Der Zug endet hier

Eine halbe Million Euro und unzählige Stunden Arbeit stehen in der H0-Anlage der Zeitreise Hohenfichte. Doch für Edgar Hüttinger wird es ein trauriges Weihnachten.

Hohenfichte.

Edgar Hüttinger kapituliert. Am Sonntag in einer Woche fahren zum letzten Mal die Züge auf Sachsens größter Modellbahnanlage, deren Gleise in der ehemaligen Baumwollspinnerei Hohenfichte verlegt wurden. Grund dafür sind nicht etwa mangelndes unternehmerisches Engagement oder fehlendes Publikumsinteresse. Fahrdienstleiter Edgar Hüttinger kapituliert vor den Brandschutzauflagen. "Die Behörden haben mir die Lust genommen, mich in Hohenfichte weiter zu engagieren. Ich werde im Januar den Schlüssel herumdrehen. Auch die Fahrzeugausstellung, die sich im Gebäude befindet, wird dann nicht mehr zugänglich sein", kündigt der Unternehmer an.

Die Zeitreise GmbH in Hohenfichte ist Edgar Hüttingers Leidenschaft. Tausende Stunden Arbeit und eine halbe Million Euro stecken in der Anlage, Größe H0, die an die 1000 Quadratmeter einnimmt. Das Problem: Seit acht Jahren rollten die Züge in einem historischen Gebäude, Baujahr 1888, ohne genehmigtes Brandschutzkonzept. Doch das fordert nun das Landratamt.

"Die Umsetzung dieser Auflagen würden mich mehrere Zehntausend Euro kosten", schätzt Edgar Hüttinger. Mitte November schloss er die Ausstellung - vorübergehend. Immer in der Hoffnung, dass ein Kompromiss gefunden wird. Auf dem Schild am Eingangstor ist zu lesen, dass die Ausstellung aufgrund aufgezwungener Baumaßnahmen bis auf weiteres geschlossen sei. Für Fragen steht darunter die Nummer des Landratsamtes.

"Natürlich ist mir klar, dass der Brandschutz nicht vernachlässigt werden darf. Ich war gesprächsbereit." Hüttingers Blutdruck steigt, wenn er an die Forderungen denkt. Trockenbauarbeiten dürften nur von zertifizierten - und damit deutlich teureren - Fachfirmen ausgeführt werden. Kostenintensive Gutachten und Prüfungen seien ebenfalls gefordert. "Diese Kosten trage ich nicht", sagt der Modellbahner und rechnet vor: Um eine zeitlich beschränkte Genehmigung für einen weiteren öffentlichen Fahrbetrieb zu erhalten, müsste er rund 12.000 Euro berappen. Das Geldausgeben sei damit aber nicht beendet. "Ich habe das Gefühl, dass manche denken, dass es mir durch den Eintritt die Dukaten in Größenord- nungen in die Kasse spült. Aber jeder, der klar bei Verstand ist, weiß, dass mit so einer Anlage kein Geld zu verdienen ist", sagt Hüttinger.

Seit 2009 sind Hüttingers Angaben zufolge 30.000 Besucher gezählt worden. Diese zahlten 4 Euro Eintritt. Das Geld wurde sofort in die Anlage investiert, auf der nun bereits 120 Züge auf knapp vier Kilometern Gleis fahren. Auch das Personal musste bezahlt werden.

Der Bastler ist empört. "Wenn ich mir 400 Bekannte gleichzeitig einlade und mit ihnen die Züge fahren lasse, stellt das aus Sicht der Behörde kein Problem dar. Eine fremde vierköpfige Familie muss ich aber wegen des fehlenden Brandschutzkonzeptes wieder nach Hause schicken", schüttelt Hüttinger den Kopf. Er fühle sich auch von der Gemeinde im Stich gelassen. "Weder Bürgermeister noch Gemeinde- oder Ortschaftsräte haben sich sehen lassen. Das kommunalpolitische Interesse für die Anlage scheint mir gegen null zu gehen."

Das will Leubsdorfs Bürgermeister Dirk Fröhlich (CDU) so nicht stehen lassen. In den vergangenen Jahren habe es wohl gemeinsame Termine gegeben. "Daran nahmen insbesondere mein Vorgänger Ralf Börner und Vertreter des Bauamtes des Landratsamtes teil. Dabei wurde nach Lösungsansätzen gesucht, und solche wurden auch gefunden. Doch diese wurden schließlich durch Herrn Hüttinger nicht umgesetzt", antwortet Fröhlich auf die heftige Kritik. Die Gemeinde hätte durchaus viel Geduld gezeigt. Dass die Signale nun dauerhaft auf Rot gestellt werden sollen, diese Entscheidung bedauere er sehr, sagte der Bürgermeister gestern auf Anfrage. Doch das Gesetz lasse nun keinen Spielraum mehr. Es liege hier eine Nutzungsänderung vor. Da müsse das aktuelle Baugesetz - und damit auch die neuen Brandschutzvorschriften - zwingend umgesetzt werden. Es sei eine Frage der Sicherheit. "Denn jeder Opa, der mit seinen Enkeln die Anlage besucht, soll im Fall der Fälle auch sicher aus dem Gebäude gelangen. Und dazu müssen die Vorschriften umgesetzt werden", sagt Dirk Fröhlich.

