"So ein Kunstwerk bringt Spannung"

Reichenbach will Wolfgang Mattheuers "Jahrhundertschritt" kaufen - Heute beginnt eine Spendenaktion

Der Stadtrat von Reichenbach hat den Ankauf der Wolfgang- Mattheuer-Skulptur "Jahrhundertschritt" beschlossen. 180.000 Euro stehen als Preis. Viele Reichenbacher fragen: Wie geht es nun weiter? Petra Steps sprach darüber mit Frank Lorenz, künstlerischer Leiter des Fördervereins Kunsthalle Vogtland.

Freie Presse: Der Verein Kunsthalle hat mit der Mattheuer-Ausstellung im Neuberinhaus und der Präsentation der Skulptur "Jahrhundertschritt" den gebürtigen Reichenbacher ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Jetzt engagieren sich die Kunstfreunde für den Ankauf der Skulptur und deren Ausstellung im öffentlichen Raum. Warum?

Frank Lorenz: Wir wollen einerseits das kulturelle Leben in Reichenbach durch die Ausstellung besonderer nationaler und internationaler Künstler bereichern und andererseits helfen, das kultureller Erbe einheimischer Künstler in angemessener Weise zu bewahren. Da kommt man um den großen Namen Mattheuer nicht herum. Ich glaube, Reichenbach ist sich dessen noch nicht richtig bewusst und identifiziert sich noch nicht richtig damit. Als ich 2005 im Museum of Modern Art in New York war, habe ich ein Bild von Mattheuer entdeckt. Da lief mir eine Gänsehaut auf, denn dort stand ,Wolfgang Mattheuer, Germany/Reichenbach'. Wenn ich ihn nicht gekannt hätte, wäre ich vorbeigelaufen. Der Ankauf passt also zu unseren Vereinszielen, zumal die erste Idee dazu bei der Vernissage zur Mattheuer-Ausstellung im Neuberinhaus erst durch den Raum waberte und dann sehr schnell Gestalt annahm.

Am "Jahrhundertschritt" scheiden sich die Geister. Ist die Geste mit der rechten Hand zum Führergruß nicht heikel in der Öffentlichkeit?

Man muss ein Kunstwerk in seiner Gesamtheit betrachten. Für mich zeigt der "Jahrhundertschritt" ein Stück Autobiografie von Wolfgang Mattheuer, eine Art Selbstbildnis. 1927 geboren, wurde er noch zur Wehrmacht eingezogen und verwundet. Wenig später verschrieb er sich voller Enthusiasmus dem neuen System und trat in die SED ein. Dann merkte er, dass vieles in eine andere Richtung läuft, als er sich vorgestellt hatte. Er trat später aus der Partei aus und beteiligte sich an den Leipziger Montagsdemonstrationen. Der "Jahrhundertschritt" zeigt die Zerrissenheit eines Menschen. Dieses Thema hat Mattheuer auch innerlich beschäftigt. Natürlich sind sowohl die erhobene Hand als auch die Faust provokante Gesten. Sie führen jedoch dazu, dass man sich mit dem Kunstwerk beschäftigt - mehr als mit einem kleinen Engel, den man nur süß findet.

Wem gehört der "Jahrhundertschritt"? 180.000 Euro sind kein kleiner Betrag. Ist der Preis angemessen?

Der "Jahrhundertschritt" ist eines der bedeutenden Kunstwerke der jüngeren Geschichte. Dazu muss man wissen, dass es insgesamt sechs solche Plastiken gibt. Wir bekommen das Exemplar, das im Neuberinhaus stand. Die Witwe, Frau Mattheuer-Neustädt, hat es der Galerie Schwind zum Verkauf übergeben. Kunst ist eine Ware, die gehandelt wird. Künstler oder deren Nachfahren und Galeristen leben vom Verkauf. Insofern ist die Summe gerechtfertigt. Außerdem erhalten wir deutlich mehr als eine Plastik. Reichenbach wird zukünftig bei Mattheuer in einer Reihe mit dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, dem Haus der Geschichte Bonn oder der Ludwig-Galerie Schloss Oberhausen genannt. Wir können im Zusammenhang mit dem Schöpfer verschiedene Projekte entwickeln und Menschen in die Stadt locken, zumal der "Jahrhundertschritt" in Reichenbach modelliert wurde. Es könnte einen Kunstpfad geben, einen Mattheuer-Weg vom "Jahrhundertschritt" zum Geburtshaus, eine Dauerausstellung und mehr. So ein Kunstwerk bringt Spannung in unseren Ort, der sonst langsam zum "Reich der gelben Fassaden" wird.

Kritiker sagen, dass man mit dem Geld auch etwas anderes machen könnte, Straßen bauen oder Kindergärten sanieren.

Das ist nicht der Fall. Wir haben inzwischen Zusagen für rund 100.000 Euro aus verschiedenen Fördertöpfen und über zweckgebundene Spenden. Auch Frau Mattheuer-Neustädt und die Mattheuer-Stiftung werden eine größere Summe beisteuern. Wenn jemand für ein Kunstwerk spendet, kann ich das Geld nicht für einen anderen Zweck verwenden. Und bei Fördermitteln ist es genauso.

Wo sollen die übrigen 80.000 Euro herkommen?

Die Stadtverwaltung und der Verein Kunsthalle haben jeweils ein Spendenkonto eingerichtet. Am 27. März gibt es ein Benefizkonzert der Vogtland Philharmonie, moderiert von Gunther Emmerlich. Die Kunsthalle startet eine Spendenaktion beim Reichenbacher Einkaufsfestival ab heute. Wir und die Spendenbox für kleinere Beträge sind in der Zenkergasse 15 zu finden. Es gibt dort Infoflyer, und wir beantworten auch gern Fragen. Wir wollen, dass sich die Reichenbacher mit dem Kunstwerk identifizieren und es annehmen, wenn 2019/2020 der sanierte Solbrigplatz, der dann auch Mattheuer-Platz heißen könnte, seine Bedeutung zurückerhält.

Spenden können eingezahlt werden auf das Konto der Kunsthalle Vogtland e. V. bei der Sparkasse Vogtland, IBAN DE90 8705 8000 0101 0262 18. Spendenzweck: Jahrhundertschritt.

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