Sternengucker von Beruf

Astronomie populärwissenschaftlich vermitteln - das ist die Kunst des Jochen Engelmann. Für ihn hat die Wissenschaft mit Träumen und Spekulieren zu tun. Wie die Steinkreise auf der englischen Insel.

Es wird Nacht über Rodewisch. Unzählige Sterne leuchten am Himmel. Der spannt sich über den Köpfen der Besucher im Planetarium der Sternwarte. Für die perfekte Illusion sorgt der Zeiss-Sternenprojektor. So beginnt der Vortrag von Jochen Engelmann. Dann sagt er: "Ich nehme Sie jetzt mit auf eine Reise durch das Sonnensystem." Die spektakulären Bilder von Mars oder Pluto bereichert der 63-Jährige mit seinem astronomischen Wissen. Das ist seine Leidenschaft, das ist sein Beruf.

Wie er zur Astronomie kam, daran kann sich Jochen Engelmann heute nicht mehr genau erinnern. Er gehörte zu denen, die in den 1960er-Jahren fasziniert davon waren, dass mit Juri Gagarin der erste Mensch ins Weltall flog und die Amerikaner auf dem Mond landeten. Die Raumfahrt war im wahrsten Sinne des Wortes im Höhenflug. "Keiner konnte sich dem entziehen", sagt Engelmann. Er las Science-Fiction-Romane von Stanislaw Lem, sammelte Kosmonauten-Serien fürs Briefmarkenalbum und verpasste kein fantastisches Abenteuer in der Fernsehserie um Raumpatrouille Orion. Als er 1969 in die Erweiterte Oberschule nach Auerbach kam, begegnete er Diethard Ruhnow von der Rodewischer Sternwarte, der in Schulen Mitglieder für seine Arbeitsgemeinschaft Astronomie suchte. "Ich bin vom ersten Moment an dabei gewesen", sagt Engelmann. Vorführungen an den Wochenenden zu halten, war für den Schüler in der 9. und 10. Klasse bald Normalität. Einbezogen waren die Schüler auch bei der Vermessung von Bahnen der Erdsatelliten. Die Rodewischer Sternwarte lieferte damals Daten für den Astronomischen Rat der Akademie der Wissenschaften der UdSSR genauso wie für das Rechenzentrum der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa. Die Satellitenbeobachtung war auch Thema der wissenschaftlich-praktischen Arbeit Engelmanns in der Abiturstufe. "Ich glaube, es ging darum, wie die Sonnenaktivität Satellitenbahnen beeinflusst", erinnert er sich.

Nach Abitur und Studium wurde er Lehrer für Chemie und Mathematik an einer Schule in Morgenröthe-Rautenkranz. Das war 1977, ein Jahr später flog Sigmund Jähn aus Morgenröthe-Rautenkranz als erster Deutscher in den Weltraum. Wiederum zwei Jahre danach erhielt die Sternwarte in Rodewisch den Namen Sigmund Jähn. Die Astronomie blieb Engelmanns Begleiter in seiner Zeit als Lehrer, er unterrichtete in dem Fach, nachdem er im Fernstudium dafür die Lehrbefähigung erworben hatte. Den Kontakt zur Sternwarte hielt er die ganzen Jahre hindurch, bis er schließlich 1988 dorthin als Mitarbeiter wechselte.

Kurz vorher war das Planetarium neben der Sternwarte eröffnet worden. "Vorträge halten, Vorführungen gestalten - damit erweiterte sich das Spektrum unserer Tätigkeit." Leute zu unterhalten, das sei für ihn nie ein Problem gewesen, so Engelmann. Schon als Schüler habe er das gern gemacht. Er ist der Überzeugung: "Auch als Lehrer sollte man ein Entertainer sein, weil man dann die Schüler begeistern kann." Leiter der Sternwarte wurde Engelmann 2003. Die Einrichtung musste mit Personalabbau klar kommen. Honorarkräfte übernahmen Vorträge im Planetarium, heute sind es zwei.

Trotz der Streichung des Astronomieunterrichts aus dem sächsischen Lehrplan im Jahr 2007 gibt es die astronomische Bildung an der Sternwarte durchaus noch, als Teilbereich Astronomie im Physikunterricht, Profilunterricht oder im Ganztagsangebot für Schüler des Rodewischer Gymnasiums. Die enge Verbindung zur Schule hat eine lange Tradition. Die reicht zurück bis zur Gründung der Sternwarte. Denn bevor diese auf der Rützen-grüner Höhe gebaut wurde, wurden Fernrohre auf dem Dach der Schule gen Himmel gerichtet.

