Das Rätsel Ringelnatz

Der sächsische Ulk- Lyriker und Ausnahmekünstler ist fast vergessen. Zu Unrecht, wie zwei Biografien zeigen wollen.

Mehr als 3000 Seiten birgt der Manuskriptfundus des 1883 in Wurzen geborenen Humoristen Hans Bötticher. Walter Pape gab die gesammelten Texte 1985 in sieben Bänden heraus. Der Diogenes Verlag brachte 1994 eine Neuauflage heraus, doch das Echo blieb sehr bescheiden. Die mangelnde Resonanz hing damit zusammen, dass der Erfinder des kauzig-skurrilen Matrosen Kuttel Daddeldu, den man inzwischen nur noch unter seinem Pseudonym Joachim Ringelnatz kennt, mehr und mehr aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwand. Weil bisher keine tragfähige Biografie über ihn erschien, die modernen Standards genügt, wuchs die Gleichgültigkeit rasant. Diese Situation änderte sich jetzt überraschend. Obwohl sich kein rundes Ringelnatz-Jubiläum anbahnt, sind gleich zwei Lebensbeschreibungen über den Ausnahmekünstler zu vermelden.

Die eine stammt aus der Feder des Germanisten Alexander Kluy, der bereits im Vorwort klarstellt, dass sich um den "Komiker von erstem Rang" während der letzten vierzig Jahre "gerade einmal eine Handvoll akademisch bestallter Literatur- und Kunstwissenschaftler" kümmerte. Diese Behauptung ist traurig, aber wahr, ändert freilich wenig daran, dass Kluys Betrachtungen über den Ulk-Lyriker sprachlich wenig exquisit anmuten. Es wimmelt darin von irritierenden Schachtelsätzen. Zur erhofften Klarheit über das Multitalent Ringelnatz verhilft einem der Autor nirgends, denn er neigt zu verschleiernden Formulierungen. Zum Beispiel dann, wenn er erklärt: "Wie jeder Mensch, der es verdient, dass die Nachwelt sich nicht nur seiner Werke und Tage annimmt, sondern seiner selbst, ist Joachim Ringelnatz ein Rätsel, das keine Biografie eröffnen kann."

Umso mehr verblüfft es, dass Kluy seiner Ringelnatz-Studie ausgerechnet den Untertitel "Die Biografie" verleiht. Das steht nicht nur im Widerspruch zur eben zitierten Formulierung, sondern klingt anmaßend und ist offenkundig auch so gemeint. Großspurig breitet der Verfasser auf zirka 500 Seiten Fakten aus. Das von ihm entworfene historische Panorama besticht zunächst. Doch bald droht man sich in seinen Exkursen über Wirtschaft und Politik in Kaiserreich und Weimarer Republik zu verlieren. Nicht selten geht so der rote Faden verloren.

Hilmar Klute, der bei der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet, wählte für seine schlanke Lebensbilanz des schrägen Versemachers einen eleganteren Weg, indem er sich auf Kernthemen beschränkte anstatt ausgedehnt das geschichtliche Umfeld des Außenseiters zu beleuchten. Stilistisch profitiert er von Bündigkeit, etwa dort, wo er den begnadeten sächsischen Satiriker als Revoluzzer schildert: "Ringelnatz ist ein radikaler Künstler, der zu seinem Werk auch eine Kunstfigur erfunden hat: Ringelnatz, den Seemann und Dichter - das Projekt Ringelnatz ist nicht übertragbar, es sucht keinen Konsens und keine Teilhabe. Es will bewundert und geliebt werden, aber man darf es nicht anfassen. Das ist die große Freiheit dieses Künstlers und gleichzeitig seine große Einsamkeit." So spritzig Klutes Ringelnatz-Porträt daherkommt, so feuilletonistisch präsentiert es sich. Häufig neigt der Reporter zu Redewendungen aus dem Alltagsjargon. Sie sollen Unterhaltsamkeit garantieren, wirken indes oft flapsig.

Während Alexander Kluy sich eher an ein literarisch geschultes Publikum wendet, bedient Hilmar Klute die populäre Schiene. Obwohl sich die Ansätze der Experten prinzipiell unterscheiden, braucht es beide Formen der Annäherung an Ringelnatz. Momentan bedarf es jedoch dringlicher der volkstümlichen Variante von Hilmar Klute, um das erlahmende Interesse am Werk des Humoristen wiederzubeleben.

Alexander Kluy: "Joachim Ringelnatz"
Osburg Verlag
504 Seiten
24,90 Euro
ISBN 978-3-95510-077-3

Hilmar Klute: "War einmal ein Bumerang"
Galiani
240 Seiten
19,99 Euro
ISBN 978-3-86971-109-6

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