"Lebenswerte Orte nicht zum Nulltarif"

Stollbergs Oberbürgermeister Marcel Schmidt möchte die Einwohnerzahl anheben und richtet dazu den Blick auf Familien mit Kindern

Gestern fand die erste Ratssitzung der neuen Wahlperiode statt. Björn Josten hat vorab mit dem wiedergewählten Oberbürgermeister Marcel Schmidt gesprochen.

Freie Presse: Deutlicher Wahlsieg, über 300 Stimmen mehr geholt als bei Ihrer ersten Wiederwahl: Welchen Wählerauftrag leiten Sie daraus ab?

Marcel Schmidt: Ich sehe das Wahlergebnis als grundsätzliche Bestätigung. Die große Mehrheit der städtischen Bürgerschaft ist neuen Projekten gegenüber aufgeschlossen und sieht, dass die Stadtverwaltung Chancen nutzt, ohne die Risiken unbeachtet zu lassen. Wir gestalten aus absehbaren Ruinen strahlende kleine Paläste, die auch nach mehreren Jahren immer besser genutzt werden.

Sie haben am Wahlabend die Marschroute ausgegeben, jetzt hiesige Arbeitnehmer in der Stadt zu halten oder am besten gleich als Neubürger zu gewinnen. Wie soll das gelingen?

Wir haben überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze im Stadtgebiet, davon mehr als die Hälfte von Einpendlern besetzt. Demnächst wird die Stadt einen noch umfassenderen Straßenbahnanschluss erhalten. Wir werden konsequent neuwertige Wohnstandorte schaffen. Ich gehe davon aus, dass die Nachfrage zunehmen wird.

Sie wollen Familien mit Kindern ins Zentrum Ihres Handelns stellen. Was bedeutet das konkret?

Ich denke, um Überforderung im alltäglichen Umgang vorzubeugen, müssen wir in Kindertagesstätten und Schulen auch dabei helfen, die Kinder in der Stärkung emotionaler Fähigkeiten zu unterstützen, um so auch die Familien zu begleiten. Dabei kommt Erziehern, Lehrern und Hortnern zukünftig eine noch höhere Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung zu. In einigen Kindertagesstätten laufen bereits Programme und mit den Schulen sind wir daran, Konzepte zu entwickeln.

Mehr Einwohner erfordern auch eine gewisse Infrastruktur. Die gibt es nicht zum Nulltarif. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und wo muss die Stadt selbst in die Tasche greifen?

Ich gehe davon aus, dass unsere Stadt zukünftig aufgrund ihrer Infrastrukturanbindung und Ausstattung eher zu den gefragten Wohn- und Arbeitsstandorten der Region zählen wird. Wenn es uns gelingt, angemessen zu steuern, können sich so eine Menge Dinge selbst gestalten. Kindertagesstätten beispielsweise werden sich allerdings nicht durch den Markt von allein ergeben. Hier muss die Stadt ran. Ähnliches kann auch im Bereich der Wohnungen für Ältere gelten.

Weiche Standortfaktoren gewinnen an Bedeutung. Sie selbst haben im Wahlkampf ein Schwimmbad mit Sauna ins Gespräch gebracht. Wie konkret sind die Pläne und wo sehen Sie noch Bedarf?

Ich befinde mich seit einigen Wochen mit Partnern im Gespräch zum Thema Schwimmbad, das Thema ist im Entstehen. Wir sind mittlerweile eine Stadt mit Unternehmen, die Schwesterfirmen an Standorten wie Stuttgart und Berlin haben. Wer sich in Stollberg bewirbt, könnte auch dorthin gehen. Damit stellt sich die Frage: warum in Stollberg? Aus dem Erfolg der letzten Jahre wird so die Aufgabe der Zukunft: die Unternehmen sind angesiedelt, jetzt geht es darum, dass wir vergleichbare Wohn- und Lebensbedingungen wie im Altbundesgebiet schaffen. Weitere Projekte sind Radwege und - ohne konkrete Ideen - die Förderung von Gastronomie.

Vor der Wahl hat die nunmehr geplatzte Eingemeindung von Niederwürschnitz für Schlagzeilen gesorgt. Wie wollen Sie mittelfristig den Status als Mittelzentrum sichern?