Engelmann betont, dass die Sternwarte mit ihrem Planetarium heute sowohl die Bildungsfunktion als auch eine touristische erfüllt. Mit der im vergangenen Jahr eingebauten neuen Technik sind die Besucherzahlen im Planetarium deutlich gestiegen. Fulldome heißt das Zauberwort. "Die Möglichkeiten sind gigantisch, ein himmelweiter Unterschied zu dem, was wir vordem zeigen konnten", sagt Engelmann. Für ihn ist die Technik aber nur die eine Seite. Auf der anderen Seite stehe der Vortragende. Er sollte authentisch und begeisternd in seiner Aussage sein. "In einem selber muss ein Feuer brennen, damit man bei anderen das Feuer zünden kann", sagt er.

Mit Sicherheit wird man Engelmann auch nach seiner offiziellen Verabschiedung am 21. März in der Sternwarte antreffen. Er wird weiter Vorträge im Planetarium halten und Schüler des Rodewischer Gymnasiums im Ganztagsangebot betreuen. "Ich freue mich auf eine weitere gute Zusammenarbeit", sagt Olaf Graf, der neuer Leiter der Einrichtung wird. Die beiden kennen sich seit 1999, als Graf Mitarbeiter an der Sternwarte wurde. "Wir haben uns von Beginn an gut verstanden, ich schätze Jochen Engelmann für seine ausgeglichene Art, für sein ruhiges, aber bestimmtes Auftreten gegenüber allen Partnern und Gästen." Die "absolute Zuverlässigkeit" ist es, was Rodewischs Bürgermeisterin Kerstin Schöniger als wohltuend in der Zusammenarbeit mit Engelmann hervorhebt. "Mit solchen Mitarbeitern wie ihm konnte es mit dieser Einrichtung nur vorangehen."

Auch die guten Beobachtungsbedingungen werden Engelmann weiter in die Sternwarte locken. Die sind deutlich besser als im heimischen Garten. Dazu fällt ihm eine Geschichte vom 28. Oktober 2007 ein. "Da habe ich einen Kometen entdeckt, naja, nicht ganz", sagt er lachend. Diesen, 17P/Holmes, hatte man zunächst so nicht wahrgenommen. "Aber dann war er in sich zerbrochen, seine einzelnen Teile waren so viel heller zu sehen." Engelmann wunderte sich über den hellen Stern am Himmel, der dort gar nicht hingehörte. Um es genauer herauszufinden, eilte er in die Sternwarte. Dort gelangen ihm spektakuläre Aufnahmen von Holmes. Überhaupt, Kometen findet er spannend. "Das sind Vagabunden im All, man weiß nie, was mit ihnen passiert."

Das Interesse, für das ein anderer Komet, Hale-Bopp, 1997 sorgte, gehört für Engelmann zu den beeindruckendsten Erlebnissen seiner Zeit an der Sternwarte. "Er stand fast vier Wochen am Himmel. Jeden Abend hatten wir öffentliche Beobachtungen, die Leute kamen in Scharen." Andere astronomische Ereignisse lassen Engelmann ebenso schwärmen, wie der Venus-Transit vor der Sonne in den Jahren 2004 und 2012. "Das ist selten, nur alle 100 Jahre passiert das." Besonders schön nennt Engelmann die Sonnenfinsternis vom 20. März 2015.

Engelmann hofft, im Ruhestand mehr Zeit für Reisen nach England zu haben. Er mag die englische Kultur, die Landschaft und hat eine besondere Leidenschaft - für Steinkreise. Etliche hat er schon besucht, auf einer Liste stehen weitere, die er noch sehen will. Sie bieten aus seiner Sicht die Möglichkeit zu spekulieren: "Was mag Menschen dazu bewogen haben, sie zu bauen? Man wird darauf nie eine genaue Antwort erhalten." Für ihn ist das die "absolute Verbindung zur Astronomie". Denn: "Der Blick zum Himmel bietet auch die Möglichkeit zum Träumen, zum Spekulieren, schließt das fantasievolle Betrachten ein."

Und da wäre noch der monatliche Sternenhimmel für die "Freie Presse". Seit 2001 schreibt er für die Zeitung, die Beiträge füllen inzwischen mehrere Ordner. Engelmann weiß, dass seine Beiträge unter anderem von vielen Lehrern für den Unterricht genutzt werden. "Ich schreibe nie über theoretische Dinge, immer nur darüber, was man am Himmel auch sehen kann." Für den nächsten Ende März hat er sich für das Sternbild Bootes, den Bärenhüter, mit Arktur, dem hellsten Stern des nördlichen Himmels, entschieden. "Wenn der zu sehen ist, dann ist Frühling."

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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