Ein Leben für die Manege: Zirkus in sechster Generation

Der Circus Gebrüder Köllner ist vor allem eines: ständig unterwegs. So wie derzeit in der Glauchauer Region. Wie wächst man bei diesem Wanderleben auf?

Glauchau/Oberlungwitz.

Ein falscher Griff, und eine der drei Klingen landet auf der Handfläche von Jason. Der 17-Jährige wirbelt damit so schnell durch die Luft, dass das Auge kaum hinterherkommt. Ob Bälle, Kegel, Ringe oder eben Messer - die Jonglagen des jungen Mannes mit den kräftigen Oberarmen zählen zu den Höhepunkten des Circus' Gebrüder Köllner.

Eine knappe Stunde vor Auftrittsbeginn schlendert Jason Köllner noch im T-Shirt über das Gelände. Gleich muss er hoch konzentriert in die Manege. Aufgeregt? Jason schüttelt den Kopf und lächelt. "Ich mache das ja seit meiner frühesten Kindheit." Jason Köllner ist ein waschechtes Zirkuskind. So wie seine ganze Familie. Seine drei jüngeren Brüder gehören ebenso mit zur Show wie die Eltern Jürgen und Jessica. "Unsere Jungs sind bereits die sechste Generation", sagt Vater Jürgen mit ein wenig Stolz in der Stimme.

Torsten Kleditzsch

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Jedes Jahr ziehen sie von einem Ort zum nächsten, bauen ihr großes Zelt auf, geben Vorstellungen - und ziehen wieder weiter. Bis gestern waren sie auf der Hammerwiese in Glauchau, in dieser Woche gastieren sie in Oberlungwitz. Insgesamt ein Dutzend Personen gehören zum Familienbetrieb, hinzu kommen sechs Pferde, drei Ponys sowie mehrere Lamas, Ziegen und Tauben.

Bis vor Kurzem hat Jason an seinem Schulabschluss getüftelt. Jürgen Köllner: "Das ist wichtig. Uns hat man früher im Klassenzimmer mit einem Malbuch in die Ecke gesetzt." Inzwischen gibt es spezielle Lehrbücher für Zirkuskinder, das Internet ermöglicht auch Lerneinheiten für zuhause. Jasons jüngere Brüder Ramon und Bernardo allerdings besuchen in dieser Woche zunächst eine Schule in Hohenstein-Ernstthal - bis sie weiterziehen. Wie viele Schulen er schon besucht hat? Der elfjährige Bernardo überlegt, eine Zahl kann er aber nicht nennen. "Sehr viele." Ob man da nicht mitunter durcheinander kommt? "Ja, das schon", sagt er. Der 17-jährige Jason ist inzwischen fertig mit der Schule. Klingt nach mehr Freizeit. "Na ja", sagt er. "Das erste am Morgen um halb sieben ist die Fütterung der Tiere, das nimmt viel Zeit ein." Und schließlich muss er ja trainieren. Jason hat ein großes Ziel: Einmal beim Zirkusfestival in Monte Carlo auftreten. Bis dahin muss er noch viel üben und durch die Kleinstädte ziehen. Denn vom Glamour der großen Show in Monaco sind die Vorstellungen des Circus' Gebrüder Köllner weit entfernt. "Ausverkauft gibt es nicht mehr", so Jürgen Köllner. 100Besucher seien schon richtig gut. Oft kommen nur etwa die Hälfte. Dabei passen theoretisch 500Leute in das Zelt.

Wildtierverbote in vielen Kommunen und Kritik von Tierschützern haben dem Ruf der Zirkusse in den vergangenen Jahren zugesetzt. "Aber das können wir uns nicht gefallen lassen", sagt Jessica Köllner. "Kein Zirkus könnte es sich heute leisten, seine Tiere zu quälen." Zumal das Veterinäramt regelmäßig kontrolliert. Dennoch, die Besucherzahlen sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Im kommenden Winter muss der Zirkus sogar in den kalten Monaten ran - eine Winterpause wie sonst kann er sich nicht leisten. Keine rosigen Bedingungen für ein Stück traditionelle Unterhaltungskultur. Für Jason Köllner aber kommt etwas anderes als Zirkus nicht infrage. "Das ist mein Leben." Selbst einen Wechsel in einen anderen Zirkus kann er sich derzeit nicht vorstellen. Für ihn ist Zirkus eben auch Familie. Vielleicht ein Rückhalt, den man braucht, wenn man jede Woche die Messer über den Körper wirbeln lässt.

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