Ein unmittelbares Erleben

In "Ohne Euch wäre ich aufgesessen" ergänzen persönliche Erlebnisse von Hans Fallada seine bisherigen Biografien.

Das geht gut los: Nach zwei Jahren hinter Gittern versucht er sich im normalen Leben einzurichten. Das erste Stück in dem Band von Familienbriefen, herausgegeben vom Sohn Falladas, Achim Ditzen, ist an die "Lieblingsschwester" Elisabeth und ihren Mann gerichtet. Und der Mann, der ihn schrieb und damals noch Rudolf Ditzen hieß, bittet die Schwester, dass er doch seinen Geschwistern "wenigstens dann und wann einmal von meinem Ergehen schreiben darf", denn nun ist er aus dem Zentralgefängnis Neumünster entlassen, wo er wegen Veruntreuung von Geldern für seine Alkohol- und Morphiumsucht einsaß. Und die Geschwister nehmen diese Bitte an.

Seither wird er über seine Lebensumstände, die nur scheinbar in ruhigeres Fahrwasser kommen, berichten. Der Briefband ist eine Biografie, die aus der Unmittelbarkeit der persönlichen Erlebnisse ergänzt, was wir als Fallada-Leser schon aus den Biografien unter anderem von Jürgen Manthey (1973), Tom Crepon (1978), Werner Liersch (1978) wissen. Diesen verwirrenden Lebensroman des Rudolf Ditzen, der sich als Autor Hans Fallada nennen wird und der noch heute mit den neu aufgelegten Romanen in die Bestsellerlisten gelangt, seine Geschichte von 1928 bis zu seinem Tod 1947 erzählen diese Briefe.

Hier lesen wir aus unmittelbarem Erleben. Wer war dieser Rudolf Ditzen alias Hans Fallada? Er war ein großes Erzähltalent und ein labiler Mensch, der seine Probleme immer wieder in Alkohol und Rauschgift zu lösen versuchte und sich dabei immer tiefer in schlimme Abhängigkeiten brachte. Aber in diesen Geschwisterbriefen geht es erst einmal aufwärts. Er bekommt eine Stelle als Anzeigenwerber beim "General-Anzeiger" in Neumünster (Notabene: Um die gleiche Zeit agierten zwei andere künftige Schriftsteller als Journalisten in Neumünster, der spätere Mitwirkende am Rathenau-Mord Ernst von Salomon und Bodo Uhse, der in der Landvolkbewegung der Chefredakteur der ersten Tageszeitung der Nazis werden sollte).

Fallada wird diese Ereignisse in dem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" beschreiben. Da ist er schon von Neumünster nach Hamburg gezogen, wo ihn Ernst Rowohlt in seinem Verlag beschäftigt. Und er hat Anna "Suse" Issel geheiratet, die den schwierigen Mann leben hilft. Doch es kommen ja auch schwierige Zeiten, und zuvor noch der erste große Erfolg des Erzählers Hans Fallada "Kleiner Mann - was nun?".

Schwager Heinz Hörig, der den Vorabdruck liest, schreibt an Fallada: "... da kommt Dein Roman: und der ist so verflucht ausgezeichnet ...", und Fallada kann antworten, dass im ersten Jahr schon 40.000 Exemplare verkauft wurden. So geht es weiter, aber da ist eben auch diese Zeit, die ihren Tribut fordert. Falladas Schwierigkeiten in der Nazizeit sind bekannt, und sie enden in einer persönlichen Katastrophe. Er lässt sich von seiner Frau scheiden, geht mit dem Revolver auf sie los und kommt in die Heilanstalt Altstrelitz; auch das wusste man schon aus biografischen Arbeiten.

Aus dieser Korrespondenz scheint es, als habe der Herausgeber die katastrophalen Ereignisse nicht so recht deutlich mit Briefen belegt. Was hier als "bedauerlich" bezeichnet wird, war in Wirklichkeit ein "Albdruck", wie es in einem nachgelassenen Roman heißt. Die junge Ursula Losch, Alkohol, Rauschgift; Johannes R. Bechers Versuche einer Hilfe - das Ende kommt: "Jeder stirbt für sich allein", und Fallada am 5. Februar 1947 im Krankenhaus Pankow. Die Fallada-Gemeinde wird die Briefe mit Interesse aufnehmen. Aber wer wissen will, wer dieser Mann wirklich war, muss seine Romane lesen und die biografischen Hintergründe zur Kenntnis nehmen. Fallada ist auf solche Weise unserer Aufmerksamkeit auch heute wert.

Hans Fallada: "Ohne Euch wäre ich aufgesessen"

Aufbau

473 Seiten

26 Euro

ISBN 978-3-351-03714-7

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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