Hüttinger kontert: Er habe 2006 nach dem Kauf der Immobilie keinen Cent an Fördermitteln oder Subventionen erhalten oder beantragt habe. "Dennoch habe ich dafür gesorgt, das Areal zu erhalten und teilweise zu sanieren. Das weiß auch der Denkmalschutz zu würdigen", sagt der Unternehmer. So heißt es in einem Brief der mittelsächsischen Behörde an Bürgermeister Fröhlich: "Weiterhin möchten wir das große Engagement von Herrn Hüttinger zum Erhalt der Kulturdenkmale hervorheben. Nur durch seinen Ideenreichtum bezüglich einer neuen Nutzung, seinen Anstrengungen und finanziellen Einsatz beim Erhalt der Gebäude ist es zu verdanken, dass diese hochwertigen Industriebauten bis zum heutigen Tag erhalten geblieben sind."

Für Edgar Hüttinger steht fest, dass Sachsens größte Modellbahnanlage den Freistaat verlassen wird. Zwei konkrete Kaufangebote liegen ihm vor. So wird es passieren, dass die Gleise kommendes Jahr entweder in Bayern oder im Nordwesten der Republik neu verlegt werden.

Wer noch einmal einen finalen Blick auf die große Modellbahnanlage Größe H0 in Hohenfichte, Fabrikweg 1, kann dies bis zum 31.Dezember, jeweils in der Zeit zwischen 10 bis 18 Uhr (Heilig Abend bis 15 Uhr) tun. Am 26. Dezember zeigt der MDR innerhalb der Sendung "Auf schmaler Spur" ab 15 Uhr einen Beitrag aus Hohenfichte, der im November entstand.


Schließung droht

2006: Nach Demontage der letzten Produktionsmaschinen der Spinnerei erwirbt Edgar Hüttinger den Komplex in Hohenfichte am Ufer der Flöha.

2007: Nach einer ersten groben Sanierung kann der Inhaber die Fahrzeughalle nutzen. Dort werden insbesondere historische Fahrzeuge aus Produktion "West" und "Ost" gezeigt. Hüttingers Angaben zufolge handelt es sich um die drittgrößte Schau dieser Art deutschlandweit.

2008: Es beginnen vorbereitende Arbeiten für den Bau der Modellbahnanlage. Dafür wird das Dachgeschoss eines Gebäudes ausgebaut.

2009: Die Modellbahnanlage öffnet. Auf der Anlage wird die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland von den Länderbahnen über die Deutsche Reichsbahn und Deutsche Bundesbahn bis zur Bahn AG dargestellt.

2009-2015: Der Ausbau des Gleisnetzes läuft. 2014 wird Hüttinger erstmals mit der Konsequenz konfrontiert, beim Ausbleiben der brandschutztechnischen Ertüchtigung die Ausstellung schließen zu müssen.

2017: Im November ordnet das Landratsamt die Schließung an. (kbe)

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1Kommentare
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  • 2
    0
    mobarichter
    29.12.2017

    Ich finde es sehr traurig, wenn solch eine private Investiton dann durch überzogene Brandschutzauflagen kaputt gemacht wird. Was will denn das LRA oder die Gemeinde dort an dem Standort? Herr Hüttinger hat schon viele Besucher in diese Region gelockt. Alle Modellbahn im Chemnitzer Raum kennen seine Anlage und gerade die Zeitreise durch die Epochen begeistert die Modellbahner und nur an dieser Anlage kann man den Kindern die Epochen mal erklären. Wo bietet denn die öffentliche Hand ein ähnliches Objekt? Natüröich ist es ein altes Gebäude, aber im Treppenhaus aus Stein kann eigentlich nicht viel brennen. Wenn der Brandschutz es will kann er fast jedes Objekt zu machen. Eigentlich erwarte ich von den Behörden, das man bei so einem Objekt gemeinsam nach einer Lösung sucht. Oder will der Landkreis kein privates Museumprojekt in dieser Größenordnung. Eine Unterstützung für dieses Projekt ist dringend notwendig und nicht neue Forderungen von Behördenseite aufmachen.



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