Avantgarde und Liebe

Norbert Niemann liefert mit seinem neuen Roman "Die Einzigen" eine symbolträchtige Kapitalismuskritik ab.

Mit einer Trauerzeremonie setzt die Handlung im Herbst 1990 im vierten Roman Norbert Niemanns ein. Unter die zahlreichen Trauernden mischt sich Harry Bieler, aus dessen Perspektive nun erzählt wird. Er verfolgt das Geschehen ironisch distanziert, denn er gehört nicht mehr zu diesen Kreisen. Dennoch möchte er seinem ehemaligen Freund die letzte Ehre erweisen. Es ist Sellwerth, der Komponist und Texter, mit dem Harry als Bassist in den frühen 80er- Jahren in einer New-Wave-Band musizierte. Sie nannten sich, aus einer fatalistischen Haltung heraus, hochmütig "Die Einzigen". Zu ihnen gehörte Marlene Krahl, Komponistin und Sängerin. Sie war das kreativste Mitglied der Band und mit Sellwerth liiert.

Die Band existiert längst nicht mehr, als sich Marlene und Harry am Grab Sellwerths begegnen. Marlene brach damals, für Harry und Sellwerth unerwartet, rigoros mit allem, was ihr bisher wichtig war, wollte einen Neuanfang in Venedig und dort Musik studieren. Dennoch fasziniert ihn diese Frau noch immer. Sie setzte als Künstlerin ihren Weg ohne Kompromisse fort, fasste Entschlüsse, wo er zögerte. Sie verwirklichte, wovon er träumte, und verschrieb sich der avantgardistischen Musik buchstäblich mit Haut und Haar, während er ins bürgerliche Leben zurückkehrte. Mittlerweile schlägt er sich als Erbe einer Seifenfabrik mit den Tücken des Unternehmertums herum, indem er versucht, den überalterten Betrieb den wirtschaftlichen Bedingungen der 90er-Jahre anzupassen - eine bislang erfolglose und unbefriedigende Tätigkeit.

Harry spürt Marlene in Venedig auf, sucht Zugang zu ihren Sphären, möchte ihr Sponsor und Geliebter werden. Eine exaltierte Liebesbeziehung beginnt. Marlene folgt ihm nach München. Dort treibt sie ihre Experimente mit elektronischer Musik fast bis zur Selbstaufgabe voran, währenddessen Harry, inspiriert von Marlenes entfesselter Willenskraft, sein Familienunternehmen zum Marktführer der Branche umkrempelt. Unterstützt wird er von Joe, der früher Hans Altmodler hieß, einer schillernden Persönlichkeit, der sich als Marketingfachmann etabliert hat. Er verführt Bieler mephistophelisch zum Expandieren seiner Firma - ohne eine ausreichende finanzielle Basis. Mit der Figur gelingt dem Autor eine treffende Karikatur dieses Erwerbszweigs.

Auf der Suche nach immer neuen Klangmaschinen verschließt Marlene sich der Außenwelt, verliert völlig den Boden des realen Lebens und scheint sich auch Harry zu entziehen...

Marlene Krahls Klangexperimente verlassen dank eines Medienhypes ihr Nischendasein und füllen die Kassen von namhaften Musiktempeln. Ihr Ziel, die Hörgewohnheiten des Publikums zu verändern, erreicht sie nicht und scheitert schmerzlich.

Die Erkenntnis, dass letzten Endes auch das künstlerische Schaffen durch die modernen Medien den Marktmechanismen unterworfen wird und dabei soziale Beziehungen gefährdet werden, ist so neu nicht. Interessant ist jedoch, wie Niemann die Werbung für Bielers Körperpflegeprodukte (Seifen und Lotionen) mit den avantgardistischen Musikexperimenten und -forschungen Marlenes verknüpft; virtuos die Meisterschaft, wie er Klänge, Töne, Geräusche versprachlicht. Man merkt dem Text an, dass sein Autor (Jahrgang 1961) unter anderem Musikwissenschaft studiert hat. An einigen Stellen kommt es leider zu einer Häufung fachwissenschaftlicher Termini, die den Lesefluss beeinträchtigen können.

Norbert Niemanns Kapitalismus- respektive Medienkritik mündet in der philosophischen Quintessenz der Verlorenheit des Individuums in der Gesellschaft und der Botschaft von der lebensbejahenden Kraft der Liebe. Marlene bleibt bei Harry, dem "Einzigen", der sie "hören will und es inzwischen manchmal vielleicht sogar kann".

 

Norbert Niemann: "Die Einzigen"
Berlin Verlag
300 Seiten
19,99 Euro
ISBN 978-3-8270-1253-1

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