Wie das Schloss ein Dach bekam

In diesen Tagen reden alle vom Mauerfall. Aber zehn Jahre vor der Wende, im tiefsten Sozialismus, gab es in Glauchau eine spektakuläre Bauaktion auf Privatinitiative - am staatlichen Plan vorbei.

Glauchau.

Die Hubschrauberaktion war wohl das Spektakulärste für die Glauchauer. Zwischen der Hammerwiese und dem Schloss pendelte der Interflug Helikopter hin und her. Seine Aufgabe: Doppel-Träger aus Eisen auf das künftige Dach des Südflügels Forderglauchau zu hieven. "Das musste zentimetergenau erfolgen", erinnert sich Klaus-Dietmar Hessel. Er war damals bei der Aufsehen erregenden Aktion dabei, die mehr als 35 Jahre zurückliegt.

Damals hatte es sich eine Gruppe Enthusiasten in den Kopf gesetzt, das Notdach zu entfernen und die Konstruktion originalgetreu wieder aufzubauen. Während der letzten Kriegstage war das Schloss von Amerikanern beschossen worden. Getroffen wurde der westliche Teil des Südflügels. Notdürftig wurde er geflickt. Die gesamten Arbeiten, das Dach wieder aufzubauen und innen den Konzertsaal für die Musikschule einzurichten haben mehrere Jahre gedauert. Aber gerade jetzt, wo alles über den Mauerfall und das Ende der DDR spricht, will Hessel an jene spektakuläre Aktion erinnern. Das Besondere: Sie lief außerhalb staatlicher Planungen, quasi auf Privatinitiative ab. Die staatlichen Organe sahen zu, ließen die Leute um Ernst Kreitlow, damals Leiter der Bibliothek und den Vorsitzenden der PGH Bauhandwerk, Rainer Findeisen, gewähren.

Tino Moritz und Kai Kollenberg

Sachsen 2019:Der „Freie Presse“-Newsletter zur Landtagswahl von Tino Moritz und Kai Kollenberg

kostenlos bestellen

Die Truppe erstellte die Planungen, besorgte bei den Betrieben aus der Umgebung das notwendige Material - manchmal auf abenteuerliche Weise und mit viel Überzeugungskraft - und orderte bei der Interflug in Berlin-Schönefeld den Helikopter. Lieferbetriebe zweigten von ihren Kapazitäten etwas ab. "Alle, die am Tag des Hubschraubereinsatzes auf dem Bau zu tun hatten, mussten ihre Personalien angeben", sagt Hessel. Der Pilot selbst sei verpflichtet gewesen, sich in Berlin zu melden, wenn er über Waldenburg war und wenn er in Glauchau gelandet war. Offenbar gab es die Befürchtung, jemand könnte mit dem Helikopter in den Westen fliehen. Während des Hubschraubereinsatzes war die Polizei zur Überwachung der Arbeiten vor Ort. Die Herausforderung beim Bau war nicht nur die stabile, mit Beton und Eisenträgern versehene Decke, sondern auch die Dachkonstruktion selbst. Denn nichts steht im rechten Winkel, was für die Zimmerleute ein besonderes Problem war. Mithilfe von Experten der Technischen Universität Dresden wurde der Konzertsaal im Dachgeschoss gemäß aller akustischen Finessen eingebaut.

"Den Plan, das Dach zu erneuern und der Musikschule einen Konzertsaal zu geben, hat es vorher schon lange gegeben", sagt Klaus-Dietmar Hessel. Aber staatlicherseits war Wohnungsbau viel wichtiger. Dennoch - den Leuten um Ernst Kreitlow war es wichtig, auch historische Bausubstanz und Denkmäler zu erhalten, auch wenn es nur Schritt für Schritt, gegen manche Widerstände im Rat des Kreises aber dennoch unter Duldung der staatlichen Organe, geschah.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...