Schuld und Sühne eines einstigen Idols

Anthony McCarten geht in "Jack" mit einem Idol durchaus hart ins Gericht

Jack Kerouac (1922 bis 1969) hat 1957 mit "On the Road" (zwei Jahre später unter dem Titel "Unterwegs" auf Deutsch erschienen) einen Kultroman geschrieben. Er wurde damit zum Idol einer ganzen Generation. Als die Handlung des biografischen Romans "Jack" von Anthony McCarten im Jahre 1968 einsetzt, säuft der sich allerdings, fett und träge geworden, in Florida zu Tode.

Doch plötzlich steht die angebliche Literaturstudentin Jan vor seiner Tür, deren sehnlichster Wunsch es ist, die autorisierte Biografie des Schriftstellers schreiben zu dürfen. Mit der unglaublichen Behauptung, sie sei seine Tochter, erschleicht sie sich Kerouacs Vertrauen. Mehr noch: Es gelingt ihr, dieses menschliche Wrack noch einmal aufzurütteln.

Das ist keine Biografie, sondern ein Roman. Es ist angebracht, sich dies beim Lesen immer mal wieder ins Bewusstsein zu rufen. Zu authentisch kommt die Lebensgeschichte des Beatnik-Idols daher. Und von der ersten Seite an ist auch spürbar, dass nicht nur die fiktive Figur Jan Kerouac zutiefst verehrt, sondern dies auch McCarten selbst tut. "Von Kerouac lernte ich zu schreiben", sagte der Autor anlässlich der Veröffentlichung dieses Romans. "Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen."

Aber es ist keine blinde Verehrung. McCarten geht mit Kerouac hart ins Gericht. Dieses Buch erzählt weitaus mehr als nur ein Künstlerleben, hier steht ein Mann im Mittelpunkt, der das Leben eines Freundes ausgeschlachtet hat, um daraus den Roman einer ganzen Generation zu generieren. Der ihn mit dem Buch regelrecht ans Messer lieferte. Es geht um Schuld und Sühne, um Lüge und Verantwortung, um Freundschaft und Gleichgültigkeit und zu guter Letzt auch um die US-amerikanische Literatur der 1950er- und 1960er-Jahre. Das Ganze kommt informativ und unterhaltsam verpackt daher, zu Papier gebracht in einem leichten und lockereren Schreibstil.

Dabei lebt diese Geschichte voller Irrungen, Wirrungen und unerwarteter Wendungen von der Hauptperson Jan, der angeblichen Literaturwissenschaftlerin. Durch sie bekommt der Roman Spannung, Pfiff und eine zweite Ebene, die ausgesprochen fesselnd ist. Wer ist diese Jan? Die Tochter? Zumindest wäre es möglich, einige Hinweise sprechen dafür. Fast gerät das Geschehen zu einer Heile-Welt-Familiengeschichte, würde da nicht ein Cousin auftauchen, der, von Misstrauen und Eifersucht getrieben, Nachforschungen anstellt. So gerät Jack Kerouac manchmal direkt in Vergessenheit, bestimmt dieses undurchschaubare Persönchen Jan das Geschehen im Buch.

Das zu lesen macht durchaus Spaß. Auch wenn der Schluss mehrere Fragezeichen im Kopf zurücklassen kann.

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