauernhochzeit. Es mag hoch hergegangen sein. Gegen Abend kam es dann zur Tragödie: Der Richter Clement Kröner hat "sein weib mit namen Ursula mit einer hölzernen kannen geworffen, das sie als bald auffn Plaze todtt blieben ist". Es war die Hochzeitsfeier des Thalheimer Bauers Simon Köler. Eine damalige Bierkanne (nach Stollberger Maß) fasste etwa 1,4 Liter. Clement Kröner floh nach seiner Tat; damals lag ja bereits Lößnitz im Ausland. Um 1592 verkaufte jedenfalls die Familie des flüchtigen Clement Kröner dessen Bauerngut an den ehemaligen Thalheimer Pfarrer Elias Prisel sen.

In der Folge wird Brösel Sehm (um 1559-1634) zum neuen Ortsrichter bestellt. Damit beginnt ein wichtiges Kapitel in der Thalheimer Heimatgeschichte. Über drei Generationen haben die Sehms als Erbrichter bis 1698 die Entwicklung des Bauerndorfes Thalheim maßgeblich mitbestimmt. Etwa 1592 erhält der Thalheimer Pfarrer Elias Prisel sein Erbgut in die Lehn gereicht, was es "von des fluchtigen Clement Kroners gewesenen Richters zu Talheim ... Erben und Vurmunden" für 400 Gulden erkauft hatte.

Nicht nur zur unrühmlichen Bauernhochzeit dürfte die eine oder andere Kanne Bier ausgeschenkt worden sein. Offenbar hat das Thalheimer Bier vor 400 Jahren ganz gut geschmeckt. Der beachtliche Bierkonsum wird auch anhand einer Rechnung aus dem Jahr 1620 deutlich: Bei der Amtseinführung des Pfarrers Elias Prisel junior wurden 315 Kannen Bier, das sind fast 450 Liter, ausgeschenkt. Dabei lebten damals allerdings lediglich schätzungsweise 80 bis 100 erwachsene Männer in Thalheim. Das heißt, dass jeder zumindest statistisch gesehen, rund fünf Liter Bier getrunken hat. (Klaus Schröpel)

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