Ein wütender Volksstamm im Krieg mit sich selbst

Paul Theroux erzählt sein Vaterland als "Mutterland" und macht aus dieser Geschichte ein tragikomisches Jahrhundertleben in Amerika.

Irgendwo an der Nordküste von Hawai hat er sich niedergelassen. Der Fernreisende scheint heimisch geworden. Geboren ist Paul Theroux 1941 in Medford (Massachusetts), und nach ein paar frühen Jahren als Lehrer in Italien, Uganda und Singapur begann sein literarisches Leben mit einer Eisenbahnreise um die Welt. "The Great Railway Bazar", 1975 erschienen, erzählt wie er in einer abenteuerlichen Zugreise von London, wo er damals lebte, bis nach Asien reiste. Und mittlerweile sind nahezu zwei Millionen von diesem Bestseller verkauft worden.

Mit seinen weiteren Büchern über die Fahrten in ferne Länder und Kontinente ist er heute wohl der berühmteste lebende Reiseschriftsteller. Und als solcher ist er auch in Deutschland bekannt. Aber Theroux hat neben diesen Erkundungen und Abenteuern rund um die Welt auch die Geschichte seiner Kindheit und Jugend beschrieben, "Mutterland" heißt denn das jüngste Buch des Erzählers, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und der Titel verweist schon auf die Erfahrungen, die hier erzählt werden, auf das Zentrum des Geschehens und die Welt der Konflikte in einer amerikanischen Familie. Es beginnt damit:

Der Vater liegt im Sterben, die acht Kinder werden von der Mutter nach Hause gerufen. Und wer nun das gängige Muster erwartet, der ungeliebte Vater und die geliebte Mutter, der wird schnell eines Anderen belehrt: Das Mutterland, durch das die Leser geführt werden, ist das Territorium einer Tyrannin, so scheint es. Theroux äußert denn auch auf eine Frage: "Wir waren ein monströses Phänomen, ein wütender isolierter Volksstamm im Krieg mit sich selber, regiert von einer unerklärlichen Wesenheit, der Vorstandsvorsitzenden, der launischen Königin in 'Mutterland'".

Und durch dieses Mutterland wird die Familie, wird die Lebensgeschichte des Erzählers bestimmt. Theroux ist ja ein Erzähler, der die scheinbar simplen Details, die sich aus der Familiensituation, aus den Alltäglichkeiten ergeben, immer als Hintergrund der Enthüllung nutzt, die das Geschehen tragen. Die Genrebezeichnung Roman scheint eine der Erfindungen dieser Geschichte, denn alles Geschehen erscheint uns ganz nahe an der Wirklichkeit. Der Erzähler ist keine Kunstfigur, sondern eben dieser Paul Theroux, der sein Leben erzählt. Wir erfahren so auch dieses Schriftstellerleben: "Ich machte meine Familie schließlich zu meiner Arbeit ... Die Familie, die mir bis dahin vor allem langweilig vorgekommen war, erschien mir auf einmal einzigartig in ihrer Grausamkeit und ihrem Egoismus." Und wir erfahren, wie die Mutter mit ihren acht Kindern umgeht, unter anderem mit den Schwestern Franny und Rose, Lehrerinnen; Floyd, Fred und vor allem natürlich Jay, dem literarischen Abbild des Erzählers.

Ausführlich schildert Theroux seine literarischen Absichten. Er ist erfolgreich, aber die Mutter interessiert sich kaum für das Werk des Sohnes, sie verkauft die ihr gewidmeten Bücher. So verläuft die Familiengeschichte bis ins 100. Lebensjahr der Mutter. Nun muss man sich um ihre Existenz kümmern, denn sie ist das Zentrum der Familie. "Unsere größte Angst galt dem Leben ohne sie. Wer waren wir denn ohne Mutter als Bezugspunkt?" Mutter ist schließlich im Altersheim, noch einmal bedenkt der Erzähler diese merkwürdige Lebenswelt oder sagen wir besser, dieses typische Amerika. Eines Tages gibt es die Nachricht, dass Mutter gestorben ist, und das Bild dieses Familienclans bewegt sich aus dem Wirklichen ins Literarische. Das Tragische verwandelt sich ins Komische, denn der Roman ist eine Geschichte, in der das Lächeln die Trauer versteckt. Theroux erweist sich auch in diesem Buch als ein großer, lesenswerter Erzähler.

Paul Theroux: "Mutterland"

Hoffmann und Campe Verlag

652 Seiten

28 Euro

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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