Lehrer haben eine Woche keinen Zutritt

Deutschkenntnisse waren in dieser Woche bei den Schülern der zehnten Klassen in Niederwiesa nicht gefragt. Vielmehr stand Englisch im Mittelpunkt.

Niederwiesa.

Obwohl die Jugendlichen aus den zehnten Klassen der Oberschule Niederwiesa in der abgelaufenen Woche jeden Tag in ihrer Bildungseinrichtung präsent waren, bekamen sie während der Unterrichtsstunden keinen Lehrer zu sehen. Vielmehr gaben Bridie, Kim, Natascha und Ali den Ton an - und die Schülerinnen und Schüler waren davon begeistert.

Erstmals hatte sich die Schule dafür entschieden, ein sogenanntes Lingua-Projekt durchzuführen. Dabei gestalten nicht ausgebildete Pädagogen, sondern junge Muttersprachler den Tagesablauf. Ziel war es, die kommunikativen Fähigkeiten der Jugendlichen zu schulen, sie somit auf die Prüfungen vorzubereiten und ihnen ein Rüstzeug mitzugeben, um im Auslandsurlaub gegebenenfalls ordentlich mitreden zu können. Einen vorgeschriebenen Ablauf oder gar einen Lehrplan gab es in diesen fünf Tagen nicht, dafür herrschte aber eine eiserne Regel: Für die Mädchen und Jungen war die deutsche Sprache tabu. Vielmehr wurde alles nur auf Englisch besprochen, erklärt und beschrieben. Gab es am Montag noch ein paar Berührungsängste, waren diese im Verlauf der Woche schnell überwunden.

Lehrer bleiben außen vor

Die Idee dazu hatte Schulleiterin Katrin Fischer. "Im Rahmen einer Fortbildung wurde das Projekt vor einem Jahr vorgestellt. Ich griff diese Anregung auf und besprach sie zunächst mit den Kollegen in meiner Schule", sagte die Pädagogin. Später wurde das Projekt vor Schülern und den Eltern erläutert, danach konnten die Erziehungsberechtigten entscheiden, ob sie den Plan der Schulleiterin unterstützen. Schließlich mussten die Eltern auch einen finanziellen Eigenanteil stemmen. "Am Ende gab es breite Zustimmung", sagte Katrin Fischer.

Gebäck mit Eis und Schlagsahne

Vergangenen Sonntag reisten vier junge Leute aus England und den USA an, um vorübergehend den pädagogischen Staffelstab zu übernehmen. Das Quartett wurde im örtlichen Brauhof untergebracht, die Schulleiterin ließ es sich nicht nehmen, die Gäste persönlich zu begrüßen. Aber später hatte auch sie ausnahmsweise keinen Einfluss auf die Gestaltung der Unterrichtstage. "Es ist fester Bestandteil des Projekts, dass während der Unterrichtsstunden kein Lehrer mit dabei sein darf", sagte Katrin Fischer. So wusste sie tatsächlich nicht, was die einzelnen Gruppen während des Unterrichts vorhaben. "Natürlich gab es kurze Absprachen, wann zum Beispiel das Computerkabinett benötigt wird oder wann eine Exkursion nach Chemnitz erfolgt", sagt die Schulleiterin. Aber sonst blieben die Niederwiesaer Pädagogen ausnahmsweise außen vor.

So war auch Katrin Fischer nicht mit dabei, als Natascha Todd aus London mit den Schülern in der Schulküche Apple Crumble, eine englische Kuchenspezialität, herstellten und anschließend ganz britisch mit Schlagsahne und Vanilleeis verzehrten. Aber auch während des kulinarischen Genusses hielten sich die Oberschüler daran, sich nur auf Englisch zu verständigen. Natascha Todd bescheinigte den Schülern, dass sie motiviert bei der Sache waren. Und mit diesem Schwung sollten die Zehntklässler auch am Montag starten, wenn wieder Deutsch gesprochen wird.


"Das Projekt in Niederwiesa hat uns sehr viel Spaß gemacht"

Bridie Gane (26) stammt aus Bristol, wohnt aber seit drei Jahren in Berlin. Hauptberuflich ist die junge Frau als selbstständige Tänzerin tätig, trat unter anderem schon in Mainz und Leipzig auf und mischt auch regelmäßig beim Lingua-Projekt mit. Mit den Niederwiesaer Schülern veranstaltete sie unter anderem eine moderne Schatzsuche, bei der Gegenstände auf dem Schulgelände gesucht und mit dem Handy fotografiert werden mussten. "Die Schüler sind nett und freundlich. Die Woche an der Oberschule Niederwiesa hat mir sehr viel Spaß gemacht", sagte die Engländerin.

Ali Hassan (33) ist in einer gemütlichen Kleinstadt im Bundesstaat Illinois/USA zu Hause und hauptberuflich als Informatiker tätig. "Da ich in einem kleinen Ort wohne, habe ich mich in Niederwiesa gleich heimisch gefühlt", sagte Hassan. Von der Betreuung vor Ort zeigte er sich begeistert. "Wir haben in der Schule alle erdenkliche Hilfe und Unterstützung bekommen. Unsere Gastgeber waren sehr fürsorglich. Und mit den Schülern hat es absolut keine disziplinarischen Probleme gegeben. Sie gingen vielmehr gut motiviert an unsere gemeinsame Arbeit", sagte der Kurzzeitlehrer.

Kim Lyos (25) versprühte wie ihre Kollegen die gesamte Woche gute Laune sowie Lebensfreude und entdeckte ihre Liebe zum Niederwiesaer Kuchen. Sie stammt aus London, studierte Neuromedizin, arbeitet jetzt allerdings als Zirkus-

artistin. "Als wir am vergangenen Sonntag in Niederwiesa angekommen sind, hatte es gerade geschneit. Und die verschneite Schule auf dem Berg und die Umgebung präsentierten sich so schön wie auf einer Ansichtskarte", sagte die Londonerin. Sie reiste gestern mit ihren Mitstreitern nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen wieder ab.

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