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In seiner Werkstatt im Eppendorfer Lehngut: der in Glashütte ausgebildete Uhrmacher Christian-Martin Ernst.

Foto: Claudia Dohle

Der die Zeit in Händen hält

Für die "Freie Presse" zeigen Macher aus Mittelsachsen ihre private Seite. Heute: Christian-Martin Ernst, Uhrmacher aus Eppendorf.

Von Michael Kunze
erschienen am 17.06.2017

Eppendorf. Es gehört einiger Mut dazu, sich als Uhrmacher mit Anfang Zwanzig selbstständig zu machen. Das gilt erst recht für den, der dies wie Christian-Martin Ernst abseits kräftiger Kundenströme im dafür idyllisch gelegenen Eppendorfer Lehngut wagt. Nicht von ungefähr ist er laut Handwerkskammer Chemnitz einer von nur drei Uhrmachern im Altkreis Flöha. Erst im Mai feierte der 23-Jährige das einjährige Bestehen seiner Werkstatt im Erdgeschoss des historischen Ensembles an der Freiberger Straße.

Zuvor hatte der gebürtige Hesse, der vor sieben Jahren als Jugendlicher mit den Eltern nach Eppendorf gekommen war, von 2010 bis 2013 an der Glashütter Uhrmacherschule seine Ausbildung absolviert. Daraufhin stieg er im Uhren-Mekka in den Betrieb seines Lehrmeisters ein, der sich selbstständig gemacht hatte. "Aber die Firma hatte wirtschaftliche Schwierigkeiten, und auf Dauer war es auch ein wenig monoton, da viel Uhrenmontage. Und ich wollte gern die ganze Palette meines Berufes ausüben", erklärt er die Rückkehr ins Elternhaus.

In seiner "Phönix Uhren" getauften Werkstatt beherbergt der junge Mann eine erkleckliche Auswahl alter und neuerer Zeitmesser. Falls nötig, zerlegt er sie, reinigt, repariert oder restauriert Gehäuse, Werke, Ziffernblätter, Zeiger, selbst Pfeifen von Kuckucksuhren, um dann alles wieder zusammenzusetzen. Wie der mythologische Vogel ersteht, wenn auch nicht aus Asche, manches neu. Was Kunden nicht zur Instandsetzung bringen, wird verkauft - im Laden oder über das Internet. "Ich repariere auch Spieluhren, Grammophone oder Blechspielzeug", sagt er, "das gehört ebenfalls zu meinem Beruf."

Dem, der mehr wissen will über sein Handwerk, gibt Ernst bereitwillig Auskunft. Aus dem bei Darmstadt gelegenen Reichelsheim im Odenwald stammend und mit Bruder und Schwester aufgewachsen, führt der Sohn von Kaufleuten, die das Lehngut vor Jahren erwarben, Gäste und Kunden gern an Wänden und Regalen seines kleinen Reiches entlang. Überall hängen, stehen, liegen Uhren oder Teile davon. "Vor allem Großuhren wie Regulatoren, Stand- oder Kuckucksuhren interessieren mich", sagt der Bogenschütze, der mit diesem Hobby dem nicht nur bei Uhrmachern verbreiteten Rückenschmerz Paroli bietet.

Neben seinen Lieblingszeitmessern hat er auch eine Armada anderer antiker Freischwinger im Angebot, dazu deren historische Nachfolger: die flachen Buffet- sowie Tischuhren mit und ohne Schlagwerk zum Beispiel. "Das hier ist ein sogenannter Wiener Regulator, der sich etwa dadurch von andern abhebt", erläutert der Uhrmacher, "dass das Gewicht über eine Rolle und eine Saite und nicht über eine Kette und damit genauer läuft." Dann berichtet Ernst über die Vorzüge von Uhrwerken aus dem Hause Gustav Becker (1819 bis 1885), über klassische Küchenuhren aus Porzellan, den Übergang von der mechanischen zur Quarzuhr. "Letztere hat ihren Namen daher, dass ein Quarzkristall die mechanische Unruhe als Taktgeber ersetzt", erklärt er. "Für mich sind aber vor allem die neuen elek-tronischen Smartwatches im engeren Sinne keine Uhren mehr. Mechanische Uhren sind mir die schönsten." Doch die Quarztechnik sei nun mal einerseits außerordentlich preisgünstig und zum andern sehr präzise. Auch bei derartigen Exemplaren legt er Hand an, wechselt Batterien genauso wie er aufwendige Restaurierungen ausführt. Er reinigt unansehnlich gewordenes Metall, tauscht Glas aus, ersetzt passgenau nach Eigenanfertigung Holz- oder andere Teile, beizt, biegt, schraubt. Ständig griffbereit liegen dafür große wie kleine Werkzeuge und Hilfsmittel - Rund-, Spitz-, Flach- oder Kornzangen etwa, Lupen, ein Ölblock, da je nach Lager das passende Schmiermittel zum Einsatz kommt, das Ultraschallbad. Besonders wichtig ist die Zeitwaage, eine Art Spezialcomputer. "Damit wird der Rhythmus der Uhr bestimmt - ob sie gleichmäßig läuft und damit genau", so Ernst. "Die Zeit wiegen kann sie aber nicht", sagt er schmunzelnd.

Von Laufkundschaft könne er indes in Eppendorf nicht leben, auch wenn Mundpropaganda Leute von Gahlenz bis Borstendorf, Waldheim bis Großwalters- und Großhartmannsdorf anlocke. "Ich habe auch Kunden aus meiner alten hessischen Heimat, aus München oder Österreich." Um über die Runden zu kommen - in ganz Mittelsachsen gibt es nur noch 17 Uhrmacher - stellte er das Geschäft auf mehrere Beine. Ein wichtiges ist dabei nach wie vor die Uhrenmontage für deutsche Hersteller, die ihm die Einzelteile zusenden. Er setzt sie zu funktionierenden Uhren zusammen, während er für seinen Laden mittels Twitter- und Facebookprofil die Werbetrommel rührt.

Bei aller Geschäftigkeit hat der erste Uhrmacher der Familiengeschichte nun für eine Tombola, mit der das Jubiläums-Freibadfest unterstützt wurde, zwei Uhren zur Verfügung gestellt. Um Ideen, wie er seinen Betrieb weiterentwickeln kann, ist er auch nicht verlegen: "Ich tüftele gerade daran, Wanduhren zu bestimmten Themen selbst zu fertigen. Dafür bietet sich das Motto 'Erzgebirge' genauso an wie Figuren aus bekannten Romanen wie Bram Stokers 'Dracula'." Zu Ende gedacht sind die Pläne noch nicht. "Aber dass bei derartigen Uhren heutzutage etwas passieren muss und nicht nur ein Pendel schwingen kann, auch wenn es die einen eher klassisch-nüchtern, die andern pompös wollen", sagt er, "das sagen alle Fachleute, die sich mit sowas befassen." Man darf also gespannt sein.

"Mittendrin" Teil 41 stellt Tasillo Römisch in Mittweida vor. Alle Porträts im Internet.

freiepresse.de/mittendrin

 

 
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