Wir haben in den vergangenen Jahren nicht nur Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch in den Bereichen Kinder und Familien, Kultur, Einkauf, Bildung zentrale Funktionen entwickelt und verstärkt. Es wird auch darum gehen, wie sich die Region des Altkreises selbst verstehen will - der Wettbewerb findet nicht nur zwischen Gemeinden, sondern auch zwischen Regionen statt. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder unsere Unterstützung angeboten - von unserer Initiative Citybahn profitieren auch Oelsnitz und Niederwürschnitz. Wir werden auch künftig nicht dominant, sondern partnerschaftlich für ein kommunales Miteinander werben.

Themenwechsel: Sie haben im Wahlkampf "Miteinander" plakatiert. Wie wollen Sie die knapp 1424 Stollberger überzeugen, die Sie nicht gewählt haben?

Selbstverständlich muss es in Zukunft darum gehen, die Ziele der Ratsentscheidungen noch besser zu kommunizieren und so zu mehr Verständnis beizutragen. Andererseits kommt es auch darauf an, dass unzufriedene Bürger die Möglichkeit der Beteiligung wahrnehmen. Seit letztem Jahr laden wir die Bürgerschaft aus mehreren Nachbarschaften ein und versuchen so, die Bedürfnisse an der Basis abzufragen. Alle Ortsteile haben Ortschaftsräte - die Möglichkeiten sind also eigentlich vorhanden. Andererseits kann sich meines Erachtens unsere Bürgerschaft nicht leisten, den Status Quo festzuhalten.

Sie sind von Ihrem Kontrahenten im Wahlkampf scharf angegangen worden. Gehen Sie im Rat jetzt einfach zur Tagesordnung über?

Wettbewerb bedeutet miteinander ringen, das ist durchaus ok und auch kein Problem. Allerdings gelten für die meisten Wettkämpfe auch Regeln. Und im Wahlkampf sollte man den Gegner nicht mit Dreck bewerfen und Lügen über ihn verbreiten. Ich werde Herrn Jenatschke auffordern, das richtig zu stellen, was er wissentlich falsch geäußert hat. Und danach geht es zum normalen Miteinander über.

Ihr Kontrahent hat Ihnen zu laxen Umgang mit den Stadtfinanzen vorgeworfen. Wie richten Sie ihre Politik künftig aus?

Im Wahlkampf konnte Herr Jenatschke auch auf Nachfrage keinen konkreten Vorschlag vortragen, wie er sich das Thema Sparen vorstellt. Mein Vorschlag wird sein, maßvoll Schulden abzubauen, um Raum für Investitionen zu lassen. Vielleicht liegt die Lösung ja auch in einer anderen Herangehensweise durch die neue Regierung in Dresden - lebenswerte Kommunen im ländlichen Raum gibt es nicht zum Nulltarif.


"Unterschiedliche Auffassungen sollen nicht zu einer Blockadehaltung führen"

Raphael Jenatschke (Foto) hat es nicht ins Rathaus geschafft, aber dennoch ein respektables Ergebnis eingefahren. Mit ihm sprach Björn Josten.

Freie Presse: Wie interpretieren Sie mit dem Wahlergebnis im Rücken ihre Rolle im Stadtrat?

Raphael Jenatschke: Das Ergebnis zeigt vor allem, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bürgerschaft unzufrieden ist mit der derzeitigen Politik. Es ist mir daher Aufgabe und Antrieb zugleich, auch künftig für eine in allen Belangen nachhaltige Haushaltspolitik zu werben. Diese ist ganz klar die notwendige Grundlage für eine positive Weiterentwicklung der Stadt.

Sie sind OB Schmidt im Wahlkampf scharf angegangen. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit nun vor?

Ein Wahlkampf ist immer geprägt von Emotionen. Dem steht eine sachbezogene Zusammenarbeit nicht entgegen. Die geführten Diskussionen während des Wahlkampfes haben gezeigt, dass unsere Bürgerschaft sich intensiv für unsere Stadt interessiert. Ich glaube, dieser Meinungsaustausch wird uns gut nach vorne bringen.

Welche Rolle spielen dabei die unterschiedlichen Auffassungen vom Umgang mit den Stadtfinanzen?

Bei jeder Haushaltsberatung gilt es, über Prioritäten zu diskutieren und eine konsensfähige Lösung zu finden. Unterschiedliche Auffassungen sollen nicht zu einer Blockadehaltung führen. Im Interesse einer Kommune gilt es, regelmäßig die Ausgaben einer Kontrolle zu unterziehen.

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