Einmalige Stücke erzgebirgischer Volkskunsttradition in Gefahr

Das Holz reißt, die Farbe verblasst. Den Exponaten im Mustersaal der ehemaligen Spielwarenfach- und Gewerbeschule Grünhainichen machen unter anderem extreme Temperaturschwankungen schwer zu schaffen. Der Heimatverein schlägt Alarm.

Grünhainichen.

Sarah Schneider hat den Reißverschluss ihrer dicken Jacke bis unters Kinn zugezogen. Es ist kalt in der Ausstellung erzgebirgischer Volkskunst in Grünhainichen. "Die Heizung funktioniert nicht", sagt die Vorsitzende des Heimatvereins. "Und die Elektrik müsste auch gemacht werden", ergänzt die 29-Jährige und zeigt auf Lampen an der Decke, die nicht mehr leuchten. Die halbrunde Holzdecke im Obergeschoss des um 1900 erbauten Werkstattgebäudes der ehemaligen Spielwarenfach- und Gewerbeschule Grünhainichen wird seit Jahren provisorisch von einer mitten im Raum stehenden Stütze gehalten. "Eine Notlösung, eigentlich müsste die ganze Deckenkonstruktion fachmännisch erneuert werden", sagt Sarah Schneider. Und dann sind noch die alten Fenster des einstigen Mustersaals, die weder wärmedämmend seien noch UV-Strahlen herausfilterten.

"Die Strahlung, aber vor allem die extremen Temperaturschwankungen machen den Exponaten schwer zu schaffen. Das Holz reißt, die Farben verblassen. Viele Sachen müssen restauriert werden", berichtet die Vereinsvorsitzende. Zusammen mit Ortschronisten und anderen Vereinsmitgliedern nimmt sie seit einigen Wochen eine Inventar- und Katalogisierung der einzigartigen Sammlung von Spielwaren, Volkskunst und kunsthandwerklichen Erzeugnissen aus Grünhainichen vor: Leuchterspinnen, figürliches und architektonisches Spielzeug, Werkzeichnungen mit den dazugehörigen Figuren, Pyramiden, Geschnitztes und Gedrechseltes, Bergmänner und Engel, Spanschachteln und -bäume in allen Varianten. "Ein Schatz, der unbedingt bewahrt werden muss", betont Sarah Schneider.

Die Gemeinde weiß um den Zustand des kommunalen Gebäudes und den Wert der Ausstellung. Für 37.000 Euro sollen zunächst die Mauern trockengelegt und die Regenwasserableitung saniert werden. Dafür gibt es 22.200Euro Fördermittel aus dem Leader-Programm. "Weitere Arbeiten werden abhängig von der finanziellen Lage nach und nach folgen", sagt Bürgermeister Günther Schneider. Einsatzschwerpunkt für Fördermittel aus dem KSP-Topf sei jedoch erst einmal das Projekt "Neubau Grundschule".

Der Heimatverein versucht deshalb, andere Quellen anzuzapfen. So haben sich die Heimatfreunde für das Förderprogramm "Land-Kultur" beworben. Mit dem im April begonnenen Modell- und Demonstrationsvorhaben unterstützt das Bundeslandwirtschaftsministerium innovative Projekte, die kulturelle Aktivität und Teilhabe in ländlichen Räumen erhalten und entwickeln. "Es gibt Förderung bis maximal 100.000 Euro", sagt Schneider, der jeden Tag auf einen positiven Bescheid aus dem Ministerium hofft.

"Ich finde es unheimlich lobenswert, dass sich meine Nachfolgerin so für die Ausstellung einsetzt", sagt Regina Sieber. "Zudem ist es gut, dass auch mal jemand anderes hervorhebt, was wir für tolle und einmalige Sachen hier haben. Bei mir haben die Leute oft nur genickt", so die Leiterin der Ausstellung und ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins weiter. Das Problem mit der Heizung sei kein neues, sagt die 73-Jährige. "Im Erdgeschoss ist es warm, aber oben kommt nichts an. Die Rohre sind bestimmt falsch verlegt worden", meint Regina Sieber, die seit vielen Jahren Besucher durch die Ausstellung führt. Erst vor wenigen Tagen habe sie die Gemeindeverwaltung wieder darauf hingewiesen.

Wie Kathrin Ardelt, Vorsitzende des Verwaltungsverbandes Wilden-stein, gestern auf Anfrage mitteilte, sei die Heizung entlüftet worden und würde wieder funktionieren.

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