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Der in Frohburg geborene Schriftsteller Guntram Vesper kommt am Dienstag nach Oederan, um aus seinem mehrfach ausgezeichneten autobiografischen Roman "Frohburg" zu lesen. Dieser handelt auch von seinen Großeltern, die aus der Stadt des Klein-Erzgebirges stammen.

Foto: Swen Pförtner

"Oederan berührt mich"

Der vielgeehrte Schriftsteller Guntram Vesper liest am Dienstag in der Stadtbibliothek aus dem Roman "Frohburg"

erschienen am 13.09.2017

Oederan. Der in Göttingen lebende Schriftsteller Guntram Vesper liest am Dienstag, 19 Uhr, in Oederan aus seinem autobiografischen Roman "Frohburg", für den er etwa den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse und den mit 10.000 Euro dotieren Erich-Loest-Preis erhielt. In Frohburg (heute Kreis Leipzig) kam er 1941 zur Welt, bevor der nun 76-Jährige mit seiner Familie 1957 die DDR verließ. Väterlicherseits stammten die Großeltern indes aus Oederan. Michael Kunze hat darüber mit dem Autor vor seinem Gastspiel im Lesesaal der Stadtbibliothek gesprochen.

Freie Presse: Erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Besuch in Oederan?

Guntram Vesper: Selbstverständlich. Das war im April 2016, als ich von einer Lesung in Dresden zur nächsten nach Chemnitz fuhr. Ich mache auch fast jedes Jahr Halt auf dem Weg von Göttingen ins Erzgebirge, wo ich gern das Land erkunde.

Dann aber eher kurz?

Genau. Vor Jahren aber hatte ich längere Zeit per Brief Austausch mit einem Oederaner über ein altes Foto aus meinem Familienbestand, das meine Großmutter, deren Mutter und ihre Großmutter zeigt. Darauf ist ein Schriftzug an einer Hauswand zu sehen. Es ging darum zu klären, wo der sich befunden hat.

Haben Sie es herausgefunden?

Ja, es handelte sich um eine Hauswand an der Schulgasse. Meine Urgroßeltern und Großeltern stammten aus Oederan. Letztere hatten um 1893 auch in der Kirche geheiratet. Über den Pfarrer konnte ich mir alte Familiendaten aus dem Kirchenbuch beschaffen.

Wo wohnten Ihre Urgroßeltern?

Als mein Urgroßvater noch lebte, hatten sie eine Wohnung in der Hainichener Straße 10. Ganz sicher bin ich mir bei der Nummer aber nicht. Nach seinem Tod zog meine Urgroßmutter mit meiner 1875 geborenen Großmutter an die Freiberger Straße um - in das Haus in der S-Kurve mit dem erhöhten Fußweg.

Wovon lebte die Familie?

Mein Urgroßvater Ernst Louis Berger, dessen Mutter in Erdmannsdorf wohnte und in Plaue in der Spinnerei arbeitete, war Klempner. Seine Frau hatte ein Stoffgeschäft am Oederaner Markt und nähte Anzüge, Mäntel, stellte Teppiche her. Mein Großvater wurde nach seinem Studium in Dresden Tierarzt. Da sich die Tätigkeit in Oederan nicht rechnete, zog er mit meiner Oma nach Frohburg. Das muss nach meinen Recherchen, über die ich im Roman berichte, um 1896 gewesen sein.

Erinnern Sie sich an Ihren letzten Besuch in der Stadt vor dem Weggang in den Westen 1957?

Ja, es war auch mein einziger bis dahin und muss 1955 gewesen sein. Wir waren für eine Urlaubswoche in Königstein in der Sächsischen Schweiz. Da wir direkt an der Eisenbahn untergekommen waren und der Lärm nachts sehr störte, fuhren wir über Oederan zurück. Mein Vater wollte uns unbedingt die Barockgrüfte auf dem Friedhof zeigen. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Was gab dann den Ausschlag, die DDR zu verlassen?

Zwei Erfahrungen: Zum einen hatte im Herbst 1956 der Ungarnaufstand stattgefunden, dessen Auswirkungen wir selbst in der Schule in Geithain spürten. Während der Kämpfe, die wir über BBC im Radio verfolgten, schienen selbst die der SED treu ergebenen Lehrer vorübergehend umgänglicher. Als der Widerstand niedergeschlagen war, kehrten sie zu alter Strenge zurück.

Der Aufstand zeigte, dass sich trotz Chruschtschows Stalin-Kritik die politische Lage kaum bessern würde.

So sahen wir das, ja. Wir hatten die Hoffnung aufgegeben. Hinzu kam, dass die Schulleitung meine Eltern im Frühjahr 1957 wegen meines Bruders zum Gespräch zitiert hatte.

Weswegen?

Man hielt ihm vor, Ruhrpottstahl und Westautos gegenüber DDR-Produkten als überlegen gepriesen zu haben - einem 13-Jährigen. In der Konsequenz sollte ihm der Oberschulbesuch verwehrt werden. Da haben meine Eltern entschieden, dass wir gehen, obwohl meine aus Oederan stammende Großmutter noch lebte ...

... viel Stoff für Ihr 1000-seitiges Werk und den bevorstehenden Abend. Was dürfen die Gäste am Dienstag erwarten?

Ich will Einblicke geben in erlebte Geschichte. Ich hatte ja auch noch eine angeheiratete Tante, die aus der Oederaner Bahnhofsgegend stammte und in einem Süßwarenladen gearbeitet hat. Aber es geht darüber hinausblickend um Erinnerungen, Anekdoten, Sichtweisen, Erfahrungen, die ich reichhaltig zusammentragen konnte.

Dennoch ist es ein Roman, keine Autobiografie.

Natürlich. Das muss mitdenken, wer das Geschilderte in Zweifel zieht. Nach dem Motto: Das war in Wirklichkeit doch anders. Aber bisher ist niemand in Lesungen aufgestanden, um sich zu beschweren.

Rechnen Sie damit in Oederan?

Nein. Ich habe hier ja auch keine Verwandten oder nahen Bekannten mehr, obwohl mich die Stadt nach wie vor berührt wie so viele kleine in Ostthüringen und Sachsen, die Frohburg ähneln.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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